Abgetrennte Finger
Das nennt man dann wohl Nachtreten. Am Dienstag abend berichtete Al-Dschasira vom Tod von Saif Al-Islam Al-Ghaddafi, dem international wohl bekanntesten Sohn des früheren libyschen Staatschefs Muammar Al-Ghaddafi, der 2011 von bewaffneten Banden mit NATO-Unterstützung brutal ermordet worden war. Doch der katarische Sender begnügte sich nicht damit, die wenigen bekannten Fakten aufzuführen und einzuordnen, wonach »vier maskierte Männer« Ghaddafis Haus in der libyschen Stadt Zintan gestürmt und das Opfer in einem »feigen und hinterhältigen Attentat« getötet hätten. Statt dessen nutzte er die Gelegenheit, den Getöteten mit Hohn und Spott zu überschütten, nicht im Text, aber in der Bildauswahl.
Der Artikel über die Ermordung Ghaddafis wurde nämlich mit zwei Aufnahmen aus dem Jahr 2011 bebildert, zu deren Inhalt allerdings eine kleine Geschichte zu erzählen ist, die nicht schmeichelhaft für Al-Dschasira ausfällt. Der Sender hatte im damaligen »arabischen Frühling« seine Maske als neutrales Nachrichtenmedium fallengelassen, um fortan Propaganda für die Konterrevolution zu betreiben. Das groteskeste Beispiel dafür lieferte er im August 2011, als plötzlich ein Beitrag ausgestrahlt wurde, in dem es hieß, dass Aufständische soeben die Hauptstadt Tripolis eingenommen hätten und die Bevölkerung ihren Sieg auf dem dortigen »Grünen Platz« feiere. Es stellte sich jedoch heraus, dass die entsprechenden Aufnahmen wie bei einem Spielfilm im Studio gedreht worden waren. Zum Beweis stellte sich Ghaddafis Sohn Saif Al-Islam vor den Kameras des libyschen Fernsehens auf jenen Platz und zeigte zum Abschluss das Victory-Zeichen. Das ist das erste Foto, mit dem Al-Dschasira die Todesnachricht vom Dienstag schmückte.
Das zweite Foto zeigt Saif Al-Islam Al-Ghaddafi wenige Wochen später in der Gewalt der »Rebellen«. Deutlich auf der Aufnahme zu sehen: An der Stelle der Finger, die er dem libyschen Fernsehen im August zum Victory-Zeichen entgegengestreckt hatte, trägt er einen frischen Verband – denn die Finger sollen ihm von den Al-Qaida-Kräften aus Rache für seinen Auftritt in Tripolis abgetrennt worden sein. Doch die Bebilderung ging der Redaktion des Senders anscheinend dann doch zu weit. Denn am Mittwoch mittag war zumindest das erstgenannte Foto wieder vom Netzauftritt verschwunden. Als eine der ersten Nachrichtenseiten hatte Afrik.com über Saif Al-Islam Al-Ghaddafis Tod berichtet. Ihre Frage, wer ein Interesse an seiner Beseitigung gehabt haben könnte, wird von Al-Dschasira indirekt beantwortet. Eine Spur führt in Richtung Persischer Golf. (jt)
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