Künstlicher Aufschwung
Von Luca von Ludwig
Wenn man es nur genug will, kann man alles schaffen – oder es sich zumindest einbilden. Am Donnerstag und Freitag veröffentlichte das Statistische Bundesamt (Destatis) wichtige Konjunkturdaten, namentlich die Auftragszahlen aus der Industrie sowie die Export- und die Produktionswerte für Dezember 2025. Vermeldet wird: stärkster monatlicher Anstieg der Aufträge seit Dezember 2023, ebenso stärkster Exportanstieg seit 2021.
Nicht wenige »Experten« konnten sich gerade noch beherrschen, nicht direkt das nächste »deutsche Wirtschaftswunder« auszurufen. Ein bisschen Freudentaumel musste aber schon sein: In den Meldungsspalten war von »Hoffnungsschimmern« und dergleichen zu lesen, während verschiedene Volkswirte die »Trendwende« für die gebeutelte BRD-Wirtschaft ausriefen.
Nun macht es jeden, der ab und an mal eine Statistik liest, stutzig, wenn überall vom »Anstieg«, aber nicht von den absoluten Zahlen die Rede ist. Destatis stellt netterweise zu so ziemlich jeder Erhebung auch die zugehörige Statistik über einen längeren Zeitrahmen bereit. Unschwer ist deshalb zu erkennen, dass zum Beispiel die Exporte zwar in der Tat im jüngsten Monatsvergleich etwas angestiegen sind, der aktuelle Wert (133,3 Milliarden Euro) jedoch völlig im Rahmen der vergangenen beiden Jahre liegt.
Und steht bezüglich der Auftragszahlen im Kleingedruckten nicht etwas von »Großaufträgen«? Die machen einen wesentlichen Teil des Zuwachses aus. Aktuell belaufen sich die Aufträge auf insgesamt 100,1 Indexpunkte (die aus den Aufträgen und Umsätzen der Industrie berechnet werden), ohne Großaufträge allerdings nur auf 86,9. Im Januar 2020 – dem Vorabend der Coronapandemie – waren es 92,7 Punkte. Schon im Oktober 2025 vermeldete Destatis, dass das damals ebenfalls registrierte Auftragswachstum auf lediglich einen einzigen Großauftrag zurückzuführen war.
Vollends als Taschenspielertrick, bei dem Konjunkturkennzahlen mit der Realwirtschaft vertauscht werden, entpuppt sich die ganze Angelegenheit, schaut man auf die eigentlichen Produktionszahlen: Die nämlich sind im Dezember um 1,9 Prozent gesunken und setzen damit den stetigen Abwärtstrend der vergangenen zwei Jahre fort.
Wird die Produktion wieder etwas zulegen, wenn die eingetrudelten Großaufträge in die Tat umgesetzt werden? Wahrscheinlich. Sind solche Großaufträge – nicht wenige ja aus den Sonderschulden für die Aufrüstung bezahlt – das Rezept für eine nachhaltige ökonomische Entwicklung? Sicher nicht.
Das wird man auch an interessierter Stelle wissen. Doch für die weltpolitischen Ambitionen der BRD ist der Aufbau ihres Militärs alternativlos, will sie wenigstens halbwegs relevant bleiben. Dazu passt die Erzählung vom »Rüstungskeynesianismus«, die zu gut ist, um wahr zu sein, einfach zu gut, um sich von ihr abbringen zu lassen. Und durch die Brille der volkswirtschaftlichen Kennzahlen gesehen: Nach dem Krieg wieder alles aufbauen, das schafft doch auch Arbeitsplätze.
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