»Stern des Ostens« über Palästina
Von Helga Baumgarten
Gaza in Zeiten des Völkermordes: Umm Kulthum bringt die Menschen zusammen, in jeder auch noch so winzigen Pause der Bombardements. Um sechs Uhr jeden Abend spielt Radio Adschjal eine Stunde lang Lieder der »Sitt«, der großen »Dame« der arabischen Musik. Unser Freund Saradsch Al-Sersawi, Solist auf der Ud aus Gaza, erinnert an sie und ihre Rolle in der Zeit des Nasserismus, des arabischen Nationalismus, des Antikolonialismus und des weltweiten Befreiungskampfes von Palästina bis Vietnam. Ihre Verbindung zu Palästina reicht lange zurück; auf ihren Konzertreisen besuchte sie Haifa, Jaffa und Jerusalem dreimal, zuletzt 1935, als sie im »Edison« in Jerusalem auftrat. Anscheinend wurde sie dort von begeisterten Zuhörern zum ersten Mal »Kaukab Al-Schark«, »Stern des Ostens«, genannt.
Umm Kulthum hat eine außergewöhnliche Lebensgeschichte. Sie wurde 1898 in einem kleinen Dorf im Nildelta geboren. Ihr Vater, der Dorfscheich, nahm sie als kleines Mädchen in das Familienensemble auf, mit dem er überall religiöse Lieder vorstellte. Schon früh faszinierte sie die Zuhörer mit ihrer Stimme. Der Vater erkannte die einzigartige Begabung der Tochter und ging mit ihr nach Kairo, ins Zentrum der arabischen Musik. Dort nahmen die wichtigsten Dichter, Komponisten und Musiker sie unter ihre Fittiche. Mit ihrem Hintergrund in religiöser Musik und mit der Sprachschulung durch den Koran dauerte es nicht lange, bis sie die Kairoer Musikszene dominierte und von dort aus ihren Ruhm in der gesamten arabischen Welt verbreitete.
Nach dem Junikrieg 1967, der verheerenden Niederlage, die Israel Ägypten und dem Nasserismus zugefügt hatte, weigerte sich Umm Kulthum, darüber zu verzweifeln. Statt dessen entschied sie sich für den Weg in die Zukunft, mit ihrer Stimme, »meiner Waffe«, wie sie formulierte. Wohl auf Wunsch des französischen Präsidenten Charles de Gaulle kam sie im November 1967 nach Paris, wo sie im Theater »Olympia« vor vollem Haus auftrat. Berichten zufolge war de Gaulle unter den Zuhörern. Vorgestellt wurde sie vom ägyptischen Radioreporter Dschalal Muawad: »Heute singt Umm Kulthum in Paris, morgen wird sie im besetzten Jerusalem singen.«
Sie gab dem palästinensischen Widerstand, der die arabische Welt seit 1967/68 hinter sich vereinte, ihre uneingeschränkte Unterstützung. Ihr Lied »Nur ein Weg« (»Tarik Wahid«) spielte dabei eine zentrale Rolle: »Ich ziehe mit den Rebellen, bin einer von ihnen / Seit mein Gewehr ich trag, seit diesem Tag / Ihr, die Rebellen in Jerusalem / In Hebron, in Bisan, in Al-Aghwar / In Bethlehem, wo ihr einst wart / Schreitet voran, ihr Freien, schreitet voran / Nach Palästina führt nur ein Weg / Der durch die Mündung des Gewehrs verläuft.« Die Worte schrieb der große syrische Dichter Nizar Kabbani, und Umm Kulthums Sängerkollege Mohammed Abd Al-Wahab vertonte sie. Nachzulesen ist das Lied in dem kleinen, aber feinen Büchlein »Das Herz liebt alles Schöne. Die Lieder der Umm Kulthum«, erschienen in dritter Auflage 2017. In einem anderen Lied heißt es unmissverständlich: »Gib mir meine Freiheit, nimm die Fesseln von meinen Händen.« Durch ihre Persönlichkeit repräsentierte sie diese Freiheit für alle Frauen.
Nach dem Tod des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser im September 1970 – sie verehrten sich gegenseitig – sang sie weiter für die Menschen in der gesamten arabischen Welt. Ihre monatlichen Livekonzerte wurden vom ägyptischen Radio überall ausgestrahlt. Besonders in Palästina warteten die Menschen ungeduldig darauf, in den 1950er Jahren in den lokalen Cafés, da niemand ein eigenes Radio besaß. Nach schwerer Krankheit starb sie 1975, ihre Beerdigung in Kairo war die größte in Ägyptens Geschichte und vereinte Millionen hinter ihrem Sarg. Umm Kulthum fasziniert auch Rockstars wie Robert Plant von Led Zeppelin, so dass Rolling Stone sie 2023 als Nummer 61 in die Liste der 200 größten Sängerinnen und Sänger aller Zeiten aufnahm. Der saudische Fernsehsender Rotana Klassik Live ermöglicht jedem, die »Sitt« allabendlich in historischen Mitschnitten zu erleben – endlich etwas Positives aus Saudi-Arabien.
Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«
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