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Aus: Ausgabe vom 30.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Nationalschätze

Größer als das Leben: Lee Sang-ils Literaturverfilmung »Kokuho – Meister des Kabuki«
Von Marc Hairapetian
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Leidenschaft für das traditionelle japanische Theater

Dass die besten Filme gegenwärtig selten aus Hollywood kommen, ist längst kein Geheimnis mehr. Vor allem Südkorea und Japan tun sich immer wieder hervor. Regisseur Lee Sang-il vereinigt cineastisch das Beste beider Länder in sich. Regelmäßig arbeitet er mit seinem Lieblingsakteur Ken Watanabe zusammen, wie in »Unforgiven« (2013), wo er ein Remake von Clint Eastwoods gleichnamigem epischen Western drehte. Bei seinem neuesten Werk »Kokuho – Meister des Kabuki« ist Watanabe ebenfalls in einer entscheidenden Rolle wieder mit von der Partie, als fordernd-mitfühlender Schauspiellehrer, der ertragen muss, wie sich seine Musterschüler, Sohn Shunsuke (jung: Keitatsu Koshiyama, erwachsen: Ryusei Yokohama) und der aus einer Yakuza-Familie stammende Kikuo (Soya Kurokawa/Ryo Yoshizawa) nach anfänglicher Freundschaft über Jahrzehnte duellieren.

Die mehr als ein halbes Jahrhundert umspannende Geschichte beginnt 1964 in Nagasaki. Nach dem Tod seines Vaters, Oberhaupt eines kriminellen Syndikats, findet der 14jährige Kikuo Zuflucht bei besagtem berühmten Kabuki-Schauspieler. Dank ihm entdeckt er die Leidenschaft für das traditionelle japanische Theater. Der als Onnagata »die Rolle der spielenden Frau« übernehmende Junge und Hanjiros Sohn Shunsuke wachsen gemeinsam auf. Zwischen Zuneigung und Hass, Bewunderung und Verachtung sowie Ruhm und Skandalen treibt beide derselbe Traum unermüdlich an: den Gipfel der Theaterkunst zu erreichen und als größter Kabuki-Meister seiner Zeit in die Geschichte einzugehen.

Ein Film, größer als das Leben, der bei allen magischen Momenten der Inszenierung dennoch äußerst realistisch den harten Alltag der Selbstüberwindung dokumentiert. Der Titel bezieht sich auf die offiziellen Nationalschätze Japans, einschließlich der lebenden (der »Ningen Kokuho«). Das auf einem Roman von Shuichi Yoshida basierende Melodram ist nach »Villain« (2010) und »Rage« (2016) bereits Lee Sang-ils dritte Adaption eines Werks dieses Autors und der beste Beweis dafür, dass auch jenseits des Mainstreams die Kinokassen klingeln können. In seiner Heimat spielte »Kokuho – Meister des Kabuki« bereits umgerechnet über 100 Millionen US-Dollar ein, enorm für einen »Arthouse«-Film.

Auch ohne vorherige Berührungspunkte mit dieser traditionellen Kunstform folgt man gebannt den Ereignissen auf und hinter der Bühne. Sang-ils tunesischer Kameramann Sofian El Fani operiert mit einem Wechselspiel aus Totalen und Großaufnahmen, um die Dynamik der Kunstproduktion einzufangen. Neben den ausgezeichneten Darstellern besticht der für einen Oscar (Bestes Make-up und Frisuren) nominierte dreistündige Film vor allem durch den einzigartigen Score von Marihiko Hara und das aufwendige Produktionsdesign von Yohei Taneda.

»Kokuho – Meister des Kabuki«, ­Regie: Lee Sang-il, Japan 2025, 175 Min., bereits angelaufen

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