»Miserables Baustellenmanagement«
Von Susanne Knütter
Ein Kollege, der in der DDR Brücken und nach der »Wende« Tunnel gebaut hat, erzählt hin und wieder von der Baustellenorganisation vor 1990. Oberstes Prinzip sei gewesen, dass der Alltag weiterläuft. Ohne das keine Genehmigung. Heutzutage nicht mehr vorstellbar. Die Bevölkerung von Berlin-Köpenick kann ein Lied davon singen, wo derzeit der S-Bahnhof umgebaut und Straßenbahnwege erneuert werden. Die Sperrung von Brückenunterführungen wird mit fadenscheiniger oder gar keiner Begründung verlängert, Haltestellen für den Schienenersatzverkehr werden ohne Hinweis hin und her verlegt und die zwei S-Bahn-Anbindungen, die an verschiedenen Stellen aus dem Bezirk herausführen, werden gleichzeitig dichtgemacht.
Nun verhängt die Bundesnetzagentur Zwangsgeld gegen die Deutsche Bahn – wegen »miserablem Baustellenmanagement«. Dabei geht es vorrangig aber nicht um die Passanten, die täglich auf den ÖPNV angewiesen sind. Sondern um die Wettbewerber der Deutschen Bahn. Vor allem kurzfristige Baustellen seien ein Problem, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, der Rheinischen Post am Wochenende. Im Sommer habe die Bahn den Wettbewerbern nur 62 Prozent der Baustellen rechtzeitig mitgeteilt, im Spätherbst seien es nur 55 Prozent gewesen. »So geht das nicht weiter«, sagte Müller und verwies darauf, dass seine Behörde gegen die Bahn vorgehe.
Das heißt konkret, seine Agentur habe gegen die DB-Netztochter Infra-GO Zwangsgelder in Höhe von 2,8 Millionen Euro wegen mangelhafter Baustellenankündigungen verhängt. Doch geändert habe sich nichts. »Daher setzen wir nun auf Strafzahlungen. Die Bahn muss alle Verkehrsunternehmen, die das Netz nutzen, entschädigen.« Bei sehr spät kommunizierten Baustellen gehe man einen Schritt weiter, sagte Müller. »Dann kann die Baumaßnahme nicht wie geplant stattfinden.« Hiergegen klage die Bahn allerdings.
In diesem Jahr gab es rund 26.000 Baustellen, 19 Milliarden Euro wurden »verbaut«, wie Infra-Go am Sonntag mitteilte. Im kommenden Jahr soll noch mehr gebaut und dennoch genausoviel gefahren werden: »Wir gehen von 28.000 Baustellen aus und einer mindestens gleichbleibenden Betriebsleistung in Höhe von über einer Milliarde Trassenkilometern«, erklärte Infra-GO-Chef Philipp Nagl. Investieren will die Bahn dafür mehr als 23 Milliarden Euro – soviel wie noch nie. »Mehr als die Hälfte des Geldes fließt in das Bestandsnetz«, so Nagl gegenüber dpa. Der Rest gehe in die Digitalisierung der Leit- und Sicherungstechnik, genannt ETCS, »in den Neu- und Ausbau, in kleine und mittlere Maßnahmen, die Bahnhöfe und eine Reihe kleinerer Themen«. Was genau, das erfahren wir dann vermutlich kurzfristig.
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