Stress der Verjüngten
Von Gisela Sonnenburg
Was für ein Stress wäre es, ewig jung zu sein – mit dieser Thematik beschäftigt sich die Oper »Faust« von Charles Gounod. 1859 in Paris uraufgeführt, wurde dem guten alten Stück nun an der Bayerischen Staatsoper in München von der Regisseurin Lotte de Beer, unter Mitarbeit von Koregisseur Florian Hurler, neues Leben eingehaucht. Maßgeblich ist das karge Bühnenbild von Christof Hetzer, das ein Sinnbild der verarmten sichtbaren globalen Gesellschaft abgibt. Premiere war vergangenen Sonntag.
Der Boden besteht aus übereinandergeschobenen Schieferplatten. Ansonsten bleibt die Szenerie rudimentär. Faust, ein geistiger Nachfahre jenes Doktor Faustus, den Marlowe und Goethe berühmt machten, ist ein Obdachloser im Rollstuhl. Mit Sonnenbrille fürs schwache Augenlicht, mit Leinenwickel um den schmerzenden Kopf, sitzt Startenor Jonathan Tetelman eingesunken als Greis da. Seine zittrige Hand hält ein Fläschchen Gift. Er ist des Lebens und des Forschens müde, will Schluss machen. Doch ein Mädchenchor singt so lieblich, dass es ihm nicht gelingt.
Méphistophélès taucht auf, ganz in Edelschwarz (Kostüme: Jorine van Beek). Kyle Ketelsen ist die Überraschung des Abends: ein Mephisto, ein Teufel, wie aus dem modernen Bilderbuch. Ein schicker Typ, fast ein Gentleman. Sein gar nicht finsterer, vielmehr bestimmt wirkender Bass ergänzt Tetelmans seidenweichen Tenor. Die beiden Männerstimmen bilden mit dem klaren, feminin starken Sopran von Olga Kulchynska als Marguerite (also Gretchen) ein stimmathletisches Trio, wie man es selten zu hören bekommt.
Der Teufel vertauscht die Glasampullen und verabreicht Faust – auf dessen Wunsch – einen verjüngenden Trunk. Die ewige Jugend als ein Gift, das nur scheinbar glücklich macht. Marguerite weckt in Faust die Lebensgeister, als Schönling mit saftiger Potenz umgarnt er sie. Das Mädchen in Lumpen hat keine Chance, sich nicht in den vermeintlich feineren Herrn zu verlieben.
Die Studenten Wagner (Thomas Mole) und Siebel (hervorragend in der kecken Hosenrolle: Emily Sierra) können die Tragödie nicht verhindern. Marguerite bekommt nichtehelich ein Kind, lässt es verschwinden, wird dafür in einen Tierkäfig gesperrt – und rettet ihr Seelenheil mit dem Verzicht auf Flucht. Satan, du hast diese Runde verloren, stimmlich aber fast gewonnen.
Nathalie Stutzmann am Pult, das Bayerische Staatsorchester und der in noble Lumpen gehüllte Bayerische Staatsopernchor sowie die Solisten machen aus der routiniert pathetischen Komposition von Gounod ein funkelndes, facettenreiches Fest: eines der Liebe und ihres Versagens.
Nächste Aufführungen: 13., 16., 19.2.
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