Gegründet 1947 Mittwoch, 7. Januar 2026, Nr. 5
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 06.01.2026, Seite 4 / Inland
»Linksterrorismus«

Geliefert wie bestellt

Berlin: Nach Anschlag weiter viele Haushalte im Südwesten ohne Strom. Politik schreibt Tat »Linksextremen« zu und will ihnen »Nährboden entziehen«
Von Nico Popp
4.jpg
Besichtigung des Tatorts: Kai Wegner nahm am Montag die Reparaturarbeiten in Augenschein

Nach dem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke über den Teltowkanal waren am Montag im Südwesten Berlins bei Minusgraden weiter zahlreiche Haushalte ohne Strom. Schulen blieben geschlossen, Heizungen kalt. Von den zunächst 45.000 betroffenen Haushalten wurden mit Stand Sonntag abend 15.000 wieder versorgt, der Netzbetreiber Stromnetz Berlin wird den Schaden nach eigenen Angaben aber erst am Donnerstag vollständig behoben haben. Neben dem Technischen Hilfswerk ist in den betroffenen Stadtteilen inzwischen auch die Bundeswehr im Einsatz. Sie stelle Diesel und Personal für den Betrieb von Notstromaggregaten, insbesondere für Pflegeeinrichtungen, zur Verfügung, hieß es aus dem Verteidigungsministerium.

Nach dem Anschlag am Sonnabend gegen sechs Uhr früh war im Netz wie in ähnlichen Fällen zuvor das »Bekennerschreiben« einer »Vulkangruppe« aufgetaucht, in dem eine »Gier nach Energie« gegeißelt und als Ziel des Anschlags ausgegeben wird, das Gaskraftwerk Lichterfelde zu »sabotieren«. Nachdem sich die Berliner Landesregierung am Sonntag festgelegt hatte, dass »Linksextremisten« hinter dem Anschlag stehen, gab sich die Bundesregierung am Montag noch zurückhaltend. Eine »linksextremistische Motivation« sei zwar »naheliegend«, gleichwohl sei die »Authentizität des Bekennerschreibens« bislang »aus unserer Sicht nicht abschließend geklärt«, sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums.

Der für das Krisenmanagement verantwortliche Berliner Senat hat unterdessen alle Hände voll zu tun, ein im Wahljahr doppelt unwillkommenes PR-Desaster zu vermeiden. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) ließ sich am Sonnabend nicht vor Ort blicken und musste seither wiederholt erklären, wie es dazu kam. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) hielt es für eine gute Idee, stolz zu verkünden, dass Betroffene für 70 Euro Selbstkostenbeitrag pro Nacht ein Hotelzimmer beziehen können, was die vielen Nichtmillionäre, die es in diesem Teil der Stadt auch gibt, als Hohn empfinden. Vielfach hinterfragt wird zudem, warum es annähernd eine Woche dauert, um diesen Schaden zu beheben.

Trotz der Anstrengungen, den Blick auf die »linksextremen« Täter zu lenken, geraten die so beinahe etwas aus den Augen. Die »Vulkangruppe(n)« und die unter anderen Namen auftretenden Akteure, die zuletzt in immer kürzeren Abständen Anschläge auf die technische Infrastruktur ausgeführt haben, sind ein eigenartiger Fall. Anders als bei anderen »militanten« linken Gruppen der Vergangenheit gibt es keine Soliszene, kein »Umfeld« und keine linke Debatte, die diese Aktionen unterstützt oder legitimiert. Auffallend an den Anschlägen ist, dass regelmäßig die Masse der Bevölkerung ins Visier genommen und dieses Resultat dann provozierend unter »Kollateralschaden« bzw. »Unannehmlichkeiten« vermerkt wird.

