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Aus: Ausgabe vom 02.02.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
US-Sanktionen

Ringen um Serbiens Ölindustrie

Großkonzern wechselt von russischem zu ungarischem Eigentümer. Verwirrung über wahren Kostenpunkt
Von Slavko Stilinović
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Für Serbiens wichtigsten Energiekonzern gibt es eine Zukunft, doch viele Details sind intransparent

Der ungarische Energiekonzern Mol steht kurz davor, eine strategische Mehrheit an Serbiens größtem Öl- und Gasunternehmen, der Naftna industrija Srbije (NIS), zu übernehmen. Bei dem Deal geht es um den Anteil von 65,15 Prozent, den bisher ein Tochterunternehmen des russischen Staatskonzerns Gasprom, die Gasprom Neft, hält. Der Verkauf selbst gilt als sichere Sache – Verwirrung gibt es jedoch um den Preis des Ganzen. Während Serbiens Präsident Aleksandar Vučić Zahlen zwischen 900 Millionen und einer Milliarde Euro in den Raum stellt, spekulieren ungarische Medien, bestärkt durch Andeutungen von Mol-Managern, auf eine deutlich höhere Summe von 1,4 Milliarden Euro.

Hintergrund des Verkaufs sind die westlichen Sanktionen gegen Russland. Die US-Sanktionsbehörde OFAC (Office of Foreign Asset Control) hatte Maßnahmen gegen den russischen Energiesektor verhängt, die seit Oktober auch NIS trafen. Dies führte zur Einstellung der Rohöllieferungen über die kroatische Adriapipeline und legte die Produktion in der einzigen serbischen Raffinerie in Pančevo vorerst lahm. Die USA hatten Anfang Januar zwar eine Sonderlizenz für den Betrieb verlängert, der Druck auf die russischen Eigentümer bleibt jedoch bestehen. Ende Januar unterzeichneten Mol und Gasprom Neft die grundsätzliche Rahmenvereinbarung für einen Verkauf der russischen Anteile, den endgültigen Vertrag will man bis zum 31. März besiegeln.

Vermutungen, nach denen ein Verkaufspreis von 1,7 bis 2,5 Milliarden Euro veranschlagt wird, bezeichnete Vučić gegenüber dem Fernsehsender Blic TV als »absurd«. Bei dieser Gelegenheit nannte er auch die Summe von 900 Millionen bis einer Milliarde Euro. Nach seiner Aussage habe Serbien selbst über zwei Milliarden Euro für den Rückkauf des Anteils bereitgehalten, doch die russische Seite habe dies abgelehnt. Zu den Gründen meinte er nur kryptisch: »Ich kann es mir selbst leicht erklären, aber Ihnen kann ich es nicht, weil das die Interessen Serbiens gefährden würde.« Für ihn sei der Vorgang »klar, eindeutig und verständlich«, wenn auch »nicht gerade als freundschaftlich« zu bezeichnen.

Doch nur einen Tag vor Vučićs Auftritt berichtete das ungarische Portal Nepszava.hu unter Berufung auf anonyme Quellen, Mol werde in Wirklichkeit fast 1,4 Milliarden Euro zahlen. Plausibel scheint die Zahl auch im Lichte von Äußerungen György Bacsas, Strategiechef der Mol-Gruppe. Dieser verglich die NIS-Transaktion in einem Podcast mit einem Kauf eines aserbaidschanischen Ölfeldes für 1,3 Milliarden Euro in der Vergangenheit, ohne jedoch explizit auf den Preis für die NIS-Anteilsübernahme einzugehen.

Beobachter halten die Angaben über einen Kaufpreis von 1,4 Milliarden Euro für realistischer als die niedrigere, vom serbischen Präsidenten genannte, Summe. Der höhere Preis würde besser zu den vorherigen Marktwertschätzungen von bis zu drei Milliarden Euro für den Gesamtkonzern passen. Teils wird der »faire« Preis als sogar noch höher geschätzt; die diskutierten Konditionen wären also zum Nachteil Gasproms.

Die Abwicklung des Verkaufs ist komplex: Eigentlicher Käufer wird ein Joint Venture sein, in dem Mol die Mehrheit hält und der staatliche Energiekonzern der Vereinigten Arabischen Emirate, ADNOC, eine Minderheitsbeteiligung übernimmt. Zudem hat sich Mol in einer Vereinbarung mit Belgrad verpflichtet, fünf Prozent der Anteile an den serbischen Staat zu verkaufen. Dieser würde seinen Anteil so von 29,9 auf fast 35 Prozent aufstocken. Die OFAC-Sanktionen haben den Kreis potentieller Bieter stark verkleinert, da jede Transaktion in US-Dollar, in denen der Handel abgewickelt werden soll, grünes Licht aus Washington benötigt.

Ob der finale Preis nun bei einer oder bei 1,4 Milliarden Euro liegt – für den ungarischen Konzern, gestärkt durch den arabischen Partner, scheint der Einstieg in den südosteuropäischen Energiemarkt ein strategischer Erfolg zu werden. Serbien dürfte indes mit dem bitteren Gefühl zurückbleiben, eine Gelegenheit für mehr Kontrolle über seine strategisch wichtigen Industrien verpasst zu haben.

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