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Aus: DDR-Anschluss, Beilage der jW vom 02.10.2020
30 Jahre DDR-Anschluss

Komponist Fühmann und zweite Chance

Von Arnold Schölzel
Der Schwarze Kanal: »Komponist Fühmann und zweite Chance«
Der Schwarze Kanal: »Komponist Fühmann und zweite Chance«
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Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und der Spiegel haben Schreibende vorm 3. Oktober in das unbekannte Gelände jenseits der Elbe geschickt. Dessen Besitzer wollen einmal im Jahr wissen, ob der Ostdeutsche pfleglich mit der Immobilie umgeht. Denn, so steht es in den Grundbüchern, sie gehört zum größten Teil Westdeutschen. »Rückübertragung« war der Schlachtruf der 90er Jahre, Ostdeutsche boten bei Auktionen der Treuhand, die jetzt Bodenverwertungsgesellschaft heißt, mangels Zahlungsfähigkeit nicht mit. Auf bvvg.de steht heute: »Sie wollen Acker- und Grünland erwerben oder interessieren sich für Wald, Bauland oder Gebäude in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen oder Thüringen? Dann sind Sie richtig auf der Webseite der BVVG.«

Die NZZ- und Spiegel-Entsandten schreiben aber nicht über grob Materielles, sondern übers Benehmen der Ostdeutschen. Das Urteil: Es geht so, aber zu trauen ist ihnen nicht. NZZ- Redaktor Alexander Kissler, Herkunft Pfalz, fragt am Sonnabend unter dem Titel »Als die deutsche Einheit kam« besorgt: »Doch wurde die Wiedervereinigung auch geistig vollzogen?« Und gibt die Antwort im ersten Satz: »Man musste seine Worte wägen. Angst war da, Feigheit und Verrat, und dazwischen ein normales Leben, ein Leben in der DDR.« Kissler traf – so einfach geht Reportage – Leute, die ihm das bestätigten. Darunter der Dichter Uwe Kolbe, einst aus der DDR ausgewandert und Sammler von Gründen dafür. Kissler zitiert ihn: »›Indolenz, Trägheit. Das ist die Haltung, um die es geht‹, eine in der DDR weit verbreitete Haltung.« Der NZZ-Mann hört dem Volkspsychologen dankbar zu und schreibt: »Aus Trägheit erwächst Feigheit. Beide waren getragen von Angst.« Dennoch sei Kolbe »in jungen Jahren rasch zu Ruhm gelangt. Er staunte. Der einflussreiche Komponist Franz Fühmann habe ihn protegiert.« Das ist ein Fund: Der Schriftsteller Fühmann hat offenbar Noten hinterlassen, zumindest in der Printausgabe der NZZ.

Aber warum soll es im Osten nicht mal was Neues geben? Spiegel-Redakteurin Susanne Beyer gibt ihm, so der Titel ihrer Reportage, sogar »Die zweite Chance«. Die hat der Philosoph Jürgen Habermas gefunden. Er sieht sie »nach der weltgeschichtlichen Zäsur von 1989/90« in der Coronapandemie. Frau Beyer schreibt: »Die Idee eines starken Staates war in den Jahrzehn­ten nach der Einheit nicht populär, der Staat hatte sich immer mehr zurückgezo­gen: Privatisierung, Neoliberalismus, Individualismus waren die prägenden Be­griffe dieser 30 Jahre. Auch für Westdeutsche war vieles davon ungewohnt, auch hier gab es viele Verlierer der Globalisierung. Im Osten aber war der Bruch radikaler. Ostdeutsche kannten einen zu starken Staat.« Zum Privatisieren zum Beispiel von Ostländereien zugunsten Westdeutscher ist er zum Glück noch stark genug, wie Krieg, in den er aus Schwäche regelmäßig verfällt.

Und die Chance? Frau Beyer hört in einer Jenaer Begegnungsstätte für Senioren von Sozialarbeitern: »Damit die Angehörigen die alten Leute nicht ansteckten, sei das Pflegepersonal bei den Besuchen oft dabeigewesen – die Angehörigen seien ›fix und fertig‹ gewesen hinterher, hätten gesagt: ›Das ist ja wie früher bei der Stasi.‹« Die Spiegel-Frau versteht das: »Das Pflegepersonal habe die Angehörigen nur schützen wol­len. Seit Jahrzehnten gibt es die Stasi nicht mehr, aber Angst, die sich einmal eingeprägt hat, verschwindet nicht so schnell.«

Und das im Spiegel, der seit 30 Jahren unter anderem davon abhängt, dass »die Stasi« noch existiert. Aber ist es nur noch die Angst vor ihr? Das ist die zweite Chance für die Illustrierte und reicht für die nächsten 30 Jahre.

Das ist ein Fund: Der Schriftsteller Fühmann hat Noten hinterlassen, zumindest in der Printausgabe der NZZ.

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