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Aus: Ausgabe vom 10.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Geschenkte Zeit

Geschichte einer Utopie: Karsten Krampitz’ Roman »Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung« über die »Krüppelkommune« von Hartroda
Von Werner Jung
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Perspektive von Außenseitern: Karsten Krampitz

Wer’s nicht kannte, wird reichlich staunen bei der Lektüre dieses kleinen, wundervollen Romans von Karsten Krampitz. In »Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung« wird die Geschichte einer Behindertenkommune im thüringischen Hartroda erzählt, in der inmitten des trübsten Sozialismus auf dem Land so etwas wie ein freies Leben praktiziert worden ist (eins der beiden Mottos aus dem »Kommunistischen Manifest« mag dafür einstehen).

Keine Fiktion. Nein, Krampitz, der am Ende seines Textes noch seine »Credits« verteilt, greift auf eine reale Geschichte zurück: Matthias Vernaldi, der im Roman Gruns heißt, ein Mehrfachbehinderter und studierter Theologe, hatte 1979 in einem ehemaligen Pfarrhof eine Kommune gegründet, in der Behinderte zusammenlebten, aber auch Aussteiger und (diskriminierte) Musiker, unter anderem Mitglieder der von André Greiner-Pol gegründeten Bluesrock-Band Freygang. Und das durchaus gut und zufrieden, wovon der erste Teil des Romans handelt. »Blueser und Behindis«, heißt es an einer Stelle, wohnen »einvernehmlich zusammen« in dieser »Krüppelkommune mit christlichem Anstrich«.

Jedenfalls solange die DDR existiert und die Kleinspenden und Gelder von Behindertenorganisationen aus der BRD fließen. Die »Wende« bringt zwar noch nicht das endgültige Ende, aber doch drastische Einbrüche. Denn über Nacht sind nicht nur manche Bewohner Richtung Westen verschwunden, es kommt auch kaum noch Geld. Weshalb Gruns ein Geschäftsmodell entwickelt: »eine Art Behindertenpension, ein krüppelgerechtes Motel mitten im wunderschönen Thüringen, im grünen Herzen Deutschlands«. Doch noch ehe die Idee Gestalt annehmen kann, schreibt eine sogenannte investigative Journalistin einen Artikel: Mozek, einer der Begründer der Kommune und als Pfleger die gute Seele der Gemeinschaft, dieser große Schweiger und DDR-Großmeister im Fernschach, habe nicht nur als Stasi-Spitzel die anderen überwacht, sondern auch vormals als Grenzer am 5. August 1976 einen harmlosen italienischen Familienvater erschossen. Die Geschichte der Sieger, unerbittlich.

Gruns versteht es so: Mozek leistet mit der aufopferungsvollen Arbeit und Pflege eine Art Abbitte. »Gut war nur, dass Gruns ihn brauchte. Einer, der für andere ein Krüppel war, siebzig Kilo überflüssiges Lebendgewicht, war für Mozek Vergebung, Buße. Es steht doch geschrieben: Wer sein Leben gibt, wird es erhalten. Und Mozek gab sein Leben (oder was davon übrig war) dem Freund, Gruns. Was beide Männer verband, war die geschenkte Zeit. So war das, auch das klingt pathetisch: In Hartroda hatte Gruns Zeit vor dem Tod geschenkt bekommen und Mozek die Zeit nach dem Tod.« Dennoch steht am ernüchternden Ende die Einweisung der beiden Protagonisten ins Krankenhaus: »Die Ärztin, die mit dem Rettungswagen kam, staunte: dass zwei Menschen ein und dieselbe Depression haben können: zwei Menschen, die über die Jahre im Geiste zusammengewachsen waren. Beide kamen in die Klinik, einer in die Psychiatrie, der andere auf die Intensivstation.«

Krampitz’ Roman erzählt diese »wahre Geschichte« mit bisweilen grotesker Komik. Dadurch vermeidet er eine naheliegende Lakonie, die nur das Ende und Scheitern des Kommuneversuchs ins Zentrum rücken würde, und vermag es, die Hoffnungspotentiale zu erhalten. Getreu dem Blochschen Diktum, wonach Hoffnung nicht enttäuscht werden kann.

Karsten Krampitz: Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung. Edition Nautilus, Hamburg 2025, 200 Seiten, 22 Euro

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