Krieg zwischen Hütten
Von Volker Hermsdorf
Was sich Ende Oktober in zwei Favelas im Norden der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro abgespielt hat, markiert eine neue Eskalationsstufe der Gewalt in Lateinamerika. Während einer Großoperation gegen das Comando Vermelho (CV) setzten Mitglieder der Gang bewaffnete Drohnen ein und koordinierten Angriffe auf Polizei und Militär aus der Luft. Mehr als 120 Menschen starben bei dem Einsatz. Die Szenen erinnerten weniger an klassische Bandenkriminalität als an moderne Kriegführung – mit deutlichen Parallelen zum Konflikt in der Ukraine.
Brasilianische Ermittler und Journalisten sehen dafür eine klare Ursache: die Rückkehr von Söldnern aus dem fernen Krieg. Anfang November bestätigte die Zivilpolizei von Rio, ein CV-Mitglied identifiziert zu haben, das gezielt in die Ukraine gereist sei, um militärische Techniken zu erlernen. Der 29jährige Philippe Marques Pinto, vorbestraft wegen Drogenhandels, soll mehrfach nach Europa gereist und an Kampfeinsätzen auf ukrainischer Seite beteiligt gewesen sein. Sein Ziel sei gewesen, das erworbene Wissen später gegen die Einsatzkräfte in Brasilien anzuwenden.
Der Fall steht exemplarisch für mehrere tausend lateinamerikanische Söldner, die seit 2022 auf seiten Kiews kämpfen, vor allem Kolumbianer, Brasilianer und Mexikaner. Nach Schätzungen des argentinischen Journalisten Daniel Kersffeld halten sich derzeit 200 bis 250 Brasilianer in der Ukraine auf, darunter Angehörige des CV und des Primeiro Comando da Capital. Ihre Motivation ist weniger politisch als ökonomisch und strategisch: Geld, Ausbildung an modernen Waffensystemen, Umgang mit Drohnen, urbane Gefechtstaktiken.
Was an der Front erlernt wird, kehrt in die Herkunftsländer zurück, die durch den Ukraine-Krieg beförderten militärtechnischen Entwicklungen wirken hier wie ein Katalysator. So beschlagnahmten Behörden in Brasilien zuletzt nicht nur improvisierte Kampfdrohnen, sondern auch Drohnenabwehrgeräte ukrainischer Bauart. In Mexiko setzen Kartelle wie das Jalisco Nueva Generación seit Jahren Sprengstoffdrohnen ein und haben dafür spezialisierte Einheiten aufgebaut.
Sicherheitsanalysten sprechen von einer gefährlichen Entwicklung der organisierten Kriminalität. Der kaum kontrollierte Zustrom westlicher Waffen in die Ukraine, kombiniert mit der Präsenz ausländischer Söldner, begünstigt neue Netzwerke des illegalen Waffenhandels. Diese reichen längst über Europa hinaus bis nach Lateinamerika. Für die Bevölkerung bedeutet das eine weitere Militarisierung des Alltags, Wohnviertel werden zu Kampfzonen. »Das Schlachtfeld verlagert sich in die Luft«, warnt der brasilianische Sicherheitsexperte Roberto Uchôa mit Blick auf Drohnen.
Brisant ist auch der politische Umgang mit den Enthüllungen. Berichte internationaler Medien, die seit Ende Oktober auf die Verbindungen zwischen lateinamerikanischen Drogenbanden und dem ukrainischen Militär hinwiesen, wurden vom EU-Projekt »EU vs. Disinfo« zunächst als »Desinformation« und Versuch zur »Verbreitung antiukrainischer Narrative« zurückgewiesen. Die Taskforce wurde 2015 vom Europäischen Rat ins Leben gerufen und arbeitet eng mit dem NATO-Zentrum für Strategische Kommunikation zusammen.
Nur zwei Wochen später bestätigte das ukrainische Portal The Kyiv Independent jedoch zentrale Teile dieser Berichte. Das von europäischen Regierungen und Medienkonzernen – darunter der Axel Springer SE – finanzierte Medium schob die Verantwortung teilweise Brasilien zu. So wurde ein brasilianischer Söldner zitiert, der als Drohnenoperator in der ukrainischen Armee eingesetzt ist. Er erklärte, ein Kern des Problems liege darin, dass Brasilien bestimmte kriminelle Gruppierungen nicht als Terrororganisationen einstufe. Dies habe deren Einreise in die Ukraine erleichtert.
Bemerkenswert ist auch der Hintergrund des Portals selbst: Laut einer Recherche der schwedischen Journalistin Kajsa Ekis Ekman beschäftigt The Kyiv Independent Mitarbeiter mit Nähe zu den neonazistischen Kampfverbänden »Asow« und »Aidar«. Dass ausgerechnet dieses Medium nun bestätigt, was zuvor als Desinformation diffamiert wurde, wirft ein Schlaglicht auf den politischen Umgang mit den globalen Folgen des Ukraine-Kriegs – Folgen, die längst nicht mehr nur Europa betreffen, sondern in den Armenvierteln Lateinamerikas blutige Schlachten befördern.
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