Ein besseres Leben allemal
Von Wolfgang Nierlin
Die junge Jessica (Babette Verbeek) hofft vergeblich auf ein Treffen mit ihrer Mutter Morgane (India Hair), die sie nie kennengelernt hat, weil sie früh in eine Pflegefamilie gegeben wurde. Jetzt ist das minderjährige Mädchen selbst hochschwanger, fühlt sich im Stich gelassen. Weder ihr abwesender Freund noch dessen Eltern wollen etwas mit ihr zu tun haben. Jessica ist verängstigt und verzweifelt. Wird sich das Schicksal ihrer Mutter bei ihr wiederholen? Oder wird sie eine emotionale Bindung zu ihrem Kind aufbauen können?
Psychologisch betreut wird Jessica in einem Mutter-Kind-Heim, wo das Mädchen zusammen mit anderen minderjährigen Müttern lebt. Sie alle bedürfen der Fürsorge. Und es ist schön zu sehen, wie sich die jungen Frauen voller Mitgefühl auch gegenseitig unterstützen. Denn die Angst, allein gelassen zu werden, ist groß. Und die Aufgaben und Sorgen dieser Mütter, selbst noch Kinder, sind beträchtlich.
Fast ohnmächtig vor Angst reagiert etwa Perla (Lucie Laruelle), die andererseits zielstrebig und engagiert wirkt. Eben hat sie zusammen mit ihrem Baby Noé ihren windigen Freund Robin aus der Jugendhaftanstalt abgeholt. Perla hängt an dem unreifen Jungen und projiziert all ihre Hoffnungen und Zukunftsträume auf ihn. Doch der entzieht sich seiner Verantwortung, und die Verlassene muss einen Weg finden, sich aus ihrer Enttäuschung und emotionalen Abhängigkeit zu lösen.
»Ich will einfach nur ein besseres Leben, das ist alles«, sagt wiederum die 15jährige Ariane (Janaïna Halloy Fokan) sehr bestimmt zu ihrer verzweifelten Mutter, die Probleme mit Alkohol und einem gewalttätigen Mann hat. Gegen deren Willen möchte Ariane ihre kleine Tochter Lili in eine Pflegefamilie geben, damit diese gut versorgt wird und besser aufwächst als sie selbst. Außerdem will sie ihren Schulabschluss nachholen. Ihre erschütternden emotionalen Krisen korrespondieren mit der Verzweiflung ihrer Mutter, die ihrerseits rettungslos einem sozial vorherbestimmten Leben ausgesetzt ist.
Die renommierten belgischen Filmemacher Jean-Pierre und Luc Dardenne, vielfach ausgezeichnet für ihre ebenso genauen wie bewegenden Sozialdramen, porträtieren in ihrem Ensemblefilm »Jeunes mères – Junge Mütter« auf mitfühlende Weise die titelgebenden jungen Mütter. In ihrem gewohnten dokumentarischen Stil beobachten und begleiten die Dardennes ihre verletzlichen und zugleich tapferen Heldinnen, deren Geschichten sie miteinander verschränken. Dabei geht es ihnen einmal mehr um einen sorgsamen, nachvollziehbaren Realismus, der Widersprüche zulässt, aber auch Versöhnung jenseits einfacher Glücksversprechen ermöglicht. Und ungeachtet der auffälligen Ähnlichkeiten zwischen den Geschichten behalten die individuellen Erzählungen stets ihr Recht.
So gelingt etwa Naïma (Samia Hilmi) zusammen mit ihrer Tochter Selma der Absprung in ein neues Leben. Und die so fragile und zartfühlende Julie (Elsa Houben) möchte nach überwundener Drogensucht mit ihrem Freund Dylan (Jef Jacobs) und der gemeinsamen Tochter Mia zusammenziehen. »Ich halte durch. Ich schwöre es bei meinem Leben«, sagt sie einmal. Auf ihrem Weg zu einem wahreren Leben jenseits der bestimmend gewordenen Lügen wird für Julie die kleine Mia zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
»Jeunes mères – Junge Mütter«, Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, Belgien/Frankreich 2025, 105 Min., Kinostart: 5. März
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