Gesellschaft bei Fuß!
Von Jörg Kronauer
Wurde an einer dunklen, unübersichtlichen Straßenkreuzung in Ihrer Nähe vor nicht allzu langer Zeit eine neue Beleuchtungsanlage installiert, die es bei Nacht einfacher und sicherer macht, die Kreuzung zu passieren? Vorsicht: Es handelt sich dabei womöglich nicht um eine Maßnahme, mit der fürsorgliche staatliche Stellen Ihren späten Heimweg ein wenig angenehmer gestalten wollten. Es könnte vielmehr sein, dass die besagte Kreuzung sich auf einer Route befindet, über die im Krisen- oder gar im Kriegsfall große Truppenverbände aus dem Westen Europas an die NATO-Ostflanke bzw., falls dort bereits gekämpft wird, an die Ostfront verlegt werden. Diese Routen werden zur Zeit ausgebaut. Im Rahmen eines Manövers, dies berichtete das Wall Street Journal Ende 2025, fiel den beteiligten Truppen auf, dass Militärkonvois eine Kreuzung bei Dunkelheit nicht zügig passieren konnten; es kam zu Staus, die den Marsch nach Osten verzögerten. Prompt wurde Abhilfe geschaffen – in Form von Straßenlaternen.
Der zuweilen unscheinbare Ausbau der deutschen Verkehrsinfrastruktur für militärische Zwecke gewinnt an Fahrt. Er ist Teil eines umfassenden Gesamtprogramms, das die Bundesrepublik in jeder Hinsicht »kriegstüchtig« machen soll, wie es in der Diktion der Regierung heißt. Neben der Hochrüstung der Bundeswehr, für die gewaltige Mittel bereitgestellt werden, und einer raschen Aufstockung der Truppe, die mit dem sogenannten neuen Wehrdienst und vielleicht auch bald mit einer Wiederaktivierung der Wehrpflicht erreicht werden soll, besitzt in diesem Zusammenhang der Operationsplan Deutschland (im militärischen Sprachgebrauch: Oplan Deu) eine große Bedeutung. Dabei handelt es sich um ein weit mehr als 1.000 Seiten starkes Dokument, das in einer ersten Fassung Anfang 2024 fertiggestellt wurde und seither fortlaufend weiterentwickelt wird. Es wird streng geheimgehalten. Seine Grundzüge und einzelne Elemente lassen sich dennoch erschließen, wenn man die Aktivitäten der Bundeswehr und insbesondere ihre sogenannten zivil-militärischen Tätigkeiten unter die Lupe nimmt.
Drehscheibe Deutschland
Verstehen lässt sich der Oplan Deu nur vor seinem Hintergrund, der Vorbereitung auf einen etwaigen Krieg gegen Russland, das mit seinem Angriff auf die Ukraine neben vielem anderen auch die Dominanz Deutschlands und der EU in Ost- und Südosteuropa in Frage gestellt hat. Kommt es wirklich zu einem solchen Krieg, dann wäre die Bundesrepublik nicht mehr wie im Kalten Krieg ein Frontstaat, auf dessen Territorium die Truppen aufmarschieren und an dessen Ostgrenze die Kämpfe beginnen. In dieser Lage befänden sich vor allem die baltischen Staaten und Polen, im Südosten eventuell auch Rumänien. Deutschlands Funktion wäre in einem solchen Krieg eine andere, die sich aber gleichfalls aus seiner geographischen Lage ergibt. Truppen und Nachschub für eine künftige Ostfront müssten, insoweit sie aus Westeuropa oder Nordamerika kommen, aus Frankreich und Großbritannien etwa, aus den USA und Kanada, irgendwo nördlich der Alpen nach Osten transportiert werden, und das heißt: über deutsches Territorium. Deutschland käme also in einem Krieg gegen Russland die Funktion einer Drehscheibe zu.
