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Aus: Ausgabe vom 02.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Die Gleichgültigkeit der Welt

François Ozons Literaturverfilmung »Der Fremde«
Von Wolfgang Nierlin
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Hinter Gittern: Meursault (Benjamin Voisin)

Unter dem Titel »Der Fall Meursault« hat der algerische Journalist und Schriftsteller Kamel Daoud vor einigen Jahren eine so betitelte »Gegendarstellung« zu Albert Camus’ berühmtem Roman »Der Fremde« geschrieben. Daouds radikaler Perspektivwechsel bezieht sich vor allem auf das namenlose Opfer der absurden Tat, verleiht ihm einen Namen, eine Identität und eine Geschichte. Daneben schärft er das Bewusstsein für die Widersprüche im postkolonialen Diskurs, in denen letztlich auch die Unterdrückten gefangen sind.

Zwar geht François Ozons filmische Neuinterpretation des »Fremden« nicht so weit wie Daouds Roman, doch die Schatten der französischen Kolonialgeschichte spielen in seinem abstrahierenden Schwarzweißfilm zumindest eine Nebenrolle. So zeigt er gleich zu Beginn eine Serie von Fotografien, die einen Eindruck des alten Algier vermitteln, bevor die Franzosen das Stadtbild nach westlichem Vorbild veränderten. Wenn Ozon schließlich am Ende seines verdichteten, aus der Erinnerung seines nihilistischen Helden mittels Rückblenden erzählten Films das Grab des Ermordeten auf einer fruchtbaren Anhöhe über dem Meer und mit der Inschrift des Namens Moussa Hamdani zeigt, schließt sich ein Kreis. Aber auch jenseits dieses Rahmens ist das Bewusstsein einer Zweiklassengesellschaft als Differenz zwischen französischen Eroberern und arabischen Unterdrückten stets präsent.

»Ich habe einen Araber getötet«, bekennt der schweigsame, undurchsichtig und gleichgültig wirkende Meursault (Benjamin Voisin) bei seiner Ankunft im Gefängnis. Seine aufrechte Körperhaltung, sein regungsloser Blick und sein verzögertes Sprechen lassen ihn beinahe abwesend erscheinen. Tatsächlich ist er ein teilnahmsloser Beobachter des menschlichen Lebens, das sich ähnelt, wiederholt und Meursault sinnlos erscheint. Einmal sagt er zu seinem Chef, der ihm im Büro eine berufliche Veränderung in Aussicht stellt: »Ich glaube nicht, dass man sein Leben ändern kann. Außerdem sind alle Leben gleich.« Bei der Beerdigung seiner Mutter wird der nonkonformistische Einzelgänger von Zeugen als besonders mitleidlos wahrgenommen und vor Gericht später so beschrieben, weil er äußerlich keine Trauer gezeigt habe.

Im Prozess gegen Meursault, der direkt an sein tödliches Verbrechen anschließt und also die zuvor erfolgten Ermittlungen ausspart, wird außerdem ein moralisches Fehlverhalten des Angeklagten konstatiert. Denn schon am Tag nach der Beerdigung trifft Meursault seine Freundin Marie Cardona (Rebecca Marder) eher zufällig am Strand, verbringt mit ihr einen Nachmittag beim Baden, im Kino und im Bett. Maries Liebe gegenüber zeigt er sich ansonsten gleichgültig, willigt aber in den Heiratsantrag der Freundin ein. Einmal sieht man die beiden jungen, schönen Menschen unter gleißender Sonne auf einer schwimmenden Insel im Meer – ein Augenblick paradiesischen Friedens. Später, nach der Tat, sagt der Ich-Erzähler aus dem Off: »Da begann alles zu wanken. Das Gleichgewicht des Tages war zerstört.«

Danach und im Kontrast dazu blickt der gelangweilte, reuelose Protagonist aus dem Dunkel seiner Zelle durch Gitterstäbe aufs weite Meer. Allein der Absurdität des Daseins und seiner Bedeutungslosigkeit ist sich Meursault gewiss. Doch es bedarf noch eines reinigenden Wutausbruchs gegenüber dem doch so bemühten und einfühlsamen Priester (Swann Arlaud), ehe sich der aufrichtig illusionslose Held der »zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt« öffnen kann.

»Der Fremde«, Regie: François Ozon, Frankreich/Belgien/Marokko 2025, 123 Min., bereits angelaufen

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