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Aus: Ausgabe vom 16.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Popkultur

Auf dem Weg zum Briefkasten

Ein Soundtrack macht kein Album: Die Bristoler Postpunkband Idles hat Darren Aronofskys Film »Caught Stealing« musikalisch untermalt
Von Norman Philippen
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Jetzt auch im Filmgeschäft: Idles

Regisseur Aronofsky (»Requiem for a Dream«, »Black Swan«, »The Wrestler«) hat seine Lieblingsband Idles den Score zu seinem neuen Film einspielen lassen und ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis. So weit, so gut für den Filmemacher und die brutalistischen Bristolians. Doch warum genau soll die Kollaboration so einzigartig sein, wie Aronofsky behauptet – und allenfalls vergleichbar mit Queens Soundtrack zu »Flash Gordon« von 1980?

Band-Scores sind schließlich längst Standard. Toto spielten den Soundtrack zu David Lynchs Sci-Fi-Epos »Dune« (1984) ein, Massive Attack den für Luc Bessons »Danny the Dog« (2005), Eddie Vedder lieferte die Songs zu Sean Penns »Into the Wild« (2007). Aber, meint das löchrige Popkulturgedächtnis zu wissen, wurde der Soundtrack in den drei Fällen nicht wie von Queen und den Idles live, sondern im Zuge der filmischen Postproduktion mit allerlei Studiotechnik aufgenommen, sind die Resultate also ganz anders entstanden als in der Zusammenarbeit des Komponisten Rob Simenson – »The Whale« (2022), »Deadpool & Wolverine« (2024) – mit den Idles.

Wie Queen für »Flash Gordon« lieferten für »Caught Stealing« auch die Idles vor allem Instrumentals im Sinne filmbezogener Cues ab, in nur vier der sechzehn Titel sind Lyrics, ist Joe Talbots Stimme zu hören. Die übrigen Tracks haben mit gewohnten Idles-Songs wenig gemein und bestehen vor allem aus spannungsgenerierenden Hintergrundgeräuschen. Kann man sich das Ganze also als Album anhören, funktioniert das?

Ja. Habe ich auf dem Weg zum nächsten Briefkasten und Nahversorger selbst getestet. Man kann das von vorn bis hinten durchhören. Dabei entsteht dann mental nicht unbedingt »ein atmosphärisch dichtes Porträt« (Taz), es bereitet auch nur wenig Freude, dies zu tun. Durch die Rewe-Regalreihen wandelnd wollte mir nicht recht einleuchten, warum ich mich von der tonalen Untermalung zum Film, wie es Filmmusik zu einem actionsatten Thriller so zu tun pflegt, ambientmäßig wahlweise verfolgt, gewarnt, getrieben, bedroht, belauert, ausgeliefert etc. fühlen sollte – wo ich doch nur einkaufen und dabei die Idles hören wollte.

Was als Filmsoundtrack eine prima Untermalung zu den Szenen sein mag, in denen Austin Butler durch ein hartes, brutales, punkig rülpsendes 1998er New York gehetzt wird, muss es als unbebildertes Album konsumiert nicht sein. Ist es auch nicht. Nicht dass die gebotenen zwölf Instrumentals mit ihrem verzerrten Ampgerausche und -gedröhne, den stampfenden Drums und sonstigen mitunter durchaus progressiven Klangeffekten im Sinne des Auftrags an die Idles keine gute Arbeit wären, nur bleibt das alles – als Musikalbum gehört und bewertet –, was es nun einmal ist: Das Hintergrundgeräusch zu einem Film. Daran können die vier Tracks, die als tatsächliche Idles-Songs bezeichnet werden könnten, nicht viel ändern. »Doom« und »Cheerleader« mögen in diesem Sinne noch einigermaßen befriedigen, doch sind die vier Titel für Idles-Verhältnisse geradezu unverhohlen unambitioniert. Das Cover des von The Clash 1977 gut gecoverten Junior Marvin Songs »Police and Thieves« (1976) darf besten Gewissens gar als unbotmäßig unverschämt schlecht verbucht werden, Joe Talbots Gesang ist auch mit viel Willen zu postmoderner 1998er Ironie eine Zumutung.

So ist denn das »Album« »Caught Stealing (The Original Motion Picture Soundtrack)« einfach das, was in dessen Titel in Klammern steht. Als soeben erschienene Vinylversion also allenfalls etwas für eingefleischte Idles-Fans. »Flash Gordon« von Queen funktionierte da dann doch auch ohne Film besser. Immerhin waren Talbot und seine Mannen so manierlich, auf den Output noch drei Remixe zu packen – zweimal »Rabbit Run« (erstens mit der Band Interpol, zweitens mit dem Gitarristen der Yeah Yeah Yeahs) sowie den durch Lip Critic verstärkten Song »Doom«. Netter Fanservice/Mehrwert dies und deutlich freundlicher gedacht als der von T. Swift, die ihr aktuelles Album in 34 (!) Versionen feilbietet. Das muss man schon sagen.

Idles: »Caught Stealing (O. S. T.)« (Partisan)

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