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Aus: Ausgabe vom 02.04.2026, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Lächeln in Stoffetzen

Beim nächsten Mal bitte ohne mich: Der sehr laute »Cirque du Soleil« gastiert im Theater am Potsdamer Platz in Berlin
Von Gisela Sonnenburg
Premiere der Cirque du Soleil-Show „Alize“ im Theater am Pots.jp
Wesen mit viel Feenkitsch am Leib

Musicals in Deutschland sind ja oft ziemlich laut, aber der französische »Cirque du Soleil« (»Sonnenzirkus«) ist kein bisschen leiser. Im Gegenteil: Zweieinhalb Stunden lang wummern in der Show »Alizé«, die derzeit im Theater am Potsdamer Platz in Berlin zu sehen ist, die Bässe der Computermusik, dass einem die Ohren abfallen könnten. Nur manchmal wird live gezirpt, und ein Wesen mit viel Feenkitsch am Leib macht singend so etwas wie »Aaaaah«. A wie »Alizé«? Text gab es schon vorab, vom weiblichen Conférencier: Es sei verboten, Fotos und Videos von der Show anzufertigen. Dazu hätte ich auch nicht mal Lust.

Das Quantum Poesie der Show ist nämlich etwas klein, die erkennbare Handlung ist lau, und die Beziehung der Darstellenden zueinander ist nicht existent. »Alizé« entspricht dem Geschmack der Oberflächlichkeit, ist aber eben nicht so gut gemacht, als dass man dazu verführt wird. Zwei feminine Elfen sind für viele im Publikum der heimliche Höhepunkt: Hoch über uns hopsen sie an bungeeartigen Seilen auf und ab, strecken dabei mal die Beine, mal die Arme aus, versuchen synchron zu sein, lächeln viel und sind sichtlich stolz darauf, sich in flatterhaften Stoffetzen zu präsentieren.

Die Rahmenhandlung betrifft eine alterslose weibliche Person, die sich in einem zugeräumten Zimmerchen – eine kleine Kastenbühne stellt es dar – ausgiebig langweilt. Bücher vertreiben ihr die Zeit, während sie im Liegen, Rutschen, Robben allerhand akrobatische Kunststückchen vollführt. Dann erschallt die akustische Nemesis des Programms: synthetisch fabrizierter Gewitterdonner.

Dunkel anrollende, sich in Mittellage brechende Klänge sollen an Märchenfilme und Science-Fiction erinnern. Tatsächlich öffnet sich für »Alizé« nicht nur der Horizont, sondern das Bühnenbild selbst: Die kleine Welt wird brachial geteilt, fällt auseinander, und die zwei Bühnenbildhälften fahren in einem Affentempo jeweils nach rechts und links, damit in der Mitte der Blick freigegeben wird.

Ein Zauberbrunnen steht da. Nicht schön, aber mit menschlichem Aufsatz. Eine gelenkige Akrobatin, rank und schlank, liegt dort, zusammengeknüllt wie eine hellgrün angemalte Papierschlange. Das Podest unter ihr dreht sich wie eine Tonscheibe im Töpferstudio. Das Mädchen räkelt sich grazil, trotz der heftigen Umdrehungen. Sie gelangt von gymnastischer Pose zu Pose. Eine Pointe bleibt aus.

Dann tritt ein Junge mit spektakulärer Turnerei auf einem Fahrrad auf, danach ein Artistenduo, bei dem der Kleinere den Größeren ständig anspringt. Im Hintergrund prangt ein herbstlicher Baum: als Symbol für die zweite Lebenshälfte, in der sich das Gros des Publikums befindet.

Die Fee steht tatenlos dabei, auch wenn zeitweise auf der Bühne ein Wirbelsturm wütet und ein Darsteller an unsichtbaren Fäden schwebt. Andere Beinaheclowns scheinen plötzlich zu verschwinden, wenn das Licht wechselt. Laut ist es weiterhin, und weder die musikalische noch die technische Qualität dieses Lärms ist es in meiner Welt wert zu bleiben. Empfindsame türmen darum noch vor der Pause.

Bis 17. Januar 2027

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