Teheran gut vorbereitet
Von Lars Lange
Der Flugzeugträger »USS Abraham Lincoln« hat inzwischen den Indischen Ozean erreicht und wird in Kürze in der Arabischen See erwartet. Im Einsatzgebiet befinden sich bereits drei Zerstörer und ein Lenkwaffen-U-Boot der 5. US-Flotte. Nach Eintreffen der Trägergruppe steigt die Gesamtstärke auf zwölf bis 15 Kampfschiffe, wahrscheinlich ergänzt durch ein Atom-U-Boot. Großbritannien hat zudem eine Staffel »Typhoon«-Kampfjets nach Katar entsandt. Ein hochrangiger israelischer Militär erklärte gegenüber dem Portal The War Zone, er gehe davon aus, dass ein Angriff auf Iran stattfinden werde.
Die Trägergruppe führt geschätzt eine Waffenlast zwischen 3.000 und 5.000 Tonnen mit, darunter wahrscheinlich 400 bis 600 »Tomahawk«-Marschflugkörper. Israel verbrauchte während seines Angriffskrieges im Juni schätzungsweise 15 bis 20 Prozent dieser Menge, so die brasilianische Militäranalystin Patrícia Marins. Für gezielte Angriffe genügt dies – für einen Regimewechsel oder einen militärischen Sieg über ein Land mit 90 Millionen Einwohnern jedoch nicht.
Denn Teheran verfügt über erhebliche Kapazitäten zur asymmetrischen Kriegführung. Die iranische Marine setzt auf eine, im Lichte des Ukraine-Krieges betrachtet, hochmoderne Flotte – Hunderte kleine, mit Raketen bestückte Schnellboote, die im Schwarm operieren. In der Arabischen See treffen damit zwei grundverschiedene Marinedoktrinen aufeinander: auf der einen Seite die US-Machtprojektion mit großen, teuren Trägern und Zerstörern, auf der anderen Irans Schwarmflotte. Der Seekrieg wird heute jedoch von Drohnen, unbemannten Unterwasserfahrzeugen und weitreichenden Antischiffsraketen bestimmt – genau die Bereiche, auf die Iran sich spezialisiert hat. Die großen US-Schiffe hingegen sind vergleichsweise langsam, leicht zu orten und damit verwundbar. Insgesamt soll Iran über 1.600 bis 2.000 Raketenstarter auf See verfügen – Vertikalzellen, Deckcontainer und Raketenrohre auf Schiffen aller Größen –, dazu 25 bis 30 U-Boote, darunter Kleinst-U-Boote für Angriffe in den Engstellen der Straße von Hormus. Rund 5.000 Seeminen lagern in den Arsenalen. Damit kann der Iran im Falle einer Eskalation die Meerenge nicht für Tage, sondern für Wochen oder Monate sperren.
Teherans Antischiffsraketen erreichen Reichweiten von bis zu 1.700 Kilometern, bei ballistischen Raketen mit manövrierfähigen Sprengköpfen sind es bis zu 2.500 Kilometer. Iran hat in der Vergangenheit erhebliche Anstrengungen unternommen, um ballistische Raketen für den Einsatz gegen Schiffe umzurüsten. Auch bei Drohnen hat das Land aufgerüstet. Als einer von weltweit nur sechs Staaten verfügt Iran über einsatzfähige Höhendrohnen großer Reichweite. Nach Schätzungen können 100 bis 200 dieser Systeme zur Aufklärung und Zielerfassung auf See genutzt werden. Bei einem Sättigungsangriff mit Hunderten Drohnen würden einige mit Sicherheit durchkommen, warnt der Drohnenexperte Cameron Chell gegenüber Fox News.
Die Opferzahl der jüngsten Unruhen ist nach wie vor Gegenstand breiter Spekulationen. Während Teheran offiziell 3.117 Tote meldet, von denen die meisten von »Terroristen« getötet worden sein sollen, meldet etwa die unter anderem von der CIA-Vorfeldorganisation National Endowment for Peace finanzierte und in Fairfax/Virginia sitzende Human Rights Activists News Agency 5.495 bestätigte Todesopfer. Untersucht würden 17.031 weitere mutmaßliche Fälle. Das in London sitzende von Riad finanzierte Portal Iran International sprach am Sonntag unter Verweis auf neue Informationen, die aber nicht offengelegt wurden, gar von mehr als 36.500 Getöteten – allein am 8. und 9. Januar.
Trotz aller Proteste verfügt die Regierung in Teheran jedenfalls weiterhin über erheblichen Rückhalt. Die Revolutionsgarden und die ihnen unterstehende Basidsch-Miliz bilden ihr Rückgrat. Allein die Miliz zählt nach offiziellen Angaben zwischen 13 und 20 Millionen Mitglieder. Es ist bereits die fünfte große Erhebung seit 2009 – alle hat Teheran überstanden. Für einen Sturz müssten Teile des Sicherheitsapparats überlaufen, bisher gibt es dafür keine Anzeichen. Ein US-Angriff dürfte den Rückhalt eher noch verstärken. Washington müsste sich dann auf energischen Widerstand einstellen: eine gut ausgebildete, vermutlich gut motivierte und zahlenmäßig weit überlegene Streitmacht gegen einen Flottenverband, dessen Überlegenheit auf dem Papier durch die Realitäten des modernen Seekriegs relativiert wird.
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