Geprobt wird dafür schon lange. Das erste Großmanöver, bei dem die Verlegung riesiger Truppenverbände aus Nordamerika nach Deutschland und von dort aus weiter in Richtung Osten den Schwerpunkt bildete, startete nach mehrjähriger Vorbereitung Anfang 2020, also mehr als zwei Jahre vor dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Und auch wenn »Defender Europe 2020«, wie das Manöver hieß, aufgrund der Coronapandemie schon kurz nach Beginn abgebrochen werden musste: Es förderte aus Sicht der NATO eine Menge praktischer Erkenntnisse zutage. Drei Jahrzehnte nach dem Fall des Sozialismus in Osteuropa und nach dem Beginn der Hinwendung der meisten Staaten der Region zu dem westlichen Militärbündnis gab es dort immer noch Brücken, die besonders schwere US-Panzer nicht tragen konnten, Straßen, die unter deren Gewicht zerbröckelten, oder Tunnel, in denen NATO-Transporte steckenblieben. »Defender Europe 2020« war beileibe nicht das letzte Manöver seiner Art. Es offenbarte aber deutlich, was einer reibungslosen Verlagerung von Truppen und Material an die NATO-Ostflanke im Wege stand. Die Hindernisse galt es nun zu beseitigen.
Einige Militärplaner hatten schon Vorarbeit geleistet. »Military Mobility« (militärische Mobilität) war längst ein Thema, die EU hatte dem bereits 2018 ihren ersten Aktionsplan gewidmet und für den Haushalt von 2021 bis 2027 immerhin schon 1,7 Milliarden Euro bereitgestellt, die genutzt wurden und werden, um Straßen, Brücken, Schienen, Häfen und mehr kriegstauglich zu machen. Mit den Mitteln wurden 95 Projekte zur Verbesserung der »Dual use«-Transportinfrastruktur finanziert. Apropos Schienen: Der Zustand der Deutschen Bahn lässt seit Jahren nicht nur zivile Fahrgäste verzweifeln, sondern auch Logistiker der Bundeswehr. Das im Jahr 2025 beschlossene »Sondervermögen Infrastruktur« soll zu einem erheblichen Teil der Bahn zugute kommen. Mit ihm soll bevorzugt »Dual use«-Infrastruktur repariert werden. Sollte es künftig einfacher sein, mit dem Zug etwa aus Hamburg nach Polen zu gelangen, dann wird man dies der Tatsache zu verdanken haben, dass an der Nordseeküste schweres US-Militärgerät anlanden kann, das bei Bedarf rasch an eine etwaige künftige Ostfront zu verlegen ist.
Die »Dual use«-Verkehrsinfrastruktur ist auch beim Oplan Deu ein wichtiges Thema. Als Reporter des Wall Street Journal sich Ende 2025 in Deutschland über das Papier informieren ließen, wies jemand sie auf die A 44 bei Büren hin. Dort sei die Autobahn mehrere Kilometer lang ziemlich unförmig, es gebe keine Überführungen, der Mittelstreifen sei nicht grasbewachsen, sondern geteert, hielten die US-Journalisten unter anderem fest. Während des Kalten Kriegs sei dieses Autobahnstück als Ausweichlandebahn zur Fluganbindung des nahen Militärgeländes Brenker Mark vorgesehen gewesen, falls der eigentlich dafür eingeplante Flughafen Paderborn-Lippstadt durch Bombardements unbrauchbar gemacht werden würde. Solche Planungen lebten jetzt wieder auf, konnten interessierte Leser der US-Zeitung vom 26. November 2025 entnehmen, die zudem darauf hinwies, zusätzlich zum dafür berüchtigten Schienensystem seien in Deutschland 20 Prozent aller Autobahnen und mehr als ein Viertel aller Autobahnbrücken mehr oder weniger dringend reparaturbedürftig. Daran wird inzwischen fleißig gearbeitet; schließlich soll der nächste Krieg nicht verlorengehen, weil etwa die Rheinbrücken unter dem Gewicht von Panzerkolonnen einstürzen.
