Lobo Antunes gestorben
António Lobo Antunes, einer der wichtigsten portugiesischen Autoren der Gegenwart, ist tot. Er starb am Donnerstag im Alter von 83 Jahren, wie die Verlagsgruppe Leya bestätigte. Lobo Antunes lebte nach eigenen Worten »nur für die Bücher«. Selbst im hohen Alter dachte der außerordentlich produktive Autor nicht ans Aufhören. In den letzten Jahren hatte er sich allerdings aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
Stark geprägt wurde Lobo Antunes durch den Kolonialkrieg in Angola Anfang der 1970er Jahre. Der junge Arzt aus einer wohlhabenden Familie war von der Salazar-Diktatur dorthin geschickt worden. »Das war schrecklich, bei einem Krieg gibt es nur Verlierer. Es war eine radikale Erfahrung, die mein Leben verändert hat«, sagte er später. Danach arbeitete Lobo Antunes zunächst als Psychiater in Lissabon. 1979 gelang ihm mit seinem zweiten Roman »Der Judaskuß« der internationale Durchbruch. In dem stark autobiographischen Monolog eines Kriegsveteranen schilderte er Schmerz, Erinnerungen und Bitterkeit. Später war er etwa mit »Fado Alexandrino« (1983) und »Das Handbuch der Inquisitoren« (1996) erfolgreich.
Lobo Antunes’ Texte sind in einer bildreichen Sprache verfasst, atmosphärisch dicht und oft komplex konstruiert. Seine 37 Bücher erschienen in rund 60 Sprachen. Ein unverwechselbarer Stil: kunstvoll, vielschichtig, häufig mit Perspektiv- und Tempuswechseln – manchmal beinahe labyrinthisch. Seine Texte schrieb Lobo Antunes mit Kugelschreiber auf kleine Notizzettel. »Schreiben ohne Kondom«, nannte er diese Methode. Obwohl fortwährend als möglicher Preisträger gehandelt, sagte Lobo Antunes einmal der spanischen Zeitung El Mundo: »Ich scheiß’ auf den Nobelpreis. Auszeichnungen machen Bücher nicht besser.«
Das ganze Leben – das waren für ihn Erinnerungen, Phantasien, Reflexionen und Gespräche mit Lebenden und Toten. Sein eigenes war von Krankheit geprägt. Als Kind war Lobo Antunes ein Jahr lang ans Bett gefesselt, um eine Tuberkulose auszukurieren. 2007 überlebte er eine schwere Krebserkrankung, später noch zwei weitere. Themen wie Angst, Tod, Gewalt und Melancholie prägen deshalb viele seiner Bücher – ebenso wie Erinnerungen und Beobachtungen aus dem Alltag. »Das, was ich schreibe, kann man nicht Romane nennen«, erklärte er. Ihn interessiere nur der Versuch, »das ganze Leben zwischen die zwei Deckel eines Buches zu stecken«.
2007 erhielt Lobo Antunes den wichtigsten Literaturpreis der portugiesischsprachigen Welt, den Prémio Camões. Oft wurde er als »Meister der portugiesischen Sprache« gefeiert. Er selbst sah sich nüchterner: »Ich bin introvertiert, verschlossen. Voller Selbstzweifel. Es ist nicht leicht, mit mir zu leben. Es ist so, als ob ich ständig im Bürgerkrieg wäre.« (dpa/jW)
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