Im Wasser wie in Büchern
Von Wolfgang Nierlin
Kurze, undeutlich aufflackernde Bildschnipsel von Silhouetten und fragmentierten Körperteilen in Großaufnahme, assoziativ montiert und in Bewegung versetzt, eröffnen und strukturieren Kristen Stewarts Regiedebüt »The Chronology of Water«. Gemäß dem abstrakten Titel simulieren beziehungsweise evozieren die fiebrigen Bilder einen subjektiven Bewusstseins- und Erinnerungsstrom, indem sie in der Abfolge in der Zeit vor- und zurückspringen. »Erinnerungen sind Geschichten«, flüstert eine Stimme aus dem Off, während tendentiell verstörende Bilder und schneidende Sounds andere Bilder auslösen, sich zusammenfügen oder voneinander entfernen in der Verschwommenheit eben des titelgebenden Elements, das alles spiegelt oder verschluckt. Plötzlich färbt sich das Wasser rot und man ahnt, dass das Fragmentierte in seinen wiederkehrenden Mustern von traumatischen Erfahrungen und Schmerzen handelt. Und dass in ihm eine radikal weibliche Sicht zum Ausdruck kommt.
Für ihr unkonventionelles Erstlingswerk hat die Schauspielerin (und 2023 Jurypräsidentin der 73. Berlinale) Kristen Stewart das gleichnamige autobiographische Buch der ehemaligen Schwimmerin Lidia Yuknavitch adaptiert. In fünf Kapiteln, die so poetische Titel tragen wie »Den Atem anhalten«, »Unter dem Blau«, »Das Nass«, »Wiederbelebungen« und »Die andere Seite des Ertrinkens«, folgt sie ihrer von Imogen Poots kompromisslos verkörperten Heldin Lidia auf deren Weg zwischen Selbstzerstörung und Selbstermächtigung. Wie ihre ältere Schwester Claudia (Thora Birch) von einem herrischen, übergriffigen Vater (Michael Epp) sexuell missbraucht und in eine scheinbar ausweglose Abhängigkeit gezwungen, erlebt sie ihre Erfolge im Schwimmen zunächst als Befreiung. Doch auch das mögliche Refugium des Sports wird von toxischem Drill, Unterordnung und männlicher Gewalt dominiert. Lidia flüchtet zu Alkohol, Sex und Drogen, wird schwanger und erlebt das Trauma einer Totgeburt.
Schließlich findet die junge Frau im Schreiben einen Ausweg. Sie schreibt: »Im Wasser wie in Büchern kannst du dein Leben verlassen.« Ein Schreibkurs bei Ken Kesey an der University of Oregon hilft ihr schließlich, die eigene Stimme zu finden. Zugleich unterzieht sie sich bewusst der Erfahrung körperlicher Schmerzen. Dabei steht die unterdrückte und tabuisierte Weiblichkeit in all ihren Formen im Mittelpunkt, was Kristen Stewart in zum Teil unangenehme visuelle Schocks übersetzt. Das Offene des weiblichen Geschlechts sowie das Flüssige und Fließende werden zu Metaphern gewaltsamer Unterdrückung: »Alles, was ich war, war ein blutender Körper.« Das »Innere der namenlosen Nässe« wird zugleich zu einem Fluchtort. Denn im unbestimmten Zerfließen und in der richtungslosen Ausbreitung des nassen Elements erfährt Lidia trotz bleibender Unsicherheit auch Zuspruch und Ermutigung: »Das Wasser wird dich halten.«
»The Chronology of Water«, Regie: Kristen Stewart, USA/Frankreich/Lettland 2025, 128 Min., Kinostart: heute
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