Versorgung durch Zivilisten
Für den Operationsplan Deutschland wird nun freilich viel weiter gegangen. Er trägt der Tatsache Rechnung, dass es nicht einfach damit getan ist, Straßen, Brücken und Schienen instand zu setzen und dann fremde Truppen im Krisen- oder Kriegsfall durchs Land fahren zu lassen. Die Truppen müssen versorgt und während ihrer Fahrtpausen untergebracht, ihre Fahrzeuge geparkt, betankt und gewartet werden. Die Dimensionen sind riesig – die Bundeswehr geht von mindestens 800.000 durchziehenden Soldaten mit 200.000 Fahrzeugen allein in den ersten sechs Monaten eines Krieges aus. Aktive Soldaten der Bundeswehr werden Versorgungsaufgaben kaum übernehmen, denn sie werden zum Großteil in die Kämpfe im Osten entsandt. Die Bundeswehr will zwar in Zukunft rund 200.000 Reservisten zur Verfügung haben. Diese aber sind ebenfalls anderweitig eingeplant, so etwa für den Schutz militärischer Liegenschaften oder kritischer Infrastruktur. Sie werden kaum ausreichen, um auch Rastplätze für durchziehende Truppen zu errichten, um Militärs zu bekochen und bei der Wartung ihrer Fahrzeuge behilflich zu sein.
Für Versorgungstätigkeiten werden im Ernstfall also Zivilisten herangezogen werden. Hier kommt der Oplan Deu ins Spiel. Er legt nicht nur fest, wo Rastplätze eingerichtet oder wie sie angesteuert werden, er regelt auch die Einbindung von Nichtmilitärs. Das kann beispielsweise die Polizei sein, die womöglich benötigt wird, um Konvois durch Ortschaften zu leiten. Infrage kommen daneben aber auch gewöhnliche Zivilisten. Die Reporter des Wall Street Journal berichteten, wie im Herbst 2025 irgendwo in Ostdeutschland Mitarbeiter von Rheinmetall ein Feldlager für 500 Soldaten aufbauten – komplett mit Schlafräumlichkeiten, 48 Duschzellen, einer Feldküche sowie fünf Tankstellen. 14 Tage habe der Auf-, sieben Tage der Abbau gedauert, hieß es. Dabei habe man erneut organisatorische Mängel festgestellt, die es zu beseitigen gelte. So seien die Parkplätze nicht groß genug für alle Fahrzeuge gewesen, und es hätten nicht alle direkt neben dem Feldlager gelegen, weshalb man einen Shuttleservice habe einrichten müssen – sehr unpraktisch.
»Kernelement des Operationsplans Deutschland«, so resümiert die Bundeswehr auf ihrer Homepage, »ist die Zusammenführung der zentralen militärischen Anteile der Landes- und Bündnisverteidigung mit den notwendigen zivilen Unterstützungsleistungen«. Aufgaben wie das Durchschleusen fremder Truppen auf dem Weg nach Osten etwa seien »nur mit den Leistungen zivil-gewerblicher Partner sicherzustellen«. »Der Betrieb der Drehscheibe Deutschland«, heißt es weiter bei der Truppe, sei »damit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe«, und sie bringe »auch Einschränkungen für die Bevölkerung mit sich«. Längst wird auf der Basis des Operationsplans praktisch gearbeitet: Die Bundeswehr hat nicht nur den Konzern Rheinmetall angeheuert, um das erwähnte Feldlager in Ostdeutschland zu errichten, sie hat auch ihre Beziehungen zu Polizei, Rotem Kreuz und Krankenhäusern intensiviert und Vereinbarungen mit allerlei Unternehmen geschlossen. Nicht zuletzt haben die Geheimdienste Tausende Angestellte von Betreibern kritischer Infrastrukturen durchleuchtet, auf der Suche nach etwaigen russischen oder chinesischen Agenten.
