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Aus: Ausgabe vom 26.01.2026, Seite 6 / Ausland
Nachruf

Der unbequeme Marxist

Klassenbewusster Ideologiekritiker: Zum Tod von Michael Parenti
Von Susann Witt-Stahl
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Allein sein beißender Spott zog Massen von Zuschauern an. Zu Michael Parentis Paradedisziplinen gehörte es, die herrschende Klasse und ihre Propagandisten der Heuchelei zu überführen. In Vorlesungen sezierte der marxistische Gelehrte und Publizist genüsslich ihre Lügen und Widersprüche. »Zu behaupten, Sozialismus funktioniere nicht, bedeutet alle Fakten zu übersehen, die beweisen, dass er funktioniert«, donnerte er 1996 bei einem Vortrag mit dem Titel »Reflexionen zur Niederwerfung des Kommunismus« und schlug mit geballter Faust auf den Katheder. Er verwies auf Landreformen etwa in der Sowjetunion und Kuba sowie die vielen »dramatischen Verbesserungen der Lebensbedingungen für Hunderte Millionen, wie es sie nie zuvor und auch nicht danach in der Geschichte der Menschheit gegeben« habe. Vor zehn Jahren zog er sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurück und verstarb am Sonnabend im Alter von 92 Jahren in Berkeley, Kalifornien im Kreis seiner Familie. »Nun ist er im großen Vorlesungssaal im Himmel«, sagte sein Sohn Christian, der Soziologieprofessor an der New York University ist.

Michael Parenti war 1933 in East Harlem in New York City geboren worden und Spross einer italienisch-stämmigen Arbeiterfamilie. Er wuchs als »Kind der Straße« auf und sammelte Erfahrungen, die sein politisches Leben prägen sollten. »Viele von uns, die aus armen Familien kommen, die die verborgenen Wunden ihrer Klasse mit sich herumtragen, sind sehr beeindruckt von den Errungenschaften der sozialistischen Länder und wollen nicht zulassen, dass sie als ›ökonomistisch‹ abgetan werden«, begründete Parenti, warum er die Bekämpfung des Antikommunismus zum Prinzip seines politischen Wirkens erhoben hatte.

Nach der High School schlug er sich mit Jobs durch, besuchte dann das City College of New York, die Brown University, promovierte schließlich in Politikwissenschaft an der Yale University und lehrte eine Zeit an der University of Illinois Urbana-Champaign. Für sein offenes Bekenntnis zum Kommunismus und seine Teilnahme an Protesten gegen den Vietnamkrieg, die ihm 1970 Kriminalisierung unter anderem wegen angeblicher Körperverletzung eines Polizisten und Widerstand gegen die Staatsgewalt bescherte, bezahlte Parenti früh einen hohen Preis: Er verlor seine Professur an der Universität von Vermont und erhielt nie mehr eine unbefristete Stelle an einer Hochschule.

Parenti wusste das brotlose Dasein als freier Dozent und die dadurch gewahrte Unabhängigkeit produktiv zu nutzen. Er veröffentlichte 24 Bücher und diverse Essays, darunter auch die Streitschrift »To Kill a Nation« über die Zerschlagung Jugoslawiens, mit der er sich wüste Attacken aus dem Politik- und Medienestablishment einhandelte. Leider wurden nur wenige Texte von Parenti ins Deutsche übertragen. 2007 erschien von ihm »Weltmachtpolitik der USA nach dem ›Ende der Geschichte‹« – nicht zuletzt eine Abrechnung mit den Wendehälsen und Rechtsopportunisten in der gesellschaftlichen Linken der USA, die sich nach dem konterrevolutionären Epochenbruch 1989/90 zunehmend oppositioneller Regungen enthielten. Hart ins Gericht ging er mit linken Bildungseliten, die sich zwecks Karrieresicherung »immer noch mit den Revolverblatt-Berichten über die ›Schrecken des Kommunismus‹ abgeben«, wie es in seinem Essay für den von Michael Klundt herausgegebenen Sammelband »Kapitalismus versus Barbarei?« heißt. »Sie sind so beschäftigt damit, dass sie scheinbar nicht bemerkt haben, wie sich das Zentrum politischer Kräfteverhältnisse seit dem Umsturz des Kommunismus drastisch nach rechts verschoben hat.«

