Am Abgrund zurückgewichen
Von Leo Schwarz
Vor ein paar Jahren hat der Historiker Vladislav Zubok mit einem Buch über den »Kollaps« der Sowjetunion Aufsehen erregt – jedenfalls in der englischsprachigen Debatte zum Thema. Das Buch richtete sich gegen die Flut von Erzählungen aus den letzten 35 Jahren, die das Ende der UdSSR als unausweichlich bzw. als Resultat irreparabler Defekte darstellen. Zubok vertrat dagegen die Ansicht, dass es die Gruppe von »Reformern« um Michail Gorbatschow war, die ab 1985 die Weichen in Richtung Abgrund stellte. Diese Beobachtung ist natürlich nicht neu, aber hier wurde sie sehr ausführlich, nicht polemisch, sondern systematisch und auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes begründet – von einem Autor, der kein Marxist ist und politisch nicht mit der Sowjetunion sympathisiert. Zubok ist in der UdSSR aufgewachsen und lehrt seit Jahrzehnten im »Westen«.
Nun hat Zubok eine Geschichte des Kalten Krieges vorgelegt, die in vielen Punkten ebenfalls die Positionen des Mainstreams hinterfragt. Der Modus des sowjetischen Zusammenbruchs habe, so Zubok, im Westen dazu geführt, dass die zuvor gängige Übertreibung des »bedrohlichen« sowjetischen Potentials von einer triumphalistischen Verächtlichmachung abgelöst wurde: Weil das, was zwischen 1989 und 1991 geschah, wie ein »absoluter Sieg« des Westens aussah, konnten die sehr spezifischen Faktoren, die diesen Sieg herbeigeführt hatten, leicht ausgeblendet werden.
Zweierlei Ende
Zubok bekräftigt in diesem Buch die Ansicht, dass die Chaotisierung der sowjetischen Innenpolitik durch Gorbatschow die Hauptzutat für den Prozess der Zerstörung der Sowjetunion und den »Sieg« des Westens im Kalten Krieg war. Der eigentliche Hebel dieser Zerstörung war die 1990/91 gegen die Union gerichtete Forderung nach einer Souveränität Russlands, auf die Boris Jelzin seinen politischen Aufstieg gründete. Gegen diesen Angriff richtete sich der Putsch vom August 1991, dessen Scheitern das Ende erst garantierte: »Der verpfuschte Staatsstreich war ein Zufall der Geschichte, der Jelzin zum unwahrscheinlichen Gewinner machte und es ihm erlaubte, den Zentralstaat zu demontieren, die Partei zu verbieten, das KGB zu dezimieren und sein Programm der Zerstörung des ›Reichs des Bösen‹ zu vollenden.«
Erst durch diese Ereignisse fiel, darauf weist Zubok nachdrücklich hin, das Ende des Kalten Krieges mehr oder weniger mit dem Ende der Sowjetunion zusammen. Das musste nicht so kommen: China ist, wie Zubok herausstellt, schon zu Beginn der 70er Jahre aus dem Kalten Krieg ausgestiegen und »kollaborierte« anschließend mit den USA über einen Zeitraum von rund 40 Jahren.
Der Anspruch Zuboks in dem Buch ist es, nicht nur die Entwicklung des Verhältnisses zwischen den beiden »Supermächten« und deren für die globale Konstellation relevante innere Entwicklung in den Blick zu nehmen, sondern eine multiperspektivische Geschichte des Kalten Krieges zu liefern. Er hat »sowjetische und nichtwestliche Akteure« in seiner Darstellung besonders berücksichtigt, denn diese seien von den gängigen US-zentrierten Narrativen über den Kalten Krieg »zum Schweigen gebracht« worden. Eine zentrale Ebene ist dabei die der Dekolonisierung, die Zubok insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Überdehnung der sowjetischen Ressourcen interessiert: Washington war dem Ringen um Einfluss in den unabhängig gewordenen Ländern ökonomisch gewachsen, Moskau nicht. Während der Ost-West-Gegensatz in Europa stabilisiert zu sein schien, war der Kalte Krieg in Lateinamerika, Afrika und Asien eine Abfolge von Stellvertreter- und Bürgerkriegen, die die sowjetischen Ressourcen wirtschaftlich und militärisch viel stärker beanspruchten als die der USA.
Zubok unterscheidet vier Phasen in der Geschichte des Kalten Krieges. Auch wenn er hier nicht durchgehend ganz klar ist und im späten Stalin eher eine ambivalente Figur sieht, ist für Zubok die sowjetische Politik nach 1945 in erster Linie von einem Bedürfnis nach Sicherheit und Anerkennung geprägt gewesen. Dazu gehörte allerdings auch der Anspruch auf ein strategisches Vorfeld. Hieran entzündete sich binnen kurzer Zeit die Konfrontation mit den ehemaligen Verbündeten in der Antihitlerkoalition.
