Voller Ambition ins Ausland abdampfen
Von Ralf Wurzbacher
Was einmal die Münchener Rück war, ist seit 2009 die Munich Re. Moderne Zeiten! Dazu gehört auch eine früher nicht ganz so rabiate Gangart beim Geldvermehren. Für das abgelaufene Jahr rechnet der Konzern mit einer Rendite von sechs Milliarden Euro, für 2026 peilt man mindestens 300 Millionen Euro mehr an. Bis 2030 soll der Gewinn pro Aktie um jährlich acht Prozent zulegen. Tolle Aussichten für die Anleger – nicht für die Beschäftigten. Wie die Süddeutsche Zeitung (SZ) am Sonntag schrieb, plant das Management »massive Stellenverlagerungen aus Deutschland nach Polen und Indien, um Kosten zu senken«. Insidern zufolge stünden mehrere tausend Stellen zur Disposition.
Das Dementi der Führung wirkt wenig überzeugend. Man verfolge »Komplexitätsreduzierung und Kostenmanagement«, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. Um den Abbau von Arbeitsplätzen gehe es nicht. Das ist pfiffig: Kompensiert man den Kahlschlag hierzulande mit neuen Jobs im Ausland, ergibt sich in puncto Mitarbeiterzahl ein Nullsummenspiel. Billiger würde es trotzdem, weil Polen und Inder billiger zu haben sind. Im Dezember hatte Munich Re eine Fünfjahresstrategie namens »Ambition 2030« vorgestellt. Motto: »Outpeak, Outpace, Outperform. Wir wollen noch höher hinaus in jeder Hinsicht.« Man werde mehr Kapital an die Aktionäre zurückführen, Kunden könnten auf »unsere Kapazität und Underwritingexzellenz vertrauen« und die Beschäftigten sich »in einem attraktiven, diversen und globalen Arbeitsumfeld weiterentwickeln«. Übersetzt: Wir brauchen euch nicht mehr.
Laut SZ zielen die Kürzungen im wesentlichen auf die IT-Infrastruktur sowie die Verwaltung. Die IT-Systeme von Munich Re und ihrer Tochtergesellschaft Ergo sollen demnach zusammengelegt und in Teilen von einem indischen Subunternehmer betrieben werden. Ein möglicher Partner könnte der Dienstleister HCL Tech mit Sitz in Noida im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh sein, mit dem der Konzern schon heute eng kooperiert. Stellen in der Personalabteilung, der Buchhaltung, beim Marketing und in verwandten Bereichen könnten nach Gdańsk in Polen ausgelagert werden. Dort ist die Tochter Ergo Technology & Services ansässig. Derzeit zählt der Konzern knapp 46.000 Angestellte, davon 19.900 in der BRD. Die meisten davon sind an den Hauptstandorten München und Düsseldorf tätig, wo auch die Ergo Group ihre Zentrale hat.
Munich Re gilt als weltweit führender Rückversicherer, sprich als Versicherung der Versicherungen. Vor allem die zunehmenden Verheerungen durch den Klimawandel haben die Geschäfte der Branche befeuert. Nach einem Bericht der schweizerischen Handelszeitung vom Montag hielten die Rückversicherer Ende September 760 Milliarden US-Dollar an Eigen- und Fremdkapital zur Deckung der Risiken der Erstversicherer. Das waren 45 Milliarden Euro mehr als 2024, was den Anbietern eine durchschnittliche Eigenkapitalrendite von 16 Prozent bescherte. Allerdings schwächelt der Markt seit April 2025 wegen leicht rückläufiger Preise beim Rückversicherungsschutz. Im Januar werden die Kosten für Policen neu verhandelt, und Analysten glauben, dass die goldenen Zeiten der großen Player vorerst vorbei sein könnten.
Zu den global führenden Akteuren gehören neben Munich Re die Swiss Re, die Hannover Rück und Berkshire Hathaway aus den USA. In allen Fällen halten Vermögensverwalter wie Blackrock, J. P. Morgan oder die Vanguard Group beträchtliche Anteile am Aktienpaket. Erst im Juli hatte Blackrock seine Beteiligung an der Munich Re auf 7,69 Prozent der Stimmrechte deutlich ausgebaut. Die in der Folge hochgeschraubten Erwartungen und verschärften Einsparbemühungen dürften ein Fingerzeig sein, dass sich die Münchner für das Vertrauen des mächtigen US-Investors erkenntlich zeigen wollen. Wohl kein Zufall: Im Juni zog sich Munich Re aus vier internationalen Klimabündnissen zurück, wegen »rechtlicher Unsicherheiten und regulatorischer Probleme«. Blackrock hatte diesen Schritt schon ein halbes Jahr davor vollzogen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt – mehr Naturkatastrophen, mehr Profit.
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