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Aus: Ausgabe vom 16.01.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Deutsch-indische Beziehungen

Alternative für China

Der deutsche Kanzler hat Indiens Premier besucht. Der eine braucht neue Handelspartner
Von Jörg Kronauer
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Haben kaum dieselben Ziele vor Augen. Friedrich Merz und Narendra Modi am Montag im indischen Ahmedabad

Etwas war anders als sonst, als Friedrich Merz Anfang der Woche zum ersten Mal im Amt des Bundeskanzlers in Indien eintraf. Es war mehr als die schlichte Tatsache, dass Merz nicht wie Angela Merkel China oder wie Olaf Scholz Japan als Zielland seiner ersten Asienreise gewählt hatte, sondern eben Indien. Es war auch nicht so, dass die Themen, die seit Jahren auf dem Arbeitszettel deutscher Politiker stehen, wenn sie das südasiatische Land besuchen, diesmal keine Rolle gespielt hätten – im Gegenteil: Mit Nachdruck war der Bundeskanzler bestrebt, die Wirtschaftsbeziehungen zu Indien zu stärken, um perspektivisch eine Alternative zum China-Geschäft zu entwickeln. Nein, neu war anderes. Zumindest in der Öffentlichkeit belehrte Merz seinen Gastgeber, Premierminister Narendra Modi, nicht mehr, es müsse jetzt aber endlich Schluss sein mit dem Erwerb russischen Öls, und Neu-Delhi solle sich gefälligst den Russland-Sanktionen der westlichen Mächte anschließen. Er sei »der letzte, der hier mit erhobenem Zeigefinger Besuche in anderen Ländern macht«, behauptete Merz kühn – und auch wenn es für sich spricht, dass er das eigens betonen musste: Er äußerte Verständnis für Indiens Import russischen Öls.

Was hat sich geändert? Nun, es sind die globalen Verhältnisse, die die Bundesregierung zumindest zu Kursanpassungen zwingen – und dabei kommt Indien ein größerer Stellenwert zu. Selbst für hartgesottene Transatlantiker ist längst unverkennbar, dass es zu den Maximen der Trump-Administration gehört, Verbündete nicht besser zu behandeln als Rivalen, sondern schlechter: Sie sind abhängig; man kann sie deshalb viel leichter auspressen. Dies führt inzwischen dazu, dass sogar Berlin bemüht ist, Alternativen zur Kooperation mit den USA zu entwickeln, um die Abhängigkeit zu lindern. »So wichtig Europa und die transatlantischen Beziehungen für uns Deutsche bleiben, müssen wir heute ein weiteres, ein größeres Netz an Partnerschaften knüpfen«, erläuterte Merz. Längst werden die Beziehungen zu Kanada ausgebaut, das unter Trumps Zollorgien ächzt. Die Erleichterung über die finale Zustimmung zum Mercosur-Freihandelsabkommen war am Wochenende mit Händen zu greifen. Sogar im Streit der EU mit China um den Import von Elektroautos war diese Woche ein Kompromiss möglich, der für Berlin und Brüssel ein wenig Spielraum beim großen Lavieren schafft. Indien aber sei Deutschlands »Wunschpartner«, erklärte Merz. Druck – etwa im Hinblick auf Russland – sei da nicht das »richtige Instrument«; schließlich wolle man die »Partnerschaft auf eine neue Basis« heben.

»Wunschpartner« ist Indien gleich aus mehreren Gründen. Es ist nicht nur offen für die Zusammenarbeit mit westlichen Staaten, es sucht sie geradezu, denn es braucht sie, um sich als asiatische Gegenmacht zu China zu positionieren. Sein eigenes ökonomisches Gewicht reicht dazu bei weitem nicht aus. Zwar ist Indien mit einer Wirtschaftsleistung von 4,51 Billionen US-Dollar soeben an Japan (4,46 Billionen US-Dollar) auf den vierten Platz der Weltrangliste vorbeigezogen. Doch hat es damit noch nicht einmal ein Viertel der Wirtschaftsleistung Chinas (20,65 Billionen US-Dollar) erlangt. Technologisch liegt es gleichfalls weit zurück. Von einer Kooperation mit Deutschland erhofft sich das Land nicht zuletzt einen gewissen Technologietransfer. Dass die Trump-Administration mit Zöllen von rund 50 Prozent auf Indien eindrischt, hat die ursprüngliche Begeisterung für Trump in der Hindu-Mehrheit des Landes erheblich gedämpft und auch in der Politik die Auffassung genährt, man benötige ergänzende Alternativen. Zur Zeit »das größte Wachstumspotential« gebe es in den Beziehungen zur EU, hat Außenminister Subrahmanyam Jaishankar kürzlich betont. Der Druck, das Freihandelsabkommen mit der EU nach 19 Jahren Verhandlungen endlich zu schließen, nimmt zu. Ende Januar ist dafür ein Gipfel mit der EU geplant.

