Was erhoffen Sie sich von den Verhandlungen?
Interview: Tim Krüger
Die jesidische Bevölkerung in Syrien feierte am 19. Dezember ihr höchstes religiöses Fest, das »Îda Ezî«. Können Sie etwas über die Geschichte und die Bedeutung des Festes erzählen?
Die Tradition des Festes reicht noch bis in die Zeit vor den Propheten Abraham zurück. Seit ungefähr 7.000 Jahren fasten wir Jesiden vor dem dritten Freitag im Dezember drei Tage lang und begehen den vierten Tag als Feiertag. Wir feiern die Rückkehr des Lichtes und der Wärme und gedenken unserer Toten. Die abrahamitischen Religionen haben viele ihrer Feiertage und Rituale wie das Fasten von uns Jesiden übernommen. Sie sind selbst alle aus dem Jesidentum hervorgegangen, denn das Jesidentum existierte schon vor Jesus Christus und dem Propheten Mohammed. Und doch haben fundamentalistische Kräfte immer wieder zahlreiche Massaker und Völkermorde an uns begangen. Heute sind nur noch wenige von uns übrig. 2014 hat der IS Şengal überfallen und wollte den Rest von uns erledigen. Doch Gott sei Dank und dank des Eingreifens der Volksverteidigungseinheiten aus Nordsyrien und der Guerilla der PKK sind wir nicht vernichtet worden, sondern leben noch heute.
Seit wann haben sich Jesiden in Syrien niedergelassen?
Mit Ausnahme einiger weniger Dörfer rund um die Stadt Amude gab es früher keine Jesiden in Syrien. Wir sind 1923 aus der Türkei gekommen und zuerst nach Şengal gezogen. Noch als die französische Mandatsmacht herrschte, sind wir 1934 nach Syrien zurückgekehrt. Nach dem Abzug der Franzosen haben wir uns dann 1949 in diesen Dörfern niedergelassen, wo wir uns nun befinden.
In den umliegenden Dörfern sind auch zahlreiche jesidische Familien angesiedelt, die durch die türkischen Angriffe in Afrin 2018 und Serekaniye 2019 vertrieben worden sind. Einige sind erst vor einem Jahr während der Offensive der HTS und der mit ihr verbündeten islamistischen Truppen aus der Region Shehba vertrieben worden. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage in Syrien seit dem Sturz Assads?
Wir sind nicht nur einmal Opfer von Vertreibung und Genozid geworden. Noch vor etwas mehr als einem Jahrhundert gab es 366 jesidische Dörfer in der Region Diyarbakir, aber heute steht dort kein Haus mehr. Wir hatten 24 Dörfer in der Bergregion rund um die Stadt Dêrik im Norden Kurdistans. Nicht ein Lehmbrocken ist davon übrig. Von fast 1.000 Dörfern in der Region Riha ist kein Ziegelstein übrig. In Afrin gab es vor der Besatzung 22 jesidische Dörfer, doch heute sind sie nahezu vollständig vertrieben und muslimische Familien in den Dörfern angesiedelt worden. Es war erst die Revolution von 2012, die uns Ruhe und Frieden gebracht hat. Das gilt nicht nur für die Jesiden, sondern auch für alle unterdrückten Völker und Minderheiten in der Region. Wir konnten zum ersten Mal in dieser Phase aufatmen. Doch so lange in weiten Teilen Syriens radikale Islamisten regieren, können wir niemals sicher sein.
Was erhoffen Sie sich von den laufenden Verhandlungen mit der HTS-Regierung in Damaskus?
Auch vor dem syrischen Bürgerkrieg hatten wir als jesidische Glaubensgemeinschaft keine verbrieften Rechte im syrischen Staat. Wir hoffen, dass es möglich sein wird, eine neue syrische Verfassung zu schaffen, die die Rechte aller nationalen Minderheiten und Religionsgruppen des Landes garantiert. Die Vertriebenen müssen das Recht erhalten, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren, und unsere Selbstorganisation als Jesiden muss erhalten bleiben. Als Jesiden können wir uns nirgendwo verstecken. Die muslimischen Kurden können sich vielleicht anpassen und sich verstecken, aber wir können uns nicht verbergen. Entweder leben wir frei als Jesiden oder wir leben nicht. Solange in Syrien fundamentalistische Kräfte das Sagen haben, müssen wir immer wieder damit rechnen, zum Opfer von neuen Angriffen und Völkermorden wie 2014 zu werden. Daher werden wir uns nicht auf jemanden verlassen, sondern unsere Organisation stärken und unsere Existenz verteidigen.
Abdullah Reşo ist Vorstandsmitglied des Mala Ezidiyan (Haus der Jesiden), einer jesidischen Selbstorganisation in den Dörfern des Umlandes der Stadt Hasakah in Nordostsyrien
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Orhan Qereman/REUTERS15.10.2025Washingtons Nation Building
IMAGO/Anadolu Agency09.10.2025»Eine vereinte Bewegung ist dringend notwendig«
Orhan Qereman/REUTERS22.03.2025»Die Frauen werden nicht zulassen, dass man sie von der Gestaltung der Zukunft fernhält«
Mehr aus: Ausland
-
Ohne Kommentar
vom 02.01.2026 -
Krieg zwischen Hütten
vom 02.01.2026 -
Washington stets zu Diensten
vom 02.01.2026 -
Italienisches Gericht, israelisches Drehbuch
vom 02.01.2026 -
Somalia um Einheit bemüht
vom 02.01.2026