junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Mittwoch, 1. April 2026, Nr. 77
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!

Bischofsheim an der Rhön

Von Helmut Höge
Helmut_Hoege_Logo.png

In unser Gespräch über weibliche Kurschatten schaltete sich die Besitzerin der Bahnhofsgaststätte ein: »Bei uns im Ort ist’s grad umgekehrt. Da schnappen sich die Ausländer die einheimischen Frauen. Meistens solche, die eine Kneipe geerbt haben.« Der alte Marktplatz von Bischofsheim an der Rhön wird von Traditionsgaststätten gesäumt, die wegen des Denkmalschutzes noch immer ihre alten Namen haben. Aber die »Sonne« ist heute ein chinesisches Restaurant, die »Frische Quelle« ein griechisches, der »Stern« ein italienisches und das »Brotzeitstüble« ein sächsisches.

Die Wirtin ist schon im Rentenalter, denkt aber nicht daran, die Bahnhofsgaststätte ihrer Tochter, die mit einem Russen verheiratet ist, zu übergeben. Wege der vielen Russlanddeutschen und ihrem Anhang in und um Bischofsheim gibt es dort inzwischen eine kleine orthodoxe Kirche.

Die Gaststätte der Wirtin ist als letztes Relikt des ehemaligen Bahnhofsviertels im heutigen Gewerbegebiet übrig geblieben. Es befindet sich gegenüber dem alten Bahnhofsgebäude. Darin haben sich die Baptisten eingemietet. Das Bahnsteigwaschbecken dient ihnen jetzt als Baptisterium. Wir machten uns auf die Suche nach dem alten Gleisbett. Von der Wirtin erfuhren wir, dass es nun ein Teil des Rhönradweges ist, der von Bad Salzungen in der Thüringischen Rhön bis nach Hammelburg im bayrischen Teil führt. Die nicht gerade zahlreichen Radfahrer hielten bei ihr aber nicht an. »Ich gehe trotzdem nicht weg«, sagte die Wirtin kämpferisch. »Wir sind in der sechsten Generation hier, und irgendwie wird es weitergehen.« Ihre Gaststätte umbenennen, wie der Wirt der Bahnhofskneipe in Gersfeld, die jetzt »Pedale« heißt, will sie auch nicht. Früher kamen immer die Lkw-Fahrer und zechten bis spät in die Nacht. Heute freut sie sich, wenn sie mal um zehn ins Bett kommt. Sie macht auf, wenn sie wach ist und nach unten geht.

»Der Sachse« betrieb hier zunächst vor dem Supermarkt eine Imbissbude, bevor er in den Stadtkern zog, um das alte »Brotzeitstüble« zu übernehmen. So gerne würde die Wirtin da mal hingehen. Sie sei neugierig. Aber, wie der immer aus seinem Laden geschossen komme, um einen hineinzuzerren …, das könne sie nicht ertragen. »Der Grieche und seine Frau sollen sich übrigens scheiden lassen«, erfahren wir noch. »Und der Sachse will den Laden dann übernehmen«. Als wir am Nachmittag beim Sachsen einkehren, sitzt die Frau des Griechen am Tresen und erzählt ihm gerade: » Ich hab’ heut Nacht von dir geträumt!«

»Und wie war’s?« »Schrecklich!« »Warum?« »Ich seh’ dich doch schon jeden Tag! Und jetzt auch noch nachts. Das ist zuviel. Und dann ist in meinem Traum auch noch das ›Brotzeitstüble‹ abgebrannt und du hast dabei ein Bein verloren.« Was das bedeuten könnte, darüber schweigen die beiden sich aus.

In Bischofsheim stehen Holzskulpturen. Es gibt dort, ebenso wie im thüringischen Rhönort Empfertshausen, eine Berufsfachschule für Holzbildhauer. Die beiden Schnitzschulen in der Rhön gehörten zu den ersten ihrer Art, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet wurden, um der armen Landbevölkerung in den waldreichen deutschen Mittel- und Hochgebirgen winters eine Perspektive zu geben. Die Männer hatten bis dahin zumeist Gebrauchsgegenstände wie Löffel, Holzschuhe, Tabakpfeifen und Dreschflegel hergestellt, während die Frauen Hanf, Flachs und Wolle verarbeiteten sowie Stroh verflochten. Beim Verkauf ihrer Waren waren sie auf Hausierer bzw. Großhändler angewiesen. Von der Qualifizierung wenigstens der talentiertesten Jugendlichen erhoffte man sich eine Verbesserung der Lage der Kleinbauern und Knechte in der Rhön. Hüben wie drüben wurden jedoch pro Schuljahr nicht mehr als sechs Schüler aufgenommen.

In Empfertshausen stießen wir auf Tierplastiken, während in Bischofsheim biblische Motive überwiegen. Man arbeitet dort für die katholische Kirche und sogar für den Vatikan. Die einen wie die anderen Holzbildhauer bearbeiten heute ihre Stämme mit Motorsägen. In Empfertshausen verweigerte sich jedoch einer: »Ich bin Schnitzer und kein Waldarbeiter«, meinte er. In Bischofsheim, wo einige ehemalige Schüler leben, die sich als Holzbildhauer selbständig gemacht haben, gibt es dagegen mehrere, die ihre Aufträge von computergesteuerten Maschinen erledigen lassen, die zum Beispiel aus einer kleinen Madonna als Vorlage eine lebensgroße machen. Nur die Augen muss der Künstler noch mit der Hand nacharbeiten.

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.