Ebenfalls bemerkenswert sind die detaillierten Kenntnisse über die technische Infrastruktur – egal ob Bahn oder Stromnetz –, die jeweils ausgenutzt werden, um den Schaden zu maximieren (und eben nicht, um ihn für die Bevölkerung zu minimieren). Nach dem Anschlag auf Strommasten in Berlin-Johannisthal im September 2025 – die Aktion richtete sich laut dem lancierten »Bekennerschreiben« gegen den Technologiepark Adlershof, zog aber 50.000 Haushalte sowie Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und Pflegeheime in Mitleidenschaft – wunderte sich der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Martin Matz, im RBB über die den Tätern offenbar zur Verfügung stehenden »Insiderinformationen«: »Wenn man sieht, wo diese Strommasten in Johannisthal stehen oder gestanden haben, dass die etwas mit der Stromversorgung in Adlershof zu tun haben, ist nicht so völlig einsichtig.« Wie die Täter an solche Informationen, über die nur Behörden und/oder Unternehmen verfügen, gelangt sein könnten, wird bislang kaum thematisiert.

Und natürlich ist der Kontrast zwischen den phrasenhaft, bemüht und unbeholfen wirkenden »Bekennerschreiben« und der sonstigen Professionalität der Täter etwa im Bereich der Spurenvermeidung auffallend. Es hat den Anschein, als tappten die Behörden trotz einer inzwischen beachtlichen Zahl an unterschiedlichen Tatorten auch nach Jahren bei der Suche nach den Tätern im Dunkeln. Das hält sie indes nicht davon ab, stets zügig die im Netz aufgetauchten »Bekennerschreiben« für authentisch zu erklären – was die tatsächlichen empirischen Anhaltspunkte dafür sind, bleibt jeweils offen.

Die Aktivitäten der »Vulkangruppe(n)« haben sprunghaft und mit stets größerer Schlagzeilentauglichkeit zugenommen, nachdem die deutschen Behörden angefangen haben, eine neue »linke Gewaltbereitschaft« zu konstatieren. Die Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sprach nach dem neuerlichen Anschlag prompt von »Linksterrorismus«. Die aus dem Inlandsgeheimdienst kommende Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) meldete sich via Tagesspiegel zu Wort und forderte eine Art Offensive gegen den »Linksextremismus« an und für sich: »Man muss linksextremistischen Gruppen auch den Nährboden entziehen, und zwar in jeder Hinsicht.« Wer meine, »die ›Antifa‹ oder ihr nahestehende linksextremistische Gruppierungen zu Veranstaltungen einladen oder mit Steuermitteln fördern zu sollen, trägt mindestens unwissentlich zur Anfälligkeit des Systems bei«. Worin genau hier die Verbindung zu dem Anschlag vom Sonnabend besteht, erläuterte Badenberg nicht. Aber man wird festhalten dürfen: Da liefert jemand wie bestellt.

