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Aus: Ausgabe vom 05.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Die Misere der Gegenwart

»Erfolg ist ein Irrtum«: Jens-Fietje Dwars’ Essays über Kant, Künstler und andere vertrackte Gegenstände
Von Jens Grandt
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»Eines Tags geschah es Kant, / dass er keine Worte fand.« – Robert Gernhardt

Wenn ein Essay die »sorgfältig formulierte, gemeinverständliche Abhandlung über Fragen des geistigen Lebens« ist, dann beherrscht Jens-Fietje Dwars das Genre eindrücklich. Er hat Philosophie studiert, wurde über Ludwig Feuerbach promoviert, hat 20 Bücher geschrieben (Erzählungen, Biographien, Ateliergespräche), 30 herausgegeben, Ausstellungen kuratiert und einige Preise zugesprochen bekommen. Kürzlich ist in der Reihe Ornament des Quartus-Verlags der Band »Erfolg ist ein Irrtum. Reden, Essays und andere Randbemerkungen« erschienen.

Im Jahr 2002 war Dwars von Friedrich Schorlemmer gebeten worden, in der Evangelischen Akademie in Wittenberg einen Vortrag über Kants Schrift »Zum ewigen Frieden« (1795) zu halten. Dwars stellt seinen Betrachtungen zwei Bilder voran: die jubelnden Menschen auf der Berliner Mauer 1989 und die einstürzenden Türme des World Trade Centers in New York am 11. September 2001. Er geht von der aktuellen Situation aus und bezieht sie auf Kants Friedensforderungen, die er uns aus den Gegebenheiten seiner Zeit erläutert. Die verheerende Misere der Gegenwart wird hier widergespiegelt. Eine derart differenzierte, aufschlussreiche Interpretation von »Zum ewigen Frieden« hat man selten gelesen. Dwars beherrscht die Kunst der Hermeneutik: das zu lesen, was nicht in Worten geschrieben steht, aber mit und hinter den Worten gemeint ist. Die manchmal abstrakten Äußerungen werden in konkrete, klare Gedanken gefasst, mit eigenen Reflexionen durchsetzt, durch Intermezzi ergänzt – was einen guten Essay eben ausmacht.

Doch Dwars beachtet auch die Schwachstellen der Kantschen Utopie: den Appell ans vage Mitgefühl, den moralischen Impetus, der die Menschen ihrer Natur gemäß zur friedlichen Eintracht führen müsse. Er zeigt, wie der »Träger der Humanität« (Karl Jaspers) mit sich selbst in Widerspruch gerät und doch wieder in der bürgerlichen Gesellschaft ankommt, einem »Paradies der Teufel«. Als hätte Kant die Unvereinbarkeit erkannt, fügte er seinen sogenannten Definitivartikeln einen Anhang bei. Schließlich hatte ihm eine königliche Kabinettsorder 1794 verboten, sich allzu freimütig rationalistisch über Religion zu äußern. Kant konstatiert den Zwiespalt zwischen Politik und Moral, der anscheinend zeitlos ist. Der (vorgeblich) »politische Moralist« ordne seine Grundsätze einem Zweck unter, der »moralische Politiker« hingegen ordne das materielle Prinzip der Moral unter, gemäß Kants kategorischem Imperativ: »(…) handle so, dass du wollen kannst, deine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden (der Zweck mag sein, welcher er wolle)« – obwohl »subjektiv (in dem selbstsüchtigen Hang der Menschen)« der Streit wohl immer bleiben werde.

Anderthalb Jahre nach dem Vortrag, im März 2003, führte der völkerrechtswidrige Einmarsch der US-Armee in den Irak Kants Friedensplan ad absurdum. Heute sprechen einige Schreibtischkrieger wieder von der »Koalition der Willigen«, die der Ukraine zum Sieg über Russland verhelfen soll, so der Bundeskanzler. Etwas näher geht Dwars auf das »Völkerrecht« ein, das die feindseligen Neigungen ausbalancieren soll, und aufs »Weltbürgerrecht«, »das Recht, auf fremdem Boden nicht feindselig behandelt zu werden«. Wir wissen, wie weit wir davon entfernt sind.

Dwars stellt sich weitere Fragen: »Wie konnte aus dem Weinbauernnest Jena für ein Jahrzehnt die Welthauptstadt der Philosophie werden?« »Wie soll, wie kann die Linke auf das Fiasko ihrer Bewegung reagieren?« »Hat Engels schon alles gesagt mit seiner Entlarvung der Feuerbachschen ›Liebesphilosophie‹?« Er denkt nach über Peter Weiss und dessen »Unzugehörigkeit zwischen allen Blöcken«, betrachtet die Befreiungsversuche eines Christoph Hein, der verzweifelten Christa Wolf, aber auch mancher bildenden Künstler wie Moritz Götze.

In »Avanti Dilettanti« fragt der Autor, ob der Dilettantismus nicht auch seine Vorzüge habe. Er wird bei den Klassikern fündig. Schiller erregte sich über »eine gewisse Weiblichkeit der Empfindung« in dem »verpfuschten« Trauerspiel »Elpenor«. Zu dumm, dass Goethe der Autor war. Der Dichterfürst ein Dilettant? Gewiss. Goethe wusste genau, dass er in den Künsten als Dilettant begonnen hatte. Auf anderen Gebieten ist er es geblieben, ein Liebhaber aus Interesse und Leidenschaft. Tastendes Suchen, Welterschließen und Erproben der eigenen Fähigkeiten gehören zur Natur des Menschen. Auch künstlerische Vollkommenheit setzt, Wunderkinder ausgenommen, Phasen des Dilettantismus geradezu voraus. Also: Avanti Dilettanti! Aber »Erfolg ist ein Irrtum«.

Jens-Fietje Dwars: Erfolg ist ein Irrtum. Reden, Essays und andere Randbemerkungen. Quartus-Verlag, Bucha bei Jena 2025, 272 Seiten, 22 Euro

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