Zu den Unternehmen, mit denen die Bundeswehr bereits lange kooperiert, zählen vor allem Logistikkonzerne. Diese wickeln schon seit je Militärtransporte ab. Dazu hat die Bundeswehr Rahmenverträge mit Firmen wie DHL, Hermes und Kühne & Nagel geschlossen, zudem für Seetransporte mit der dänischen Reederei DFDS Seaways und für den Schienentransport mit der Deutschen Bahn. »Die Deutsche Bahn ist Partner für den Operationsplan Deutschland«, bestätigte ein Bahn-Sprecher dem Tagesspiegel (27.8.2025). Es gehe darum, »gemeinsam mit der Bundeswehr und NATO-Mitgliedern die neuen europäischen Herausforderungen auch im Bereich der Militärlogistik zu meistern«. Details wollte der Sprecher nicht nennen. Man weiß aber aus anderen Quellen, dass DB Cargo sich unter anderem vertraglich verpflichtet hat, bei Bedarf binnen kürzester Zeit Hunderte Flachwagen für den Panzertransport bereitzustellen – notfalls durch den Umbau von Containerwaggons. Im Frühjahr 2025 wiederum verhandelte die Bundeswehr mit der Deutschen Bahn über den Umbau großer ICE-Waggons in Bettenwagen für den Verwundetentransport.
Alle machen mit
Auch die Lufthansa ist mit der Bundeswehr dick im Geschäft. In die Ausbildung von Piloten militärischer Transportflugzeuge stieg die Airline bereits 1963 ein. 2012 begann sie mit der Ausbildung von Drohnenpiloten, die zuerst eine reguläre Pilotenausbildung absolvieren müssen, bevor sie sich auf Drohnen spezialisieren – das gilt jedenfalls bei großen Drohnen, die lange die unbemannte Luftfahrt dominierten. Lufthansa Technik wiederum betreut die Flugbereitschaft der Bundeswehr und hat vergangenes Jahr mit den Streitkräften vereinbart, unter anderem auch die Seefernaufklärer Boeing P-8A »Poseidon« zu warten, die die Marine zur Zeit beschafft. »Sie hält Flugzeuge und Komponenten instand«, teilte das Unternehmen im Dezember 2025 mit, »sorgt für Ersatzteile« und »steuert den technischen Betrieb«. Damit sorge Lufthansas Tochterfirma dafür, dass Deutschland die Maschinen »im Alltag wie im Krisenfall eigenständig betreiben« könne, nämlich »mit Wartungs- und Instandsetzungskapazitäten, verlässlicher Ersatzteilversorgung sowie Reparaturmöglichkeiten im Inland«. Im vergangenen Jahr war zudem im Gespräch, im Kriegsfall Soldaten auch mit Lufthansa-Maschinen in die Nähe der Ostfront zu fliegen.
Wie Zivilisten laut dem Oplan Deu im Kriegsfall konkret mit Militärs zu kooperieren hätten, war das Hauptthema des Manövers »Red Storm Bravo«, das Ende September 2025 in Hamburg stattfand. Es begann mit einer Teilübung, bei der Truppen mit schweren Waffen im Hamburger Hafen ankamen. Kurz zuvor, so lautete das Manöverszenario, habe Russland zwei baltische Länder angegriffen; jetzt schicke die NATO Verstärkung. Die Truppen gingen an Land und Militärkolonnen fuhren, begleitet von Knallgeräuschen und Rauchentwicklung, durch die Stadt, erst tagsüber, dann nachts. Dabei hatten sie es mit simulierten Protesten zu tun – mit einer Blockade, die mit Hilfe der Polizei geräumt werden musste, um die Fahrt der Militärkolonne fortsetzen zu können. Eingebunden in das Manöver waren unter anderem die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), die Hamburg Port Authority (HPA), aber auch lokale Radiosender, die Verkehrsmeldungen über die Militärkolonnen senden sollten. Auch die Hamburger Agentur für Arbeit war involviert: Sie testete die Anwendung eines Gesetzes aus dem Jahr 1968, das es erlaubt, Zivilpersonen zu bestimmten Tätigkeiten zu verpflichten, sie also zu Zwangsarbeit zu verdonnern.
