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Aus: Ausgabe vom 26.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Treten und getreten werden

Das Berliner Gefangenentheater »Aufbruch« inszeniert Becketts »Warten auf Godot« in der JVA Plötzensee
Von Erwin Grave
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»Ich träumte, dass ich glücklich war«: Stilleben mit Möhre

Das Gefangenentheater »Aufbruch« gefällt mit einer weiteren Aufführung, dieses Mal mit Samuel Becketts »Warten auf Godot« in der Berliner Justizvollzugsanstalt Plötzensee. Der Kultursaal der Anstalt wurde zu einem Theater umgebaut, da kann man jetzt das vielleicht langweiligste Stück der Theatergeschichte sehen – ohne sich zu langweilen. Die Aufführung, entnimmt man dem Programmheft, hat Tradition: Als einmal in Schweden der Versuch gewagt wurde, Gefangene auf Godot warten zu lassen, nutzten vier der fünf Schauspieler die Gelegenheit zur Flucht. »Das ist das Beste, was meinem Stück widerfahren ist«, soll der Dichter lachend ausgerufen haben. Versteht sich, dass die Sicherheitsmaßnahmen der JVA Plötzensee eine Wiederholung nicht zulassen.

Die beiden Hauptfiguren, Wladimir und Estragon, sind Vagabunden. Sie warten in der Wüste. Einzige Kulisse ist ein Baum. Es handelt sich, einer Interpretation Günther Anders’ folgend, um den Baum des Lebens, der den Menschen den Weg ins Paradies versperrt. Die Vagabunden, demobilisierte Soldaten, gehören zum überflüssigen Proletariat, man braucht sie nicht einmal mehr als Lohnsklaven. Während sie warten, schlagen sie sich die Zeit tot, denken an Suizid, wofür ihnen aber die Kraft fehlt. Als Widersacher tauchen der reiche Herr Pozzo und sein Knecht Lucky auf, Reste der Klassenherrschaft. Lucky darf immerhin die Hühnerknochen abnagen, die vom Tisch der Herrschaft fallen. Wladimir und Estragon müssen Rüben essen.

Das Gefangenenensemble inszeniert das Stück als ernste Komödie. Die Kälte der Dialoge kontrastiert eine homoerotische Nähe der Vagabunden zueinander. Die Clownerie der beiden wird durch Virtuosenstücke unterbrochen: eine Beatboxvorstellung, ein hübscher Tanz auf einer Bank. Becketts Charaktermasken füllen sich so mit Fleisch und Blut, auch chinesisch anmutende Theatermasken kommen zum Einsatz. Die absurden Gespräche wirken realistisch, solche Sätze könnten Bong rauchenden Jungs tatsächlich einfallen. Der Kurzweiligkeit dient eine Vervielfachung der Rollen: Wladimir wird von vier, Estragon von drei Gefangenen dargestellt. Gekürzt wurde Becketts Stück außerdem.

»Woher kommen all die Leichen?« fragt Wladimir. »Man braucht nur nicht hinzusehen«, antwortet Estragon. Damit ist das Thema vom Tisch. An einer anderen Stelle seufzt Estragon: »Ich träumte, dass ich glücklich war.« Wladimir will nichts davon hören: »Sei still.« Um (verdrängtes) Grauen bildhaft werden zu lassen, projiziert Regisseur Peter Atanassow Filmsequenzen an die Wand. Zwischen Bildern gesellschaftlicher Katastrophen blitzen solche gesellschaftlicher Aufbrüche auf. Weltkriege, Atombomben, die Zerstörung Vietnams, unterbrochen von Aufnahmen Rudi Dutschkes oder Che Guevaras. Mittels traumähnlicher Übergangsszenen findet die (historische) Zeit einen Weg in das zeitlose Stück. Die Beckettsche Wüste wird dechiffriert als gesellschaftlich gemachte. Auch der leichte Fabelcharakter des Stücks scheint durch.

Im ersten Akt befiehlt der Herr seinem Knecht, dies und das für ihn zu tun – das alte Arbeitsverhältnis scheint noch intakt. Einmal befiehlt er, der Knecht solle denken. Bei Beckett kommt nur dekadenter Quatsch aus dessen Mund, das Gefangenentheater »Aufbruch« hingegen lässt den Arbeiter gegen die geldgetriebene Wirtschaft anstottern und vom Aufbau des Sozialismus. Die rettende Idee bebt in ihm nach. Im zweiten Akt ist der Kapitalist blind, hilflos. Doch der Arbeiter verschläft seine Möglichkeiten. Die beiden Vagabunden indes spüren einen inneren Aufruf. »Augenblicklich«, sagt Wladimir, »sind wir die Menschheit, ob es uns passt oder nicht.« Sie verprügeln den Kapitalisten. Der Paradiesbaum trägt leichtes Grün.

Am Ende helfen Wladimir und Estra­gon dem Kapitalisten wieder auf die Beine, treten den Arbeiter zurück in seinen Dienst – und warten weiter auf Godot.

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