Wo die Not aufhört
Von Jürgen Schneider
Die US-Demokraten haben im Dezember 2025 nicht zum ersten Mal Fotos aus dem Nachlass des Multimillionärs und Sexualstraftäters Jeffrey Epstein, bzw. aus dem »Epstein-Club« (Der Spiegel) veröffentlicht. Auf einer Schwarzweißaufnahme ist Klubmitglied Donald »Grab them by the pussy« Trump in Gesellschaft von sechs Frauen zu sehen. Doch die Gesichter der Frauen sind durch schwarze Balken unkenntlich gemacht, die »Gemeinschaft« ist negiert worden. Der US-Präsident leugnet trotz aller Evidenz, der weißen Epstein-Gemeinschaft angehört zu haben. In den zuletzt veröffentlichten Dokumenten taucht der Name Trump allerdings tausendfach auf.
Im Düsseldorfer Kunstpalast ist derzeit die Ausstellung »Community – Fotografie und Gemeinschaft« zu sehen. Die 270 Werke umfassende Schau wurde aus der fotografischen Sammlung des Kunstpalastes heraus bestückt und durch internationale Leihgaben ergänzt. Der Begriff Gemeinschaft bleibt bei aller Problematisierung recht unbestimmt. Da schafft auch die Berufung auf den Soziologen Pierre Bourdieu keine Abhilfe. Bourdieu hat die Aufstellung für ein Gruppenfoto als eines der zentralen Rituale der Moderne beschrieben. In Juliane Herrmanns Video über das Entstehen eines »Endbildes« der Schwimmer des Kölner SV Rhenania sehen wir, wie sich die der Videoaufnahme nicht bewussten Sportler schubsen, drängeln, um den von ihnen gewünschten Platz auf dem zu schießenden Gruppenfoto einnehmen zu können. Die auf dem »Endbild« zu sehende Gemeinschaft erweist sich jedoch als Fiktion, sobald das Foto im Kasten ist.
August Sander arbeitete seit 1925 an seinem Projekt »Menschen des 20. Jahrhunderts«. Im Kunstpalast zu sehen sind Fotos eines Dorfschullehrers, eines Bauernmädchens, der Frau eines Malers sowie eines Maurergesellen. Sander strebte die Bildung einer visuellen Typologie an, die zu einem fotografischen Panorama einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft in all ihren Facetten werden sollte. Die von ihm einzeln Porträtierten stehen quasi exemplarisch für ihre Klasse, für ihre sozioökonomisch bedingte Gemeinschaft.
»Wo kann Gemeinschaft entstehen, wenn gesellschaftliche Räume verschwinden?« könnten die Arbeiten des Düsseldorfer Künstlers Andreas Langfeld überschrieben sein. Langfeld fotografierte während der Coronazeit mit grellem Blitzlicht öffentliche Plätze, die durch rot-weiße Flatterbänder gesperrt waren. Das Black Archive Germany ist ein Projekt der Künstlerin Cate Lartey. Sie sammelt Privataufnahmen, die Momente des Miteinanders festhalten: Familienfeste, Urlaube, Partys, Hochzeiten.
Zentral präsentiert werden Fotos, die in dem thüringischen Dorf Berka gemacht wurden. Über einen Zeitraum von 70 Jahren entfaltet sich das Porträt einer Dorfgemeinschaft im Wandel. Ludwig Schirmers zwischen 1950 und 1960 entstandene Aufnahmen zeigen ein noch lebhaftes gemeinschaftliches Treiben im Dorf. Gemeinschaftliches, doch weniger im öffentlichen Raum, scheint auch noch in den Bildern von Werner Mahler auf, der in Berka 1977 und 1998 fotografierte. Als Ute Mahler 2021/22 in Berka, dem Ort, in dem sie aufwuchs, mit der Kamera unterwegs war, war das öffentliche Leben bereits nahezu zum Stillstand gekommen. Mahler richtet in Rückbesinnung auf ihre eigene Biographie ihren Blick auf Einzelpersonen.
Ausgehend von der seit langer Zeit geübten Praxis, in Ungnade gefallene Personen aus Gemeinschaftsfotos zu entfernen, wird in der Ausstellung auch auf die Möglichkeiten verwiesen, mittels künstlicher Intelligenz Zugehörigkeiten zu eliminieren, Hass und Hetze zu kultivieren. Die sehenswerte Ausstellung zwingt die Besucher geradezu, darüber nachzudenken, was Gemeinschaft meint. Dante Alighieri sprach davon, Freude und Liebe würden nicht nur das Sein, sondern auch das Gemeinsam-Sein hervorbringen, also das gesellschaftliche Leben. Laut Karl Marx in »Die deutsche Ideologie« erlangen in »der wirklichen Gemeinschaft … die Individuen in und durch ihre Assoziation zugleich ihre Freiheit.« Im ersten Band von »Das Kapital« verweist er als Alternative zur warenproduzierenden (kapitalistischen) Gesellschaft auf das Modell eines »Vereins freier Menschen«. Die freie Entwicklung jedes einzelnen ist die Bedingung für die freie Entwicklung aller. In diesem Sinne ist die Gründung einer realen Gemeinschaft die Voraussetzung, um die Marxsche Freiheitstheorie mit der Theorie der Abschaffung des Privateigentums und letztlich der Entfremdung und Auflösung von Klasse und Staat zu verknüpfen. »Das Reich der Freiheit«, so Marx, »beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. (…) Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden.«
Der italienische postoperaistische Philosoph Antonio Negri (1933–2023) lehnte den klassischen, oft exklusiv oder identitär verstandenen Begriff der »Gemeinschaft« (comunità) ab und ersetzte ihn durch das Konzept des Gemeinsamen (il comune). Da die Empörung und die Revolte nicht hinreichend, aber notwendig seien, bedürfe es aufrührerischer Intersektionen, in denen neben den Singularitäten das Gemeinsame anwesend ist. Negri setzte auf die Autonomie der Multitude. Diese produktive Praxis der vielen bezeichnet keinen statischen Zustand, sondern einen Prozess des Sich-selbst-Regierens.
»Community – Fotografie und Gemeinschaft«. Kunstpalast Düsseldorf, bis 25. Mai 2026. Der Katalog gleichen Titels erschien im Berliner Distanz-Verlag.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Goethe-Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung24.04.2023Denkmal seiner Zeit
Jacob KHRIST10.02.2022Hier sind die Roboter
VG Bild-Kunst, Bonn 2020 #ThomasRuff #K2026.09.2020Der sozialistische Realismus ist kein Zitteraal
Regio:
Mehr aus: Feuilleton
-
Rotlicht: Intelligenz
vom 04.03.2026 -
Nachschlag: Albatros
vom 04.03.2026 -
Vorschlag
vom 04.03.2026 -
Veranstaltungen
vom 04.03.2026 -
Verständigung war sein Programm
vom 04.03.2026 -
Greese, Reichel, Hoffmann
vom 04.03.2026 -
Auf gutem Wege
vom 04.03.2026