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Aus: Ausgabe vom 20.02.2026, Seite 3 / Ansichten

Ostforscher des Tages: Friedrich Merz

Von Nico Popp
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Kennt den Unterschied zwischen Barbarei und Drecksarbeit: Friedrich Merz (Trier, 18.2.2026)

Nach 1990, als alle, denen man damit hätte wehtun können, in die Grube gefahren waren, begann in der Bundesrepublik die Aufarbeitung der sogenannten Ostforschung des 20. Jahrhunderts. Und siehe da: Das ganze Zeug war völkisch kontaminiert und eine einzige Legitimierung des deutschen Hegemonieanspruches in Osteuropa, der seine Zuspitzung schließlich in »Volkstumskampf« und »Lebensraum«-Ideologie fand.

Dass die späte Selbstkritik der Disziplin ziemlich umsonst gewesen ist, beweist der Umstand, dass seit 2022 einige der wildesten Endsiegideologen deutsche Osteuropahistoriker sind – jetzt nicht mehr als Vordenker des Volkstumskampfes, sondern als Haudegen des Establishmentliberalismus.

Aber alte Gewohnheiten sind zäh (und nützlich), und immer häufiger erklingen die alten Lieder. Dass der Russe bzw. Russland nicht ist »wie wir«, wird durchaus wieder verstanden, ohne dass man gleich »bolschewistischer Untermensch« sagen muss. Hier kann auch der Bundeskanzler, von dem man inzwischen weiß, dass ihm Dinge einfach so aus dem Kopf rutschen, nicht zurückstehen. Merz also hat nun der Rheinpfalz erzählt, dass der Ukraine-Krieg eher später als früher enden wird. Die »russische Machtclique« könne »auf absehbare Zeit gar nicht ohne Krieg auskommen«. Und dann über Russland: »Wir erleben im Augenblick dieses Land in einem Zustand der tiefsten Barbarei.«

»Der Osten ist ein Raum der Barbarei, den wir zu ordnen haben« – nicht Merz, sondern, 1943, Heinrich Himmler. Der hatte einen Chef, der 1941 seinen Generalen den beschlossenen Krieg gegen die UdSSR als »letzte große Auseinandersetzung mit der asiatischen Barbarei« verkaufte. Man sollte annehmen, ein deutscher Regierungschef, der den Impuls verspürt, über östliche »Barbarei« zu plaudern, überlegte sich das zweimal. Vielleicht war das ja in dem Fall auch so. Die deutsche Barbarenkunde erscheint, so oder so, in Fortsetzungen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Oliver S. aus Hundsbach (20. Februar 2026 um 12:39 Uhr)
    »Jahrhundertelang haben sich die Europäer, Soldaten und Missionare, ausgebreitet und die Welt beherrscht, aber 1945 wurde dies durch gottlose kommunistische Revolutionen und antikoloniale Kämpfe gestoppt! Wir wollen ein stolzes, zivilisiertes Europa.« Diese Worte Rubios wie auch die des Statthalters in Deutschland signalisieren, dass diesseits und jenseits des Atlantiks die Reihen fest geschlossen sind. Selbst Madame Lagarde machte während Rubios Rede ein ungläubiges Gesicht, als wäre sie sich nicht sicher, ob er das gerade gesagt hatte oder eine Folge der Wochenschau von 1941 im Fernseher lief. Der Ökonom Richard Wolff sagte, dass Teile von Rubios Rede auch von Mussolini und Hitler abgeschrieben sein könnten, und zog Parallelen zwischen dem Ausschluss Deutschlands, Japans und Italiens aus dem Völkerbund und dem Rückzug der USA von der UNO. Sicherlich, diese ganzen Kriege werden ja nicht zum Spaß geführt, auch nicht für Volk und Vaterland, sondern fürs Portemonnaie. Ein paar Millionen Leichen später, die die Drecksarbeit gegen Weltverbesserer und Menschenfreunde nunmal erfordert, stellt man fest, dass alles doch nicht so gelaufen war, wie es so manch kokaingeschwängertem Hirn lange Zeit vorkam. Der Sieg über das »Reich des Bösen« war gar keiner – schon gar kein endgültiger – und ein Friedrich muss nochmal den Heinrich machen, um die Zivilisation vor dem Abgrund zu bewahren, weil der Russe nicht freiwillig hergibt, was dem Westen zusteht. Die Russen sind auch schuld daran, dass weltfremde Spinner des Nachts immer noch von geregelten Arbeitszeiten, bezahlbaren Wohnungen und einer funktionierenden Gesundheitsversorgung träumen. In manchen Ländern auch nur von einem Stück Brot! Unverzeihlich! Aber sie werden durchhalten und anständig bleiben, daran werden auch dunkle Kapitel der deutschen Geschichte nichts ändern.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (19. Februar 2026 um 21:44 Uhr)
    Ob sich der kanzlerartige Interpret der Zeichen der Zeitenwende etwas zweimal überlegt (oder überlegen muss), ist zweifelhaft. Der Reflex, in die Mottenkiste/in den Misthaufen der Geschichte bei jedweder Art von Äußerung zu greifen, ob zu Brandmauer, Stadtbild oder Lebensraum im Osten, dürfte bei ihm im enterischen Nervensystem verankert sein. Da die jW-Netiqette sagt, »Äußerungen, die als diskriminierend, diffamierend oder rassistisch aufgefasst werden können, werden nicht toleriert«, unterlasse ich die Mitteilung meiner Meinung zu weiteren Bestandteilen des kanzlerartigen Nervensystems.

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