Trumps fünfte Kolonne
Von Reinhard Lauterbach
Der Alarmismus, mit dem Kanadas Regierungschef Mark Carney in Davos aufgetreten ist, hat seine Wurzeln bei ihm zu Hause. Im Bundesstaat Alberta regt sich ein trumpistischer Separatismus, der ein Referendum über die Unabhängigkeit der Region fordert, wahlweise mit oder ohne die Option, gleich den USA als deren 51. Bundesstaat beizutreten.
Alberta liegt am östlichen Rande der Rocky Mountains und in der angrenzenden Prärie; es ist von der Fläche ungefähr doppelt so groß wie Deutschland, wird aber von nur fünf Millionen Menschen bewohnt. Aber die Region beherbergt die Ölreserven, auf die Carney in Davos seine Aussage gründete, Kanada sei eine »Energiesupermacht«: 84 Prozent des in Kanada geförderten Öls kommen von hier, extrahiert in der Regel aus Ölsanden, also auf eine extrem umweltschädliche und flächenverwüstende Weise. Das wirkt sich bei der dünnen Besiedlung vielleicht noch nicht sehr aus, aber es führt dazu, dass das Bestreiten des Klimawandels in Alberta eine verbreitete Haltung ist. Kunststück: Man – jedenfalls einige – verdient an fossilen Ressourcen und nimmt den Dreck, den ihr Abbau hinterlässt, in Kauf.
Politisch ist Alberta eine Hochburg des kanadischen Konservatismus. Die Provinz wird seit Jahrzehnten von Parteien regiert, die programmatische Ähnlichkeiten mit Trumps MAGA-Bewegung aufweisen. Auf der ideologisch-kulturellen Ebene äußert sich der albertanische Konservatismus darin, dass er die liberale Migrationspolitik, für die Carney Kanada in Davos rühmte – »Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft, die funktioniert« –, ablehnt. »Die im Osten« würden sich an den natürlichen Ressourcen von Alberta auf Kosten von dessen Bewohnern bereichern. Der Alberta-Konservatismus weist alle Merkmale des Wohlstandschauvinismus auf: lokal erwirtschafteten Reichtum nicht mit anderen teilen zu wollen, mit denen die Albertaner der historische Zufall in denselben Staat gesperrt hat. Es ist dasselbe Paradigma wie beim Baltikum in der Sowjetunion, das Motiv, das Slowenien und Kroatien aus dem ehemaligen Jugoslawien hinausdrängen ließ und das aktuell in Katalonien in Spanien und Flandern in Belgien fröhliche Urständ feiert. Und wer in Westdeutschland noch nie über den »teuren Osten« lamentiert hat, der werfe den ersten Stein.
Brisant wird das Aufleben dieses Separatismus dadurch, dass offensichtlich Vertreter der Separatisten schon im vergangenen Frühjahr Kontakt zum US-Außenministerium aufgenommen und dort um eine Kreditlinie von schlappen 500 Millionen US-Dollar für die Propaganda für ein Austrittsreferendum gebeten haben. Das hatte Ende Januar zuerst die Financial Times berichtet, mehrere führende britische und US-Medien haben das Thema aufgegriffen. Auch das State Department hat die Vorwürfe im Kern bestätigt, allerdings zu beschwichtigen gesucht: Man stehe mit vielen »zivilgesellschaftlichen Organisationen« weltweit in Kontakt, und den kanadischen Gesinnungsfreunden habe man »nichts zugesagt« und sei »keine Verpflichtungen eingegangen«. Wie das so ist bei verdeckter Einflussarbeit: Alles muss »deniable« sein, abstreitbar. Der US-Fernsehsender CNN schrieb, ein Austrittsreferendum in Alberta könne angesichts der Stimmung in der regionalen Gesellschaft durchaus Erfolg haben; allerdings würde der Weg zur Selbständigkeit auch dann »lang und kompliziert« werden.
Besonders alarmiert zeigte sich von den separatistischen Umtrieben in Alberta der Premierminister des im Westen an Alberta angrenzenden Bundesstaates British Columbia, David Eby. Er nannte die Bestrebungen umstandslos »Hochverrat«. Kein Wunder: Würde Alberta unabhängig, verlöre das an der Pazifikküste gelegene British Columbia die Landverbindung mit dem Rest Kanadas, zumindest aber die wichtigsten Straßen- und Eisenbahnverbindungen dorthin. Und Premier Mark Carney in Ottawa einen Großteil des Reichtums, auf den er seine Vision der »Mittelmacht Kanada« und ihren Führungsanspruch in der »Koalition der Mittleren« gründet.
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