Selbstmörderqualifikation
Wenn alles getan ist, um den Soldaten gewissermaßen in eine Besoffenheitsstimmung zu versetzen, seine Seele zu narkotisieren, sein Gefühls- und Phantasieleben zu exaltieren, gilt es seine Verstandeskräfte systematisch zu bearbeiten. Die Instruktionsstunde setzt ein und sucht dem Soldaten ein kindisches, schiefes, für die Zwecke des Militarismus zurechtgestutztes Weltbild einzupauken. (…)
Und zur Erzeugung der nötigen Biegsamkeit und Folgsamkeit des Willens dient der Gamaschendrill, die Kasernenzucht, die Heiligsprechung des Offiziers- und Unteroffiziersrocks, der auf vielen Gebieten wahrhaft legibus solutus und sakrosankt scheint, kurzum die Disziplin und Kontrolle, die den Soldaten bei allem, was er tut und denkt, dienstlich und außerdienstlich, eisern umklammert. Da wird jeder einzelne so rücksichtslos nach allen Richtungen gebogen, gezerrt und verrenkt, dass das stärkste Rückgrat in Gefahr ist, kurz und klein zu brechen, und entweder biegt oder bricht.
Die eifrige Pflege des »kirchlichen« Geistes, dessen Förderung im Februar 1892 ein – übrigens ohne Präjudiz abgelehnter – Antrag der Budgetkommission des Reichstags als besonderes Ziel der militärischen Erziehung ausdrücklich bezeichnete, ist auch hier bestimmt, das Werk der militärischen Unterdrückung und Versklavung zu vollenden. Instruktion und kirchliche Bearbeitung sind zugleich Zuckerbrot und Peitsche, das letztere nur in meist vorsichtig verschleierter Anwendung.
Süßestes Zuckerbrot, als Lockmittel zur Bildung und Füllung der wichtigen ständigen Kader der Armee erfolgreich verwendet, ist das Kapitulantentum mit der Aussicht auf Unteroffiziersprämie und Zivilversorgungsschein – eine sehr durchtriebene und gefährliche Einrichtung, die auch, wie später zu zeigen, unser ganzes öffentliches Leben militaristisch verseucht.
Die pfeifende Peitsche des Militarismus aber – das ist vor allen Dingen das Disziplinarwesen, das Militärstrafrecht mit seiner rigorosen Bedrohung jeder geringsten Auflehnung gegen den sogenannten militärischen Geist und die Militärjustiz mit ihrem halb mittelalterlichen Verfahren, mit ihrer unmenschlichen, barbarischen Bestrafung auch der geringsten Insubordination und ihrer gelinden Beurteilung der Ausschreitungen Vorgesetzter gegen Untergebene, mit ihrer fast grundsätzlichen Eskamotierung des Notwehrrechts. Nichts kann aufreizender gegen den Militarismus und zugleich lehrreicher wirken als eine einfache Lektüre der Kriegsartikel und Militärstrafprozesse. Hierher gehören aber auch die Soldatenmisshandlungen (…). Sie bilden zwar kein gesetzliches, aber tatsächlich vielleicht das wirksamste aller Gewaltdisziplinarmittel des Militarismus.
So sucht man Menschen zu zähmen, wie man Tiere zähmt. So werden die Rekruten narkotisiert, verwirrt, geschmeichelt, gekauft, gedrückt, eingesperrt, geschliffen und geprügelt; so wird Körnlein um Körnlein zum Mörtel für den gewaltigen Bau der Armee zusammengemischt und geknetet, so wird Stein für Stein wohlberechnet zum Bollwerk gegen den Umsturz gefügt. (…)
Auf dem Gebiete der Soldatenerziehung vertragen sich, wie ersichtlich, die beiden Aufgaben des Militarismus keineswegs überall, sondern geraten sich gar oft in die Haare. Das gilt von der Ausbildung sowohl wie von der Ausrüstung. Die kriegsmäßige Ausbildung verlangt immer gebieterischer ein stets höheres Maß von Selbständigkeit des Soldaten. Als »Hofhund des Kapitals« braucht der Soldat keine Selbständigkeit, ja er darf sie nicht einmal haben, soll seine Selbstmörderqualifikation nicht vernichtet werden. Kurzum, der Krieg gegen den äußeren Feind erfordert Männer, der Krieg gegen den inneren Feind Sklaven, Maschinen. Und was die Ausrüstung und Ausstattung anbelangt, so kann man zur Erzeugung des zum Kampfe gegen den inneren Feind erforderlichen Geistes der bunten Uniformen, der glitzernden Knöpfe und Helme, der Fahnen, des Paradedrills, der Kavallerieattacken und all des Krimskrams nicht entraten, die im Krieg gegen den äußeren Feind geradezu verhängnisvoll werden müssen, ja einfach unmöglich sind. (…)
Wichtig genug ist, dass jener militärische Geist Verwirrung und Irreführung des proletarischen Klassenbewusstseins überhaupt bedeutet und dass der Militarismus durch Verseuchung unseres gesamten öffentlichen Lebens mit ihm gleichzeitig nach allen andern Richtungen hin, abgesehen von der rein militaristischen, dem Kapitalismus dient, zum Beispiel durch Erzeugung und Förderung proletarischer Gefügigkeit gegenüber der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ausbeutung und möglichste Hintanhaltung des proletarischen Befreiungskampfes.
Karl Liebknecht: Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung. Leipzig 1907. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band I. Dietz-Verlag, Berlin 1958, Seiten 294–301
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