Neben dem Anlanden und der Fahrt der Militärkolonnen durch Hamburg gab es bei »Red Storm Bravo« ein weiteres Manöverszenario. Dabei wurde ein Sprengstoffanschlag auf eine Korvette im Hamburger Hafen simuliert, der viele Verletzte forderte. Gut 30 Mitarbeiter der Werksfeuerwehr der Marinewerft Blohm + Voss brachten sie zu Hubschraubern, die sie in Krankenhäuser fliegen sollten. Verletzte zu retten, das war auch das Kernelement des Manövers »Roll2Sea«, das einen Monat zuvor in Rostock stattgefunden hatte. Dort sah das Szenario einen Massenanfall von Verletzten an Bord eines Schiffes vor. Diese sollten zunächst von einem sogenannten Einsatzgruppenversorger der Marine an Bord genommen und dann erst in den Hafen, anschließend in eines von zwei teilnehmenden Krankenhäusern gebracht werden. Dort ging es darum, sie zur sofortigen Behandlung aufzunehmen. Mit derlei Manövern werden nicht nur die Rettungsketten an sich getestet, es geht auch darum, zivile Krankenhäuser an die reibungslose Kooperation mit dem Militär zu gewöhnen – denn diese wäre im Kriegsfall für verletzte Soldaten essentiell.
Soldaten haben Vorrang
Die Anbindung des zivilen Gesundheitswesens an die Bundeswehr ist eines der zentralen Felder der sogenannten zivil-militärischen Kooperation, wie sie im Oplan Deu in den Blick genommen wird. Verletzte wären in Deutschland im Krieg nicht nur zu versorgen, weil es mit Sicherheit zu Luftangriffen auf die »Drehscheibe« des Aufmarschs an der Ostfront käme, sondern auch, weil verletzte Soldaten, sofern sie nicht unmittelbar in Frontnähe behandelt werden könnten, nach Deutschland gebracht werden würden – Militärs nennen unter Bezug auf NATO-Szenarien meist bis zu tausend verletzte Soldaten am Tag. Sie hätten in Krankenhäusern Vorrang vor verletzten Zivilisten. Man müsse sich »darauf einstellen, dass der schwer verwundete Soldat zuerst behandelt wird, der Blinddarmpatient später«, erklärte der Kommandeur des Bundeswehr-Landeskommandos Baden-Württemberg, Kapitän zur See Michael Giss, in einem Interview mit der Schwäbischen Zeitung (2.1.2025). Darauf müsse man schon jetzt, in Friedenszeiten, »die Bevölkerung so vorbereiten, dass sie es versteht«.
Mit letzterem hält sich die deutsche Politik – zum Leidwesen der Militärs – aus leicht ersichtlichem Grund noch etwas zurück. Mit praktischen Vorbereitungen für den Ernst-, also für den Kriegsfall hat sie allerdings auch unterhalb der Bundesebene schon längst begonnen. Die Berliner Senatsverwaltung etwa hat gemeinsam mit der Bundeswehr, der Berliner Krankenhausgesellschaft und zwölf Kliniken ein Arbeitspapier verfasst, in dem das Vorgehen des Berliner Krankenhauspersonals im Kriegsfall festgelegt ist. Dann solle etwa eine umgekehrte Triage praktiziert werden, konstatiert der Verein demokratischer Ärzt*innen (vdää) in einer Stellungnahme vom 29. Oktober 2025: »Geringfügig verletztes militärisches Personal« solle in der Behandlung »Vorrang« erhalten, um Soldaten »schnellstmöglich wieder einsatzfähig zu machen«. Zudem werde »eine offene Diskussion« über das »Sterbenlassen« von Patienten in angeblich hoffnungslosem Zustand angestrebt. Nicht zuletzt stehe, komme es zum Krieg, »die Abgabe weitreichender Befugnisse in Krankenhäusern an Behörden und Militär« bevor.
