Rotlicht: Intelligenz
Von Felix Bartels
Grob gerüttelte 90 Prozent halten sich nicht für klüger als die meisten anderen. Grob gerüttelte 90 Prozent halten die meisten anderen für dümmer. Offenbar gibt es zwei Meinungen. Eine, wenn man bei guter, und eine, wenn man bei schlechter Laune ist. Unzulänglich sind beide, wie auch die Kritik am IQ und der Praxis seiner Testung. Intelligenz zählt zu den Fähigkeiten der Menschen, und wie alle Fähigkeiten wird sie überhaupt erst dadurch Fähigkeit, dass sie ungleich verteilt ist. Ein Grund für die Vorbehalte gegen Intelligenzermittlung mag darin liegen, dass man die Ableitung eines humanen Werts aus ihr fürchtet. Verständlich, doch man löst ein Problem nicht, indem man seine reale Grundlage leugnet.
Das lateinische Verb »intellegere« bedeutet »zwischen etwas auswählen«. Manchmal verdient die Etymologie ihren Namen. Denkarbeit beginnt nicht, wo lediglich Wissen akkumuliert wird. Der mannigfaltige Gegenstand Welt verliert im gedanklichen Zugriff an Stoff und gewinnt an Form. Weltaneignung mittels Gedanken verwandelt Weltinhalt in Denkinhalt. Das ist nicht viel, aber das einzige, was das Denken wirklich gut kann. Das einzige zudem, womit Welt zu begreifen geht.
Die Fähigkeit, das zu meistern, bezeichnet man als Intelligenz. Genauer definieren lässt sie sich als Vermögen, Informationen zu verarbeiten, ohne von bereits vorhandenen Erfahrungen mit diesen Informationen abhängig zu sein. Eine Sache checken, die man hundertmal durch hat, wäre kein Zeichen von Intelligenz. Eine nicht bekannte Sache zügig und adäquat begreifen schon.
Hirnleistung also, und da das Gehirn ein Organ ist, hat Intelligenz eine materielle Basis. Der Forschungsstand ist ziemlich klar: Intelligenz scheint zum beträchtlichen Teil durch Vererbung angelegt. Nur bedeutet das nicht, dass Prägung keine Rolle spielt. In der frühkindlichen Phase entwickelt das Gehirn sich am intensivsten; wer hier unter günstigen Umständen aufwächst, soziale und kognitive Erfahrungen macht, kann die ihm mitgegebenen Anlagen zu Fähigkeiten ausbilden. Im höheren Alter nimmt diese Fähigkeit des Gehirns neurologisch bedingt ab. Was also in der Kindheit nicht etabliert wurde, kann im Alter kaum oder gar nicht mehr nachgeholt werden. Definiere Melancholie. Eine Fähigkeit, die enorme Bedeutung für Selbstbild und Selbstwert der Menschen hat, ist das Resultat zweier Faktoren, auf die der betreffende Mensch keinen Einfluss hatte.
Zudem bleibt festzuhalten, dass Intelligenz nicht an einem bestimmten Ort im Gehirn wohnt. Sie besteht in der dichten und effizienten Vernetzung verschiedener Hirnregionen. Die frühen intellektuellen Erfahrungen legen dieses neuronale Netz aus, auf das später zurückgegriffen werden kann. Gleichwohl zieht die klinische Psychologie vor, Intelligenz nicht als singulären Wert zu fassen. In den gängigen Verfahren stecken Jahrzehnte Entwicklungsarbeit, und es gibt auf persönliche Umstände justierte Testungen (Alter, Sprachbarrieren, kultureller Bias). Die Wechsler-Skala – sie hat sich als Standardverfahren in der Psychometrie etabliert – unterscheidet fünf Kategorien: Sprachverständnis (verbales Wissen, Ausdrucksfähigkeit, Begriffsverständnis), visuell-räumliche Verarbeitung (räumliche Beziehungen, visuelle Muster), fluides Schlussfolgern (logische Probleme, Muster erkennen, Regeln anwenden), Arbeitsgedächtnis (Informationen kurzzeitig speichern und verarbeiten), Verarbeitungsgeschwindigkeit (Effizienz schneller und korrekter Bearbeitung). Diese Kategorien werden separat ermittelt und nicht zum Zweck der Distinktion ambitionierter Eltern, die ihr Kind als hochbegabt bestätigt sehen wollen. Sie helfen der Diagnostik. ADHS-bedingte Hürden zum Beispiel kann man von kognitiven anhand weniger guter Werte in den Bereichen Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit unterscheiden.
Liegen die Werte der Kategorien zu weit auseinander, werden sie nicht verrechnet. Man hätte eine Zahl, die nichts aussagt. Diagnostisches Verständnis fasst Intelligenz also eher als Intelligenzprofil denn als abstrakte Wertigkeit.
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