Modi verlieh dem Willen, die Beziehungen rasch auszubauen, auch damit Ausdruck, dass er Merz in seinen Heimatbundesstaat Gujarat bzw. in dessen Wirtschaftsmetropole Ahmedabad einlud: Diese Ehre wird gewöhnlich nur engen Verbündeten wie US-Präsident Trump zuteil. Dennoch ließ die Begeisterung unter deutschen Managern spürbar zu wünschen übrig: Unter den rund zwei Dutzend Firmenchefs, die Merz begleiteten, fanden sich nur drei von Dax-Konzernen – Siemens, Infineon, Henkel. Indien ist nach wie vor für seine krasse Bürokratie berüchtigt, die sogar leidgeprüften deutschen Unternehmern den Schweiß auf die Stirn treiben würde, flösse der dort nicht schon wegen der Hitze und der Luftverschmutzung in Neu-Delhi in Strömen: In den Weltrankings der Großstädte mit der schlechtesten Luft nimmt es regelmäßig einen Spitzenplatz ein. Dabei ist, was Handel und Investitionen anbelangt, in den deutsch-indischen Beziehungen in der Tat noch viel Luft. Der Bestand der deutschen Investitionen in Indien lag zuletzt bei gut 25 Milliarden Euro, in China überstieg er 115 Milliarden Euro. Der deutsche Warenhandel mit Indien lag 2024 bei etwas mehr als 30 Milliarden Euro, der mit China bei 246 Milliarden Euro. Eine Alternative zur Volksrepublik ist das Land aus der Perspektive der deutschen Wirtschaft bislang nur ganz bedingt.

Hintergrund: Militärkooperation

Die verschiedenen Aspekte, die Deutschlands Zusammenarbeit mit Indien hat, spiegeln sich deutlich auf einem speziellen Feld: auf dem der Rüstungs- und Militärkooperation. Eine Absichtserklärung, die beide Seiten am Rande des Besuchs von Bundeskanzler Friedrich Merz unterzeichneten, sieht stärkere gemeinsame Aktivitäten in der Rüstungsverteilung vor. Dies dient zunächst dem Exportinteresse deutscher Waffenschmieden. In den Jahren von 2020 bis 2024, dies hat das Stockholmer Forschungsinstitut SIPRI berechnet, kamen Indiens Importe zu 36 Prozent aus Russland, zu 33 Prozent aus Frankreich und zu 13 Prozent aus Israel. Deutschland rangierte abgeschlagen unter »ferner liefen«. Das soll sich nach Merz’ Willen ändern, zumal Indien SIPRI zufolge nach der Ukraine der größte Waffenkäufer weltweit ist. Berlin hofft dabei nicht nur auf den Profit, sondern auch darauf, Neu-Delhi vom Kauf russischer Waffen abbringen zu können und damit Moskau ein Stück weit aus Indien zu verdrängen.

Indien wiederum nimmt das alles nicht passiv hin, im Gegenteil. Es ist bestrebt, eine eigene Rüstungsindustrie aufzubauen, und dazu sucht es die Kooperation mit anderen Staaten. Schon heute stellt es diverse Waffensysteme – von Artillerie bis zu Kampfjets – selbst her. 2019 haben indische und russische Unternehmen ein Joint Venture gegründet, das eine Variante der altgedienten Kalaschnikow für die indischen Streitkräfte herstellt – in Indien. Im Dezember 2025 einigten sich beide Seiten, weitere solcher Gemeinschaftsunternehmen zu gründen. Auch deutsche Waffenschmieden lassen sich inzwischen auf ähnliche Deals ein. Rheinmetall und Diehl Defence wollen gemeinsam mit dem indischen Konzern Reliance Defence Sprengstoffe und Munition in Indien produzieren. Am Rande von Merz’ Indien-Reise ging es zudem um ein weiteres Projekt: Indien will sechs U-Boote der Klasse 214 kaufen, die bei Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) in Kiel hergestellt werden. Freilich soll die indische Werft Mazagon Dock Shipbuilders (MDL) beteiligt werden; eine partielle Fertigung in Indien ist geplant.

Darüber hinaus steht eine Ausweitung gemeinsamer Kriegsübungen bevor. Die Luftwaffe, die 2024 erstmals an Manövern in Indien teilgenommen hat, will dies auch in diesem Jahr wieder tun; sie soll – wie 2024 – an der Übung »Tarang Shakti« teilnehmen, die für September geplant ist. Zudem ist eine deutsche Beteiligung an der indischen Marineübung »Milan« vorgesehen; diese ist schon für Februar angekündigt. Dabei ist klar: Wer mit Indiens Streitkräften trainiert, trainiert mit einer Armee, die nicht nur jederzeit in einen Waffengang gegen Pakistan geraten kann. Er übt auch den Krieg gegen Indiens Hauptrivalen – die Volksrepublik China. (jk)

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