Auch die bauliche Vorbereitung auf den Krieg wird im Gesundheitswesen längst geplant. So eruierten die Verfasser einer Studie der Deutschen Krankenhausgesellschaft, die Ende Oktober 2025 fertiggestellt wurde, »Investitionsbedarfe« zur Schaffung von »Resilienz« der Kliniken. Man müsse mehr Notstromaggregate erwerben, stets Trinkwasserreserven bereithalten und Dekontaminationsanlagen beschaffen, heißt es in dem Papier. Zudem gelte es, die Funk- und Satellitenkommunikation für Notfälle auszubauen. Nicht zuletzt seien Behandlungsräume unter die Erde zu verlegen, wo sie bei Luftangriffen besser geschützt seien. Konkrete Pläne dazu gibt es aktuell in Köln, wo Umbauten am Krankenhaus in Merheim bevorstehen. Dabei soll eine neue Tiefgarage so angelegt werden, dass sie laut den Geschäftsführern der städtischen Kliniken »bei einem Massenanfall von Verletzten als Intensivstation genutzt werden kann«. Köln-Merheim liegt günstig, jedenfalls gemäß den Kriterien, die in Zukunft für die Auswahl von Klinikstandorten eine zentrale Rolle spielen sollen. Es befindet sich in relativer Nähe zum Flughafen Köln-Bonn und zu drei vielbefahrenen Autobahnen. Damit ist es für Verwundetentransporte gut erreichbar.
Wie werden wohl die Menschen reagieren, wenn Kolonnen von Militärs durch Deutschland rollen, Zivilisten für deren Versorgung eingespannt werden, die ersten Bomben fallen, aber in Krankenhäusern aufgrund der umgekehrten Triage für verletzte Nichtmilitärs keine Behandlung mehr zu erhalten ist? Und wenn, das wird gern verschwiegen, Menschen aus frontnahen Gebieten in Scharen in Deutschland Zuflucht suchen? Was der Oplan Deu dazu sagt, das weiß man aufgrund der strikten Geheimhaltung der zuständigen Stellen nicht. Diskutiert hat diese Frage allerdings eine Expertengruppe, die im Namen des offiziösen Zukunftsforums Öffentliche Sicherheit Anfang 2025 ein »Grünbuch ZMZ 4.0« (ZMZ steht für zivil-militärische Zusammenarbeit) veröffentlicht hat. Wenn in der erwähnten Situation »das zivile Leben stark beeinflusst wird«, heißt es in dem Papier, und wenn die Versorgung der Bevölkerung »nur eingeschränkt oder verzögert aufrechterhalten werden kann« – dann müsse man früher oder später wohl mit »Unruhen« rechnen, und falls diese von feindlichen Kräften »forciert und angestachelt« würden, womöglich gar mit »politischer Destabilisierung«. Diese jedoch gelte es im Krieg noch strikter zu vermeiden als sonst.