So trauern Marxisten weltweit vor allem um den klassenbewussten Ideologiekritiker und streitbaren Gelehrten, der »sein Leben der revolutionären Volksbildung und nicht dem Elfenbeinturm gewidmet hat«, wie der linke Journalist Ben Norton schreibt. »Mit seinem Abschied verlieren wir einen Anker«, so Vijay Prashad, Direktor des Tricontinental: Institute for Social Research. »Michael Parenti, Genosse, wir senken unsere rote Fahne zu deinen Ehren.«

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  • Leserbrief von Doris Prato (27. Januar 2026 um 10:52 Uhr)
    »Mit ihm hat die Welt eine ihrer größten moralischen und intellektuellen Leuchten verloren. Er war eine Stütze, ein Prophet des Volkes und ein unerschütterlicher Kämpfer für die Befreiung« würdigt der US-amerikanische Politik-Wissenschaftler Norman Filkenstein Michael Parenti in einem Nachruf, den das kommunistische Magazin »Contropiano« am 26. Januar veröffentlichte. Mit seinem Werk stattete er Generationen mit dem Werkzeug aus, die Mechanismen von Imperium und Kapital zu verstehen und zu zerschlagen. Parentis Leben war ein Paradebeispiel für engagierten Intellektualismus. Er verstand, dass Theorie keine abstrakte Übung, sondern eine Waffe ist, die es zu schärfen und zu teilen gilt. Seine bahnbrechenden Werke, insbesondere das monumentale »Empire’s New Clothes: A Marxist Analysis of Twenty-First-Century Imperialism« und die wegweisende Aufsatzsammlung »Bread, Roses, and Revolution: A Handbook for the Next Left«, blieben nicht einfach in den Regalen stehen. Sie wurden gelesen, hervorgehoben und leidenschaftlich diskutiert – in engen Studentenwohnheimen, in lebendigen Gemeindezentren und bei Protesten auf sechs Kontinenten. Er besaß die seltene Gabe, die komplexesten globalen Systeme – von Finanzialisierung und neoliberaler Ausbeutung bis hin zu militärischen Interventionen und kultureller Hegemonie – mit einer verblüffenden und revolutionären Klarheit zu analysieren. Seine Leistungen wurden nicht an den Auszeichnungen der Mächtigen gemessen, sondern an den Bewegungen, die er förderte. Über fünf Jahrzehnte lang war Parenti ein unermüdlicher Mentor, ein geduldiger Lehrer und ein strategischer Kompass. Er war eine Schlüsselfigur der Antikriegskoalition der 2000er Jahre, dessen tiefgründige Analysen das moralische und faktische Fundament für Massenmobilisierungen bildeten. Er stand an der Seite streikender Arbeiter in Streikposten, organisierte öffentliche Vorträge gegen neokoloniale Schulden und verlieh Befreiungskämpfen von Palästina bis Lateinamerika seine kraftvolle Stimme, wobei er stets die Handlungsfähigkeit der Unterdrückten in den Mittelpunkt stellte. Für Aktivisten war er eine lebendige Brücke. Sie verband die Black-Power- und Antikriegsbewegungen der 1960er und 1970er Jahre mit den Globalisierungskritikerprotesten der 1990er Jahre und diese wiederum mit den heutigen Klimagerechtigkeits- und Abolitionismusbewegungen. Er lehrte, dass unsere Kämpfe nicht isoliert, sondern miteinander verwobene Fäden desselben globalen Widerstandsgewebes seien. Eine ganze Generation lernte von ihm, dass Antiimperialismus von Natur aus Internationalismus, Feminismus und ökologisches Bewusstsein bedeutet. Für Marxisten war er eine erfrischende Quelle rigorosen, undogmatischen Denkens. Furchtlos setzte er sich mit neuen sozialen Bewegungen auseinander, kritisierte Orthodoxien und beharrte darauf, dass ein lebendiger Sozialismus im Kern demokratisch sein müsse.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marvin M. aus Köln (26. Januar 2026 um 09:09 Uhr)
    Einer der wenigen US-Amerikaner, die denken konnten. Er wird fehlen in einer Zeit, die ihn wieder mehr als sonst braucht.

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