Die erste, relativ kurze Phase des Kalten Krieges, in der Politiker und Militärs auf beiden Seiten mit einem neuen (Welt-)Krieg in naher Zukunft rechneten, fällt ungefähr mit dem Krieg in Korea zusammen. Anschließend trat diese Erwartung in den Hintergrund, während gleichzeitig das Wettrüsten (konventionell und nuklear) forciert wurde. Bis zum Ende der 60er Jahre zog die UdSSR im Bereich der Nuklearwaffen mit den USA gleich. In diese Phase fällt die Kuba-Krise, in der es, so Zubok, die Sowjetunion gewesen ist, die »vor dem Abgrund« zurückwich.
Die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre einsetzende dritte Phase war die einer vorübergehenden Entspannung zwischen den Supermächten, als deren auf Sicherheit und wirtschaftliche Interessen konzentrierte Antreiber Zubok vor allem Westeuropa mit der Bundesrepublik und Frankreich sowie die sowjetische Führung um Leonid Breschnew ausmacht. »Einflussreiche Kräfte« in den USA, die schließlich mit Ronald Reagan ihren Mann ins Weiße Haus brachten, verfolgten diese »Détente«, deren Ausdruck die Rüstungskontrollverträge und die Schlussakte von Helsinki waren, mit Zurückhaltung. Das seit dem Anfang der 60er Jahre in offenem Streit mit Moskau liegende China schied in dieser Phase aus dem Kalten Krieg aus und wurde spätestens 1979 mit dem Besuch Deng Xiaopings in den USA und dem Angriff auf Vietnam zu einem »provisorischen« Verbündeten Washingtons.
Die »Ideologie der Menschenrechte« – die in der Frühzeit des Kalten Krieges keine besondere Bedeutung hatte, wie Zubok nüchtern feststellt – ermöglichte es den USA nach 1975, den nach dem Vietnamkrieg zerrütteten »Cold War liberalism« noch einmal neu zu erfinden und den Westen wieder hinter dem eigenen Programm zu sammeln. Die sowjetische Führung glitt unterdessen in eine »kollektive Sklerose«. Als historischer Umschlagpunkt erscheint die Helsinki-Konferenz: Breschnew war »glücklich wie ein Kind« über deren Zustandekommen und Resultate, aber seine Erwartung einer stabilen bilateralen Partnerschaft mit den USA und eines »europäischen Konzerts« erwies sich als Fehlkalkulation.
Die in Helsinki vertraglich festgeschriebene Menschenrechtsrhetorik wurde schnell von den westlichen Regierungen »und von einer wachsenden Zahl an transnationalen und Nichtregierungsorganisationen instrumentalisiert«. In West- und in Osteuropa wendeten sich Intellektuelle in Scharen »von Marx, Lenin und Mao ab und begannen, Menschen- und Minderheitenrechte zu predigen«. Zuhause nur kleinen Zirkeln bekannte antikommunistische Dissidenten, die in den Westen gingen oder ausgewiesen wurden, fanden dort reichweitenstarke Plattformen. In Moskau, so Zubok, war man für diese Gefahr »blind«. Breschnew war seit 1975 ein kranker Mann, der nicht mehr in der Lage war, »das riesige Schiff des sowjetischen Staates und dessen Außenpolitik zu steuern«. Gleichzeitig wich der Optimismus in der sowjetischen Gesellschaft in diesen Jahren einem neuen Pessimismus: Für viele Menschen wurde der westliche Konsumstandard zum Ideal, vor allem junge Leute wollten »nicht länger mit dem sowjetischen Experiment assoziiert werden«.
Run auf den »Westen«
In der vierten und letzten Phase ab etwa 1980 dynamisierte sich die wirtschaftliche Entwicklung in den kapitalistischen Ländern erneut, während sich aus Moskauer Sicht die ökonomischen »Errungenschaften« der Entspannungsperiode – Verkauf von sowjetischem Öl und Gas im Westen, Zugang zu westlichen Krediten und Konsumgütern – zur »Hauptquelle der Verwundbarkeit des sowjetischen Blocks« entwickelten. Schließlich setzte Gorbatschows Politik, als »leninistische« Antwort auf die entstandene Krisenlage konzipiert (oder, was Zubok nicht reflektiert, lediglich als solche verkauft), die UdSSR ab 1985 auf die »Schnellspur« zum »unkontrollierten Zusammenbruch«.
Das Resultat dieses Zusammenbruchs war – erstmals in der Geschichte der Menschheit – eine für etwa zwei Jahrzehnte tatsächlich »unipolare« Welt. Im Januar 1992 erklärte US-Präsident George Bush, »Amerika« habe durch »die Gnade Gottes« den Kalten Krieg gewonnen. Die russischen und chinesischen Eliten, stellt Zubok fest, wetteiferten darum, zum Westen zu gehören, den sie nicht als Lager der »Freiheit«, sondern als »Klub der Reichen und Erfolgreichen« betrachteten. Die Behandlung Russlands und Chinas allerdings unterschied sich: Während zwischen 1992 und 1999 283 Milliarden US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen nach China flossen, wartete Jelzin, der Bush 1992 erfolglos ein Bündnis anbot, darauf vergeblich. Washington versuchte statt dessen, die »Herabstufung« Russlands von einer nuklearen Supermacht zu einem »regionalen Partner« zu »managen«. Und das ging schief.