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Monika B. aus Wetterau (6. Januar 2026 um 17:26 Uhr)
    Da wird der erneute Brandanschlag auf die Stromversorgung in Berlin aktuell zur Gelegenheit genommen, landauf landab die mangelnde Sicherheit der kritischen Infrastruktur aufzuzeigen und zu beklagen. Und die Bundeswehr kann zeigen, wie wichtig die Zivil-Militärische Zusammenarbeit ist. Mich erinnert das an das »Grünbuch 4.0« vom letzten Frühjahr, das zum Teil offen legte, worum es im Operationsplan Deutschland geht. Zentraler Punkt: Die »kritische Infrastruktur«. Die Infrastruktur, die wir für eine gute Versorgung von Bevölkerung bräuchten, interessiert weniger. Gemeint ist, was funktionieren muss, damit im Krisenfall die Wirtschaft weiter läuft. Gemeint ist auch, was für die Nato-Drehscheibe Deutschland gebraucht wird, wenn es zu Kriegshandlungen kommen könnte. Eben so etwas wie die Stromversorgung, bei deren Ausfall nicht nur in unseren Haushalten und Betrieben fast nichts mehr läuft. Schon 2022 hat die EU in diesem Sinne die Richtlinie 2022/2557 für die IT-Sicherheit beschlossen, die eigentlich bis Oktober 2024 in nationales Recht hätte umgesetzt sein sollen. Doch erst am 10.9.2025 beschloss das Bundeskabinett den Entwurf des KRITIS-Dachgesetzes. Der Bundestag behandelte es in erster Lesung am 6.11.2025, überwies es dann aber in die Ausschüsse. Es kommt nur im Schneckentempo voran. Dabei soll es die bestehenden Maßnahmen zur IT-Sicherheit erweitern und für »physische Resilienzmaßnahmen erstmals eigenständige und sektorenübergreifende Regelungen schaffen«. Inklusive Mindestverpflichtungen für die Betreiber »kritischer Anlagen« und einer übergreifenden Meldestelle. Wer das »Grünbuch 4.0 gelesen hat, wird in diesem Gesetzesentwurf an vieles erinnert, was dort beschrieben und gefordert wurde – für eine «resiliente» oder auch «kriegstüchtig» gemachte Gesellschaft. Kann sein, dass nach diesem Brandanschlag aus der Schnecke plötzlich ein Überflieger wird. Allein schon, damit man auch in Friedenszeiten die Bevölkerung besser schützen kann.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Verena B. aus Berlin (6. Januar 2026 um 16:26 Uhr)
    Mir fällt auf, dass ich (Stadtteil Neukölln) knapp vor dem Anschlag in Steglitz-Zehlendorf ein Flugblatt der AfD im Briefkasten hatte. Tenor: die ganze Berliner Bevölkerung leide unter uns Links»extremisten«, wir müssten endlich abgeräumt werden. Beweis: der Anschlag in Treptow-Köpenick. Das heißt natürlich nicht, dass es die AfD war. Aber es macht klar, worum es geht. Interessant wäre zu wissen, in welchen Stadtteilen es dieses Flugblatt sonst noch gab.
  • Leserbrief von Richard Winterstein (6. Januar 2026 um 10:06 Uhr)
    Wenn Anschläge auf die Infrastruktur mit linken oder ökologischen Phrasen verbrämt werden und daraus auch noch für viele Bürger spürbare Kollateralschäden resultieren, dann kann der Zweck dieser Aktionen nur darin bestehen, linke und ökologische Anliegen zu delegitimieren und sie in ein schlechtes Licht zu stellen. Da nur schwer vorstellbar ist, daß Linke und Umweltschützer auf derart hirnrissige Ideen verfallen, bleibt nur ein Schluß: hinter diesen terroristischen Anschlägen stecken Leute, die Linken und Umweltschützern schaden wollen. Unschwer zu erraten, aus welchem Lager die stammen! R. Winterstein
  • Leserbrief von B.S. aus Ammerland (6. Januar 2026 um 09:46 Uhr)
    Ganz genau wie bestellt oder: Kai Wegner ist rechts kaum noch zu überholen. Aber um Krieg zu machen, treiben Wegener und die Plagiatorin Giffey die antirussische und antidemokratische Stimmung im BILD-Zeitungsland immer weiter an. Dafür werden sie sicher wiedergewählt und kassieren dafür ab. Es ist prima, Politiker/in zu sein! Also im Westen nichts neues.
  • Leserbrief von Patrick Büttner aus Leipzig (6. Januar 2026 um 06:37 Uhr)
    Wenn man Google zur »Strategie der Spannung« befragt, wird eine »Übersicht mit KI« angezeigt: »Die ›Strategie der Spannung‹ (ital.) bezeichnet eine politische Taktik, bei der durch inszenierte Terroranschläge und Gewalt (oft ›falsche Flagge‹) gezielt Verunsicherung, Angst und Chaos in der Bevölkerung geschürt werden, um eine Regierungskrise zu erzeugen, die Machtübernahme durch extreme Gruppen zu fördern oder die Bevölkerung zu autoritären Maßnahmen zu bewegen, wie es in Italien während der ›Bleiernen Jahre‹ (ca. 1969–1984) von staatlichen Geheimdiensten und Rechtsextremen angewendet wurde, um die Kommunistische Partei zu schwächen.« »Taten werden verübt, die Linke oder andere politische Gegner verdächtigen, um Chaos zu stiften und die öffentliche Meinung zu manipulieren. Ziel ist es, die Stabilität des Staates zu untergraben und die Bevölkerung gegen die Regierung aufzubringen. Durch die Angst vor Chaos soll die Bevölkerung nach autoritärer Führung oder ›starken‹ Maßnahmen rufen, was extremen Rechten zugutekommt.«

Regio: