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Aus: Ausgabe vom 03.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Theater

König in der Messibude

Das Beste kommt zum Schluss: Shakespeares »Richard III.« im Wiener Akademietheater
Von Eileen Heerdegen
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»Ich nun, in dieser schlaffen Friedenszeit, weiß keine Lust, die Zeit mir zu vertreiben …«

Nun ward der Winter unseres Missvergnügens, glorreicher Sommer durch die Sonne Yorks.« Hohe Kachelwände, ein Schlachthaus oder die sanitären Anlagen eines Folterinternats, fünf Personen in fleischfarbenem Trikot, sitzen, hängen, liegen zwischen undefinierbarem Müll und Elektroschrott – die Messibude verströmt alles mögliche, nur sicher nicht die Hoffnung auf den glorreichen Sieg, endlich König zu sein, den Richard, noch nicht der III., noch Herzog von Gloucester, in seinem berühmten Eingangsmonolog herbeizutriumphieren versucht.

Nicholas Ofczarek, dessen schwerer Körper in einer ledernen Hose steckt, sitzt im Unterhemd oder halbnackt schwitzend mit wirrem Haar inmitten des Desasters, und nichts an diesem Richard und um ihn herum flüstert von Aufstieg, alles schreit Absturz. Vergangenheit, nicht Futur. Schwer vorstellbar, dass dieser Mann ein genialer, manipulativer und dabei äußerst erfolgreicher Intrigant sein soll.

Möglicherweise war er auch nicht schlimmer als die Verwandtschaft; vorstellbar ist, dass Shakespeare mehr oder weniger eine Auftragsarbeit für das siegreiche Königshaus der Tudors gefertigt hat. Als Richards Leichnam 2012 gefunden wurde, konnte lediglich eine Wirbelsäulenverkrümmung festgestellt werden, er war wohl weder bucklig noch schwer gehbehindert. Er war sicher kein Herzchen, aber im Gegensatz zu allen Nachfolgern überließ er das Kämpfen und Sterben nicht allein dem Volk, er war an vorderster Front dabei und gab in der Schlacht von Bosworth mit schwersten Kopfversetzungen erst auf, nachdem sein Pferd im Morast steckengeblieben war.

»My kingdom for a horse« – der letzte Richard, den ich auf der Bühne erlebt habe, war der phänomenale Sir Ian McKellen, ein Gastspiel der Royal Shakespeare Company im Hamburger Schauspielhaus. Ein sehr eleganter, böser, schneidend kalter Machtmensch in Uniform und Ambiente der 1930er Jahre.

Auch Nicholas Ofczarek ist einer meiner bevorzugten Schauspieler; es liegt weder an ihm noch an den fünf Schauspielerinnen – Dörte Lyssewski, Dorothee Hartinger, Sarah Viktoria Frick, Katharina Lorenz und Sylvie Rohrer –, dass ein wenig stimmiges Konzept präsentiert wird. Shakespeares Königsdramen sind üppig besetzt, und dass die fünf Frauen um die 20 Charaktere spielen, macht es nicht einfacher, sich zurechtzufinden, sofern man nicht die volle Expertise für Shakespeare oder britische Geschichte hat. Bei Bedarf werfen die Damen Kostüm(-teile) über ihre Trikots und die kurzen, an mittelalterliche Tracht erinnernden, Pumphöschen (Kostüme Katrin Aschendorf), aber warum sie fast alle bandagierte Beine haben, bleibt ein irritierendes Geheimnis, wie auch die Frage, ob Lady Anne rollenmäßig hinkt oder ob Katharina Lorenz einen Unfall hatte.

Laut Regisseur Wolfgang Menardi, der auch das Bühnenbild schuf, soll die Mehrfachbesetzung zum Ende hin in einer Art Verschmelzung zum siegreichen Richmond eine späte Solidarisierung der von erdrückendem Leid geplagten einzelnen gegen den Bösewicht symbolisieren, die Frauen stehen für ihr Drängen nach Aufmerksamkeit und Gehör und der ferngesteuerte Roboterhund »N4v1g4t0r«, der hin und wieder grün blinkend durch das Chaos läuft, für, na was? Ja, die Gesellschaft ist auf den Hund gekommen. Okay.

Vielleicht wird man der Inszenierung am ehesten gerecht, wenn man feststellt, dass es sich hier nicht um Old Williams »Richard III« handelt, sondern um eine Neuinterpretation, angelehnt an Peter Weiss’ »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade«. Dann passt sogar das Bühnenbild.

Es tut mir leid für das tolle Ensemble und dessen Leistung (die allerdings vom Publikum, sogar teilweise mit Standing Ovations, auch entsprechend honoriert wurde), aber neben der wahrhaft grandiosen Szene, in der Richard die von Buckingham angebotene Krone immer wieder ablehnt, war das Beste für mich am Schluss die Applausordnung mit Roboterhund, der in der Reihe brav mit nach vorne läuft und Männchen macht. Mein sehnlichster Wunsch als Kind war ein Pferd, bekommen habe ich schließlich einen Hund. Passt doch.

Nächste Aufführungen: 9.1., 14.1.

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