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Aus: Ausgabe vom 03.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Landlust

Lookings

Aus der Provinz
Von Jürgen Roth
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Sind sie auch frisch? Austernbar auf dem Borough Market in London

Aus dem vollumfänglich vernebelten und verlorenen Berlin erfuhr ich, dass in immer mehr Lokalitäten der sogenannten Linken die Spiegel auf den Toiletten abgehängt werden, um den »Lookismus« auszurotten. Ich hielt das zunächst für einen guerillaartigen Scherz, der die identitätspolitische Idiotie im Brechtschen Sinne zur Kenntlichkeit entstellen soll, aber nein, diese Deppen meinen das ernst. Die sind nicht zu retten, es sei denn durch starke Psychopharmaka.

Versuchte ich, den Kollegen im Seven Bistro zu erklären, was unter Lookismus zu verstehen sei, brächten sie das Gesetz des Lockismus zur Anwendung: Klappe halten, andernfalls Hausverbot.

Die Ideologieschleuder Amadeu-Antonio-Stiftung erspäht im teuflischen Lookismus Herabwürdigung, Beleidigung, Diskriminierung und Ausgrenzung auf Grund der Bewertung des Aussehens, und das »verletzt uns alle«. Außerdem sei Lookismus eng mit – auf dass die Lostrommel voll ist – Rassismus, Sexismus und Ageismus verbunden.

Wikipedia quasselt von der »Unterdrückung durch Stereotype«, die auf »gesellschaftlichen Konstruktionen« basierten, und fügt hinzu: »Säuglinge zeigen bereits eine größere Aufmerksamkeit gegenüber attraktiven Gesichtern.«

Wittern wir da nicht zu Recht einen Widerspruch? Oder ist schon die Evolution eine gesellschaftliche Konstruktion, die man umbauen müsse? Dürfen nur noch hässliche Paare Kinder zeugen? Entfernen wir aus der Fauna jede Spezies außer dem Nacktmull? Oder sollte man das Sehen an sich generell und total verbieten (was immerhin den Vorteil hätte, die elenden Windräder nicht mehr wahrnehmen zu können)?

Mein Looking ist neuerdings arg gestört und gekränkt. Seit meiner Kindheit schaue ich zur Straßenseite auf das alte kamelfarbene Feuerwehrgerätehaus. Heulte früher die Sirene, rannten binnen Minuten die Freiwilligen aus der Nachbarschaft hinüber, reifere Männer in voller Montur, der Idee uneigennütziger Hilfe verpflichtet.

Nun klebt zwischen den Hallentoren und den Obergeschossfenstern ein sechs Meter breites Schild an der Fassade des recht hübschen Funktionalbaus mit dem mittigen Schlauchturm: eine optische Frechheit in Hell- und Dunkelblau, Weiß und Mirabellenkolorit, die Schrifttypen nach Art des Berliner Spießerpunk-Graffito-­Styles gestaltet. »Jugendzentrum«, so, so. Das hat’s gebraucht, und in den Wirtshäusern treibt sich kein Bengel mehr herum. Ich verachte das unwerte Schild, ich beseitigte es gern, denn ich nenne dergleichen eine Anbiederung an den hohlen Zeitgeist durch Verunzierung.

Im Haushaltswarengeschäft um die Ecke erwarb ich daraufhin den Kalender »Historische Ansichten aus Neuendettelsau« für das Jahr 2026, komponiert aus Fotos aus dem unerschöpflichen Fundus von Martin Vollet. Und das Blatt für den Juni zeigt den Ort um 1960 als harmonisch gegliedertes Ensemble aus Satteldächern mit Gauben und – halbrechts – dem Schlauchturm, mit einem Saum aus Wiesen und Wäldern (und also ohne »Randbebauung«), und das ist ein Looking, das allen Prinzipien der Schönheit und der menschenwürdigen Einrichtung der Welt, die es zu erhalten wert gewesen wäre, genügt.

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