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Aus: Ausgabe vom 03.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Jazz

Drei gegen den Konsensbrei

Neue Gitarrenalben von Paulo Morello, John Scofield und Dave Gisler
Von Andreas Schäfler
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John Scofield (l.) live in Prag (7.4.2025)

It was the hexagram of the heavens / It was the strings of my guitar«, sang Joni Mitchell auf ihrem Jahrhundertalbum »Hejira«, zerrte einen scharfen Akkord an und ließ Larry Carlton ein ausschweifendes Solo über die sechs Düsenjetkondensstreifen am Wüstenhimmel jagen. Wenn man heutigen Gitarreros lauscht, hat man häufig den Eindruck, dass sie ihr Instrument gerade im Jazz am liebsten hinter allerlei soundmanipulatorischem Schnickschnack bis zur Unkenntlichkeit vermummen. Auf einmal klingen alle so synthetisch wie Jakob Bro, und Jakob Bro klingt wie alle. Schluss mit dem laptopgetriebenen Konsensbrei und rasch zu drei löblichen Ausnahmen von der modischen Regel!

Paulo Morellos Trio mit Sven Faller am Bass und Mauro Martins am Schlagzeug manövriert selbstbewusst in der Tradition. Schon der Albumtitel und die Covergestaltung zitieren »Movin’ Wes« von Wes Montgomery, in dessen große Fußstapfen Morello hier so unverblümt wie überzeugend tritt: mit aberwitzigen Bebopsprints im Titelstück und fliegenden Oktavsoli in »Cooking at the Birdland«. Sowas kann sich nur trauen, wer auch wirklich das Zeug dazu hat – hierzulande außer Morello vielleicht noch Joe Bawelino. Die zweite Komponente im Repertoire von »Moving« bildet Gitarrenmusik aus Brasilien, und zwar die harmonisch elaborierte Abteilung, die den Fingern und dem Oberstübchen nicht weniger abverlangt. In der Summe ergibt das tatsächlich den angestrebten Sambop – und ein zeitloses Jazzalbum, das dank der instrumentalen Brillanz und der wachen Interaktion des Trios nicht wenig süchtig macht und nebenbei auch ein beredtes Plädoyer für den in diesem Kontext unschlagbaren Sound einer halbakustischen Gibson L5 darstellt.

John Scofield und Dave Holland im Duo: »Memories of Home« bietet eine Konstellation, die es so noch nie gab. Aber was soll beim Gitarrenderwisch und dem Bassass schon schiefgehen, zumal das Album mit vertrauten Kompositionen aus beider Portfolios gespickt ist? Im intimen Rahmen werden diese Stücke noch nahbarer, ja, ihre Kennmelodien nehmen schon fast Folksongcharakter an. Umso verwegener dann die improvisierte Ausgestaltung, in der sich die hohe Schule materialisiert – mit zwei unnachahmlichen Handschriften, versteht sich. Sco und Ho (ScoLoHoFo hieß mal ihr Quartett mit Joe Lovano und Al Foster) reaktivieren in »Icons at the Fair« ihre Miles-Davis-Vergangenheit, vernaschen mit größtem Vergnügen den boppigen »Mine Are Blues« und rasen angriffslustig durch »Not for Nothin’«. Scofield turnt selbst in den verzwicktesten Lagen narrensicher über das Griffbrett, und wenn er im Zwiegespräch mit Holland wiederholt auch rhythmisch attackiert, bleibt nur noch glückliches Staunen.

Spurenelemente von Scofield finden sich auch im Instrumentalstil von Dave Gisler. Dieser Schweizer Gitarrist hat sich keineswegs aus dem Nichts angeschlichen, seit geraumer Zeit kollaboriert er auch mit internationaler Prominenz und hat schon die (leider früh verstorbene) Trompeterin Jaimie Branch und den Tenorsaxgiganten David Murray in seine Band integrieren können. Auf »The Flying Mega Doghouse«, mit Kontrabassist Raffaele Bossard und Schlagzeuger Lionel Friedli bei Auftritten in Duisburg und Kamp-Lintfort mitgeschnitten, ist man der ungebremsten Intensität zweier abenteuerlicher Livegigs ausgesetzt. Vieldeutiges Geraschel und Geklingel zum Auftakt, dann ein erster, fast noch singbarer Steigerungslauf von Gislers Gitarre, und schon ist man in ein betörendes Wechselspiel von Druckaufbau und Dampfablassen verstrickt. Achteinhalb Minuten dauert »Chillin’ with the Dogs«: Man möchte sich auf der Stelle einen Hund zulegen, oder auch zwei.

Gislers instrumentales Vokabular greift enorm weit aus, stilistisch streunt er mit Lust und Neugier zwischen experimentellem Wohlklang (»Space ­Poodle«) und brachialer Kakophonie (»Runaway Child«) herum und weiß seine unkonventionellen Begleiter stets auf Zack. Bossard und Friedli sind wohltuend erfinderisch und trauen sich, wenn Gisler seine Effektpedale aktiviert, auch zu wummern und zu knüppeln. Diese fliegende Riesenhundehütte ist ein ziemlich verrücktes Vehikel für Ganzkörpermusik, die zwischen Lärm und Idylle nichts auslässt. Nochmals zu den Spurenelementen: Neben Scofield schimmert bei Gisler auch mal Vernon Reid durch. Und, ja doch, selbst Jakob Bro hat er drauf. Im Begleittext zum Album verweist Christoph Wagner, was den konzeptionellen Ansatz des Trios angeht, sogar noch auf Cream als geheime Keimzelle.

Warum aber verdreht einem dieser Dave Gisler so herrlich den Kopf? Weil er hier über all die Impulsgeber und, wo er schon so gut in Form ist, auch über sich selbst hinauswächst. Sage noch jemand, für Jazzmusiker mit E-Gitarre gehöre es sich nicht, die Sau bzw. den Hund rauszulassen!

Paulo Morello: »Moving« (Fine Music/Edel)

John Scofield/Dave Holland: »Memories of Home« (ECM)

Dave Gisler Trio: »The Flying Mega Doghouse« (Intakt)

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