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Aus: Ausgabe vom 16.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Ein blühender Garten

In Erinnerung an Bruni de la Motte
Von Florentine Sandoval
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Blumen hatte sie gern, die am 4. Februar verstorbene Literaturwissenschaftlerin Bruni de la Motte

Am 4. Februar 2026 ist die Literaturwissenschaftlerin und Aktivistin Bruni de la Motte in London an Krebs verstorben. Sie wurde 1951 in dem kleinen Dorf Beesenstedt im Saalkreis (Bezirk Halle, heute zu Sachsen-Anhalt gehörend) geboren, in einem Land, das es nicht mehr gibt, das sie aber immer mit sich trug: der DDR. Während ihres Englisch- und Russisch-Studiums an der Universität Potsdam wurde sie von der Britin Marguerite Morgan unterrichtet und dem US-amerikanischen Professor Leonard Goldstein betreut. De la Motte engagierte sich für Allendes Chile, für die Freilassung von Angela Davis und nahm 1973 an den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Berlin teil, deren Motto »Für antiimperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft« sie bis zuletzt treu blieb. Nach Abschluss ihrer Promotion im Jahr 1974 lehrte sie englische Literatur an der Universität Potsdam. Sie veröffentlichte eine Vielzahl wissenschaftlicher Aufsätze, darunter feministische Analysen von Werken englischer Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts.

De la Motte heiratete den britischen Journalisten John Green, der für das DDR-Fernsehen aus aller Welt berichtete, und zog kurz vor dem Untergang des ostdeutschen Staates nach Großbritannien. Sie bedrückte, dass ihr Land zerstört worden war, und fühlte sich im vereinigten Deutschland nie wohl. Als Deutsche mit Fokus auf englischer Literatur fand sie in Großbritannien keine akademische Stelle. De la Motte arbeitete zunächst als freiberufliche Journalistin, zusammen mit John Green veröffentlichte sie 2015 eine kurze Geschichte der DDR (»Stasi State or Socialist Paradise?«).

1990 begann sie für Unison zu arbeiten, die Gewerkschaft für den öffentlichen Dienst. Sie stieg schnell zur nationalen Gewerkschaftsfunktionärin für den Bildungssektor auf. Nachdem sie ihre Arbeit dort 2016 beendet hatte, wurde De la Motte Kuratoriumsmitglied der Marx Memorial Library in London, einem Bildungsort und Archiv der Arbeiterbewegung. Zu dieser Zeit begleitete sie auch ermutigend die ersten Schritte der Internationalen Forschungsstelle DDR und wurde schließlich Beiratsmitglied des Zetkin-Forums.

Mit dem Ausbruch ihrer Krebserkrankung musste De la Motte 2025 ihre Funktionen aufgeben. Sie widmete sich begeistert der Gärtnerei: In ihrem kleinen Garten im Westen Londons blühte es zu jeder Jahreszeit. Ihre Liebe zu leuchtenden Farben spiegelte sich in ihrer farbenfrohen Kleidung. Sie blieb eine überzeugte Sozialistin, Feministin und Internationalistin – noch Wochen vor ihrem Tod versuchte sie, die Krankenschwestern in den NHS-Krankenhäusern zu politisieren, indem sie mit ihnen über Palästina und die negativen Auswirkungen der Kürzungen der Regierung diskutierte. Sie wird schmerzlich vermisst.

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