Preiskrise für Milchbauern
Von Sebastian Edinger
Angesichts sinkender Erzeugerpreise und zunehmender Bauernproteste, wie Ende Januar in München, lädt Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) für kommenden Mittwoch zum »Milchgipfel« ein. Im Vorfeld relativierte sein Ressort jedoch den enormen Druck, unter dem die Milchviehbetriebe in Deutschland stehen. Der »ein bisschen« gesunkene Preis bereite »einigen Landwirten« Sorgen, erläuterte ein Ministeriumssprecher am Freitag. Das nehme man natürlich ernst. Daher wolle man bei dem Treffen mit Branchenvertretern schauen, was man »eventuell machen kann«. In die Preisgestaltung wolle der Minister allerdings nicht eingreifen, hieß es weiter.
Doch während das zuständige Bundesministerium relativiert, befinden sich die Milchpreise weiter im freien Fall. Schon von Januar bis November 2025 ging etwa der Grundpreis für konventionell erzeugte Kuhmilch laut Daten des Bundesamts für Statistik um insgesamt 6,17 Cent auf 46,5 Cent pro Kilo zurück. Seither zeigt die Kurve immer steiler nach unten. Anfang 2026 ging das Kilo bei den meisten Molkereien für weniger als 40 Cent über die Theke. Ähnlich sieht es bei Milcherzeugnissen wie Butter aus: Nachdem das 250-Gramm-Päckchen 2024 mit 2,30 Euro einen Höchststand erreicht hatte, konnte man diese Ration in der Vorweihnachtszeit 2025 im Einzelhandel teilweise für 99 Cent ergattern. Während Bauernpräsident Joachim Rukwied dem Lebensmitteleinzelhandel vorwarf, er würde heimische Lebensmittel wie Butter verramschen, wird deutlich: Nur weil die Bauern mit Dumpingverdiensten abgespeist werden, gelten noch lange keine Dumpingpreise für die Verbraucher.
Während also die Bauern Sturm laufen, weil die Preise immer häufiger nicht mehr kostendeckend sind und viele Höfe vor dem Aus stehen, analysiert das Landwirtschaftsministerium, es gehe »um Angebot und Nachfrage. Wir haben im Moment eine ungewöhnlich hohe Milchanlieferung, gepaart mit einer großen Masse an Milch.« Deswegen sei der Preismechanismus »ein bisschen aus dem Gleichgewicht geraten«. Um die Landwirte zu entlasten, wolle man Bürokratie abbauen. Außerdem habe man die EU-Kommission gebeten, das Geschehen am Milchmarkt genau zu beobachten »und da entsprechende Vorschläge gegebenenfalls zu machen, die wir dann entsprechend prüfen werden«.
Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) plädiert hingegen für mehr Transparenz über die Wertschöpfungsketten und »eine Vertragspflicht vor Lieferung, um Mengen, Preise, Qualitäten und Laufzeiten zu verhandeln«. So sollen die preistreibende Überproduktion eingedämmt und die Möglichkeit geschaffen werden, auf problematische Marktentwicklungen politisch zu reagieren. »Mit Verträgen und festgelegter Menge könnten nicht einfach im Schnitt 7,6 Prozent mehr Milch auf den Höfen erzeugt werden, wie es im November passiert ist, beziehungsweise gäbe es für diese Übermengen keine festen Preise«, erläuterte AbL-Vorstandsmitglied Elisabeth Weizenegger Anfang vergangener Woche.
Als kurzfristige Maßnahme fordert der Verein, in dem vor allem kleinere und mittelgroße Agrarbetriebe organisiert sind, zudem, die EU-Kommission müsse »jetzt den freiwilligen Lieferverzicht gegen Entschädigung aktivieren«. Ein solcher Mechanismus wurde bereits 2013 zur Stabilisierung der Agrarmärkte im EU-Recht verankert. Das European Milk Board, dem zahlreiche Bauernorganisationen aus den EU-Mitgliedstaaten angehören, hatte schon im Dezember in einem offenen Brief an EU-Agrarkommissar Christophe Hansen gefordert, den Mechanismus zu aktivieren. Bisher jedoch ohne Erfolg.
Die AbL warnt, mit jeder Preiskrise gingen mehr Milchbetriebe verloren. Dabei ist deren Zahl schon seit Jahren im Sinkflug: Gab es zur Jahrtausendwende laut offizieller Statistik in der BRD noch 138.000 Milchviehbetriebe, waren es Ende 2025 nur noch rund 47.000. Vor allem kleinere Höfe können dem Preisdruck nicht standhalten, was sich etwa daran zeigt, dass die Zahl der Kühe weniger stark gesunken ist als jene der Höfe. So hat sich die durchschnittliche Zahl pro Betrieb zwischen 2000 und 2024 von 33 auf 74 Kühe mehr als verdoppelt. 19 Prozent der Betriebe haben mittlerweile rund 60 Prozent der Kühe. Die Zahl der Agrarbetriebe sinkt, während ihre Größe zunimmt.
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