Vladislav Zubok: The World of the Cold War 1945–1991. Pelican, London 2025, 521 Seiten, ca. 23 Euro
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Leserbrief von Manfred Pohlmann (9. März 2026 um 17:11 Uhr)Es sind wichtige Themen, die Zabok anstößt mit seinen Überlegungen hinsichtlich des Zerfalls der UdSSR und des damaligen Weltsystems. Infolge des Strebens nach einer »westlichen Konsumwelt«, gepaart mit ideologischen Verblendungen und Verführungen, waren die Köder ausgelegt. Was macht die heutige VR China, als aktuell größtes »sozialistisches Versuchsfeld«, im Gegensatz zur damaligen UdSSR, so stabil? Viele bedeutende Chronisten (u. a. U. Behrens, M. Kunzmann, J. Kronauer, J. Sachs, B. Schneider) sehen als einigende und zukunftsweisende Kraft die Kommunistische Partei. Für sie gilt offenbar das Modell »Überholen statt Einzuholen 2.0« (W. Ulbricht). In weiser Gelassenheit, also chinesisch-harmonisch, werden die Instrumente des privaten Kapitals, der schwindelerregende Aufschwung von Forschung und Wissenschaft genutzt und offenbar auch breiteste Bevölkerungsschichten an ihren ureigensten Bedürfnissen abgeholt und mitgenommen. So ganz ist demnach der Einschätzung Zarboks nicht zu folgen, dass die VR China »den Westen« aktuell zum Vorbild nähme. Das schließt nicht aus, dass z. B. die USA nicht doch über die elektronischen Medien einen gewissen mentalen Einfluss (mediale Neokolonisation) auf viele Menschen haben könnten. Dennoch scheint es so, dass mit Hilfe einer Weltanschauung, die die Gesetzmäßigkeiten der Natur und Gesellschaftsformationen reflektiert und dabei auf Vernunft setzt, dass also die chinesische Staatsphilosophie mit dem Streben nach einem harmonischen Metabolismus und einer multipolaren Welt auch innenpolitisch sehr stabil scheint. Das alles, während »der Westen«, wie es scheint, dabei ist, sich allein auf KI-gestützte Kriegs- und Terroraktionen eine Zukunft herbeizubomben versucht und sich dabei auch noch auf religiöse Wahnvorstellungen verlegt. Alle Vorzeichen stehen auf der einen Seite für eine wissenschaftlich begründete Zukunft, auf der anderen für eine Rückwärtsgewandtheit Richtung Mittelalter. Kein geringerer als W. Liebknecht formulierte vor 150 Jahren: »Man glaubt sich in die wüstesten Zeiten nach der Reformation zurückversetzt, so breit macht sich das religiöse Gezanke, und was das Schlimmste, es ist keiner der streitenden Parteien Ernst damit – Ernst ist es ihnen bloß mit dem Streben, sich die ausschließliche Herrschaft über die Geister der umnachteten Masse zu sichern.«(VVW »Wissen ist Macht …«, 1968, S.64) Sorgen wir dafür, dass es Tag werde in den Köpfen der Massen!
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (9. März 2026 um 09:56 Uhr)Meiner Ansicht nach wird in vielen Darstellungen der Zusammenbruch der Sowjetunion zu stark als historisch unvermeidlich oder als »Sieg« des Westens interpretiert. Tatsächlich spielte die naive Politik Michail Gorbatschows dabei eine entscheidende Rolle. Reformen wie Glasnost und Perestroika waren grundsätzlich notwendig, weil das sowjetische System wirtschaftliche und strukturelle Probleme hatte. Der entscheidende Fehler lag jedoch in der Umsetzung. Gorbatschow öffnete das politische System schnell und weitreichend, ohne gleichzeitig die staatliche Kontrolle und Stabilität zu sichern. Dadurch gerieten politische Konflikte, nationale Bewegungen und Machtkämpfe innerhalb der Elite außer Kontrolle. Ein Vergleich mit China zeigt, dass wirtschaftliche Reformen auch unter Beibehaltung einer strikten politischen Kontrolle möglich gewesen wären. Die Sowjetunion befand sich zudem Ende der 1980er Jahre keineswegs in einer klassischen Schuldenkrise – ihre staatliche Verschuldung war deutlich geringer als die vieler westlicher Staaten. Der Zerfall der UdSSR erscheint daher weniger als zwangsläufiger historischer Prozess, sondern eher als Folge einer politisch naiven Reformstrategie, die letztlich dazu führte, dass der Führung selbst die Macht aus den Händen glitt.
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