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20.01.2026, 11:03:55 / Ausland
Syrien

Ein neuer Plan zur Zerschlagung Rojavas

Es ist ein Angriff auf das gesellschaftliche Modell selbst und öffnet islamistischer Reorganisierung Tür und Tor
Von Hamdiye Çiftçi Öksüz
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Die Statue einer Kämpferin der Syrischen Demokratischen Kräfte wird in Tabka martialisch zerstört (18.1.2026)

Der Krieg in Syrien ist in eine neue Phase eingetreten. Die Entwicklungen, die ihren Ausgangspunkt in Aleppo nahmen und sich schrittweise in Richtung Nordostsyrien ausweiten, deuten auf einen umfassenden Plan zur politischen und militärischen Zerschlagung Rojavas hin.

Internationale Akteure, die jahrelang unter dem Vorwand des »Kampfes gegen den IS« in der Region präsent waren, begegnen heute der Rückkehr derselben ideologischen und organisatorischen Strukturen mit auffälliger Untätigkeit. Der »Islamische Staat« mag militärisch besiegt worden sein, politisch jedoch wurde er nicht zerschlagen. Vielmehr reorganisieren sich seine Netzwerke unter neuen Namen und mit veränderter äußerer Struktur – etwa in Form von HTS – und werden schrittweise wieder in regionale Machtkonstellationen eingebunden.

Der von Aleppo ausgehende Prozess setzte sich über Rakka fort und erreicht inzwischen Hasaka. Die gezielt erzeugten Sicherheitslücken und die bewusste Destabilisierung Nordostsyriens schaffen die Voraussetzungen für eine neue Eskalation. Ein zentrales Element dieser Entwicklung ist das Lager Al-Hol, das seit Jahren als einer der gefährlichsten Orte der Welt gilt.

In Al-Hol werden Zehntausende mutmaßliche IS-Mitglieder und deren Angehörige festgehalten. Zahlreiche internationale Berichte weisen darauf hin, dass insbesondere Kinder dort systematisch einer radikal-islamistischen Indoktrinierung ausgesetzt sind. Das Lager stellt nicht nur eine humanitäre Katastrophe dar, sondern auch eine langfristige sicherheitspolitische Bedrohung.

Ein weiterer zentraler Akteur in diesem Prozess ist die Türkei. Die Regierung Erdoğan nutzt seit Jahren islamistische Milizen als faktische Stellvertreter in ihrer Syrien-Politik. Mit politischer, logistischer und militärischer Unterstützung des türkischen Staates werden Hunderte bewaffnete Gruppen gegen die kurdische Bevölkerung und die Selbstverwaltungsstrukturen in Rojava in Stellung gebracht. Diese Milizen unterscheiden sich zwar in Namen und Bündnissen, stehen jedoch ideologisch und praktisch in der Kontinuität des IS.

Ziel dieser Angriffe ist nicht allein die militärische Kontrolle einzelner Gebiete. Angegriffen wird das gesellschaftliche Modell Rojavas selbst – ein Projekt, das auf ethnischer und religiöser Vielfalt, lokaler Selbstverwaltung und der aktiven Beteiligung von Frauen basiert.

Die Haltung der internationalen Gemeinschaft bleibt widersprüchlich. Nach den syrisch-israelischen Gesprächen vom 6. Januar in Paris werfen die Entwicklungen vor Ort insbesondere Fragen zur Verantwortung Frankreichs und der USA auf.

Jene kurdischen Jugendlichen, Frauen und Kämpferinnen und Kämpfer, die entscheidend zur Niederlage des IS beigetragen haben, sehen sich heute erneut mit derselben Gefahr konfrontiert – diesmal jedoch in einer formalisierten und politisch verschleierten Form.

Die Ereignisse in Rojava sind keine rein regionale Angelegenheit. Die erneute Organisierung radikal-islamistischer Strukturen stellt eine unmittelbare Bedrohung für die internationale Sicherheit dar – auch für Europa.

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