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Aus: Ausgabe vom 05.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Comic

So ist das heute

Sebastian Fitzeks und Frank Schmolkes düstere Comicthriller »Der Augensammler« und »Der Augenjäger«
Von Marc Hieronimus
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Mord? Was sonst?

»Alles, was man für einen guten Krimi braucht, ist ein guter Anfang und ein Telefonbuch, damit die Namen stimmen«, hat Georges Simenon gesagt, einer der fleißigsten und erfolgreichsten Krimiautoren überhaupt. Sebastian Fitzeks von Frank Schmolke zeichnerisch für den Bielefelder Splitter-Verlag umgesetzer Doppelschlag »Der Augensammler« und »Der Augenjäger« beginnt so: Berlin. Die U 8 poltert Richtung Hermannstraße. Drin sitzt »Alexander Zorbach, Polizeireporter. Expolizist ... und seit heute morgen Exehemann. Klingt wie das Klischee einer Hollywoodfigur. Ich weiß.«

Anders als zu Simenons Zeiten wird das Krimigenre heute ja nicht mehr geprägt, sondern nur noch bedient. Schon auf Seite drei unten nuckelt Zorbach am Flachmann, Seite vier oben geht er anonym vögeln. Natürlich hat er ein kompliziertes Verhältnis zu seinem Sohn, seiner Ex, der Polizei und seiner Chefin bei der Zeitung, einen Humphrey-Bogart-Hut und ständig Lust, eine zu rauchen. Der Ultrabösewicht spielt Katz und Maus mit ihm und seinen Exkollegen von der Polizei und tut widerliche Dinge mit den Opfern, bei denen sein besonderes Augenmerk auf den Augen liegt. Zorbachs Praktikant Frank ist knuffig, der koksende Bulle Stoya knallhart und abgefuckt. Klar ist Zorbachs Unterstützerin Alina ein gutaussehendes blindes Medium. Nein, das ist schon nicht mehr so klar.

Die psychologischen Erklärungen zum Serientäter und die Geschichte, die er selbst von sich erzählt, sind falsch, aber stringent. Später gibt es noch Geheimlabore und einen durchgeknallten Chrirurgen. Die Gewalt ist überzogen, aber comicbedingt weniger abstoßend als auf dem Bildschirm oder der Leinwand. Schmolkes Kunst wirkt im besten Sinne »krimiamerikanisch«: freie Seitenaufteilung, Dialogpanels werden in ganzseitige Zeichnungen geklebt, realistische Proportionen, und wenn es nicht nacht- oder kellerdunkel ist, dann zumindest diesig, regnerisch oder verschneit. Düster und spannend bis zum unerwarteten, unwahrscheinlichen, unglaubwürdigen Ende. So ist das heute.

Sebastian Fitzek (Text)/Frank Schmolke (Zeichnungen): Der Augensammler. Splitter-Verlag, Bielefeld 2025, 200 Seiten, 35 Euro

Sebastian Fitzek (Text)/Frank Schmolke (Zeichnungen): Der Augenjäger. Splitter-Verlag, Bielefeld 2026, 216 Seiten, 45 Euro

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