Zunehmende Repression
Und wie? Das Grünbuch ZMZ 4.0 schlägt zunächst eine »erhöhte Polizeipräsenz« vor, zugleich eine enge Zusammenarbeit der Polizei mit dem Militär. Zur »Identifikation und Abwehr hybrider Bedrohungen«, insbesondere von »Desinformationskampagnen«, sei zudem »eine systematische enge Abstimmung« auch der Geheimdienste mit Polizei und Bundeswehr unumgänglich – die Repression nähme also zu. Zugleich dringt das Grünbuch darauf, in der Bevölkerung die »Resilienz« zu stärken – ein »kollektives Bewusstsein zu schaffen«, dafür dass »jede und jeder einzelne« persönlich etwas zur Landesverteidigung beitragen müsse. Anzustreben sei nicht nur eine dichte »vertikale und horizontale Vernetzung der staatlichen Ebenen«, sondern ein enger »Schulterschluss aller Akteure«, »von der lokalen Bevölkerung bis hin zu staatlichen Institutionen«. Die Bevölkerung müsse dabei zur »Einlagerung von Vorräten« für »Mangellagen« motiviert werden, aber auch zum »Annehmen der Umstände«. Die Kooperation von Zivilisten mit Militärs müsse, um Ärger zu vermeiden, schon jetzt »regelmäßig« geübt werden – und das überall, etwa auch »in Schulen«.
Schon vor einer kriegerischen Eskalation des Konflikts mit Russland muss bei alledem mit einer Maßnahme gerechnet werden, die ernste Folgen für die Zivilbevölkerung hätte und die bereits repressive Schritte vorzubereiten hälfe: die Ausrufung des Spannungsfalls. Diese hat der Außen- und Militärpolitiker Roderich Kiesewetter (CDU) bereits im vergangenen Jahr mehrmals gefordert. Sie setzt nicht nur die Wehrpflicht für alle Männer ab 18 Jahren sofort wieder in Kraft und erlaubt die unbefristete Einberufung zum Dienst an der Waffe. Sie weitet zudem die Einsatzbefugnisse der Bundeswehr im Inland deutlich aus. Vor allem aber treten mit der Ausrufung des Spannungsfalls die sogenannten Sicherstellungsgesetze in Kraft. Sie erlauben es, zivile Arbeitskräfte verpflichtend für militärische Aufgaben heranzuziehen. Medizinisches Personal etwa könnte in Lazarette, Lkw-Fahrer könnten für Militärtransporte abgeordnet werden. Privatpersonen könnten zur Einquartierung von Soldaten, Unternehmen zur Herstellung von Rüstungsgütern verpflichtet werden. Die Abordnung medizinischen Personals zur Arbeit für das Militär stand übrigens im September 2025 bei »Red Storm Bravo« bereits auf dem Manöverprogramm.
Jörg Kronauer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 12. November 2025 über die Geschichte der Bundeswehr: »Wieder zurück an der NATO-Ostflanke«
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Leserbrief von Onlineabonnent/in alexander v. aus Berlin (31. Januar 2026 um 12:02 Uhr)Dazu einige Einsichten des damaligen DGB-Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter: »Allem Bestreben, eine menschenwürdige Gesellschaft aufzubauen, geht eines als wesentlich voraus: die Bewahrung des Friedens.« Und weiter: »Die furchtbaren Katastrophen der beiden Weltkriege haben uns gelehrt, daß die Zeit einer engstirnigen nationalen Machtpolitik ein für allemal der Vergangenheit angehören muß.« Und: »Wir müssen daher kritischer werden, mehr Verantwortung zeigen und zu Aktionen bereit sein. Wer urteilen will, muß lernen, Argumente zu sammeln, sie zu ordnen und ihnen Gehör verschaffen. Wer gewohnt ist, Urteile und Vorurteile zu übernehmen, wird keinen Frieden, keine Freiheit und keine soziale Verantwortung gewinnen. Darum muß unser Wollen, unsere Sehnsucht nach dem Frieden einmünden in die Aktion gegen den Krieg, sonst bleibt Politik auch hier bestenfalls ein interessantes Schauspiel von «Profis», das man mit Spannung verfolgt, ohne jemals die Absicht zu haben, selbst mitzuwirken. Wo die Praxis des Friedens und der Freiheit außer Gebrauch und Übung kommt, da gerät sie auch außer Bewußtsein.« (Rede zum Anti-Kriegs-Tag 1969). Wer scheisst denn da uns heute ins Gehirn? Bodo Behrendt
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