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Aus: Ausgabe vom 27.12.2025, Seite 4 / Inland
Trumps willige Helfer

Banken kündigen Konten

Erst DKP, jetzt Rote Hilfe: GLS-Bank und Sparkasse »debanken« linken Verein. Die Anregung dafür kommt vermutlich von der US-Terrorliste
Von Kristian Stemmler
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100 Jahre Rote Hilfe: Veranstaltung am Rio-Reiser-Platz in Berlin (24.8.2024)

Mit dem Begriff »Debanking« können in linken Kreisen viele bisher nichts anfangen. Das dürfte sich bald ändern, denn die einseitige Schließung von Konten durch Banken – das bedeutet der Begriff – wird offenbar immer mehr zum Instrument gegen Linke. Kurz vor Weihnachten erwischte es die Rote Hilfe, die älteste und mit rund 19.000 Mitgliedern größte linke Organisation des Landes. Innerhalb weniger Tage kündigten die genossenschaftliche GLS Bank und die Sparkasse Göttingen dem Verein, der von Repression betroffene Linke unterstützt, alle Konten, wie die Rote Hilfe am Dienstag mitteilte. Erst vor wenigen Wochen hatte die GLS bereits der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) alle Konten gekündigt.

Für die Rote Hilfe liegt auf der Hand, dass die Kündigungen ihrer Konten in einem direkten Zusammenhang mit einer Maßnahme der US-Regierung unter Präsident Donald Trump stehen, und zwar der Listung der »Antifa Ost« als ausländische Terrororganisation. »Das liegt für uns nahe, weil die GLS uns kurz vor der Kündigung nach unserer Verbindung zur ›Antifa Ost‹ befragt hat«, erklärte Hartmut Brückner vom Bundesvorstand der Roten Hilfe am Freitag gegenüber junge Welt. Ansonsten habe die Bank zur Begründung der Kündigung nur von »regulatorischen Anpassungen« gesprochen.

Tatsächlich gibt es eine Gruppe mit dem Namen »Antifa Ost« nicht. Es handelt sich vielmehr um ein Konstrukt deutscher Ermittlungsbehörden im Zusammenhang mit Prozessen gegen militante Nazigegner. Dass die Rote Hilfe eine Verbindung zu den Beschuldigten des auch als »Budapest-Komplex« bezeichneten Netzwerks hat, ist kein Geheimnis. Sie fordert deren Freilassung und hat zu ihrer Unterstützung die Solidaritätskampagne »Wir sind alle Antifa« gestartet.

Dass es eine solche Gruppe nicht gibt, hielt das Office of Foreign Assets Control, das dem US-Finanzministerium angegliedert ist, nicht davon ab, die »Antifa Ost« Mitte November auf seine Sanktionsliste »terroristischer« Organisationen zu setzen. Genau das scheint bei deutschen Banken für Panik zu sorgen. Denn Finanzinstituten, die mit auf US-Terrorlisten genannten Personen oder Organisationen in Verbindung stehen, drohen Sanktionen bis hin zum Ausschluss aus dem internationalen Zahlungsnetzwerk SWIFT.

Für die Rote Hilfe bedeuten die Kontokündigungen, die im Februar wirksam werden, eine ernsthafte Behinderung ihrer Arbeit. Ohne Konten können keine Spenden und Mitgliedsbeiträge verwaltet, keine Prozesskosten gezahlt und keine Gefangenenhilfe geleistet werden. »Aber wir werden einen Weg finden, wie es weitergeht«, sagte Vereinsvorstand Brückner. Nach Bekanntwerden der Nachricht habe die Rote Hilfe »überwältigende Solidarität« erfahren. Innerhalb von 24 Stunden habe man rund 500 neue Mitglieder verzeichnen können. Es habe viele Hilfsangebote anderer linker Organisationen gegeben. Sein Verein habe zudem eine Eilklage gegen die Sparkasse Göttingen eingereicht, die Verhandlung sei für Mitte Januar anberaumt, sagte Brückner. Sparkassen haben als Anstalten des öffentlichen Rechts eine Art Grundversorgungsauftrag.

Die genossenschaftlich organisierte GLS Bank – auch die Rote Hilfe war Genossenschafterin – versteht sich selbst als »sozial-ökologisch«, viele linke Projekte haben dort ihre Konten. Doch kürzlich hatte die Bank bereits alle Konten der DKP ohne Angabe von Gründen gekündigt. Da es zuvor Nachfragen der Bank zu ihrer Solidarität mit Kuba gegeben hatte, vermutet die DKP, dass das Geldhaus vor der Kuba-Blockade der USA eingeknickt ist.

Ebenfalls sein Konto bei der GLS-Bank verloren hat vor kurzem das »Anarchist Black Cross«, das weltweit anarchistische Gefangene unterstützt. In Hamburg wurde bereits vor einigen Monaten dem linken »Info- und Kulturladen Lüttje Lüüd« das Konto gekündigt, nachdem Druck auf die Bank ausgeübt worden war. Deniz Ergün, Aktivist der Einrichtung, erklärte gegenüber jW: »Die ökonomische Krise führt zu einem zunehmend autoritären Staat.« Bedauerlicherweise machten sich dabei »zivile Akteure zu Handlangern«.

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  • Leserbrief von Christoph U. Bellin aus Ludwigslust (30. Dezember 2025 um 10:17 Uhr)
    Gemeinwohl endet offenbar links
    Die GLS Bank inszeniert sich seit Jahren als ethische, gemeinwohlorientierte Alternative zu Großbanken. Viele Kundinnen und Kunden – auch ich – sind genau deshalb dorthin gewechselt und haben durch Weiterempfehlungen zum Wachstum dieser Bank beigetragen. Dieses Vertrauen wird derzeit verspielt.

    Mit der Kündigung von Konten linker Organisationen, unter anderem der Roten Hilfe und der DKP, hat die GLS Bank eine politische Grenze überschritten. Wer Organisationen aus dem linken Spektrum ausgrenzt, während man sich gleichzeitig auf Demokratie, Vielfalt und Gemeinwohl beruft, handelt heuchlerisch. Das ist keine Werteorientierung, sondern politische Selektion.

    Besonders alarmierend ist der Eindruck, dass diese Entscheidungen unter politischem Druck beziehungsweise im Einflussbereich der US-Administration erfolgt sein könnten. Sollte eine deutsche Genossenschaftsbank bereit sein, ihre eigenen Grundsätze zugunsten außenpolitischer Interessen aufzugeben, stellt sich eine grundsätzliche Frage nach ihrer tatsächlichen Unabhängigkeit.

    Für mich hat dieses Vorgehen ganz konkrete Konsequenzen: Aufgrund dieser Entwicklungen ziehe ich ernsthaft in Erwägung, mein Konto bei der GLS Bank zu kündigen. Eine Bank, die politisches Engagement selektiv sanktioniert, kann für mich keine glaubwürdige Alternative zu den Instituten sein, von denen ich mich bewusst abgewandt habe.

    Hier geht es nicht um Einzelfälle, sondern um ein politisches Signal. Die Botschaft lautet: Linkes Engagement ist ein Risiko – selbst bei einer sogenannten „ethischen Bank“. Heute trifft es Organisationen, morgen kritische Einzelpersonen.

    Wer Gemeinwohl ernst meint, muss politische Vielfalt aushalten, gerade dann, wenn sie unbequem ist. Eine Bank, die das nicht tut, unterscheidet sich im Kern nicht von jenen Finanzinstituten, von denen sie sich moralisch abzugrenzen behauptet.
    • Leserbrief von raimund raytarowski aus 72127 kusterdingen (30. Dezember 2025 um 13:25 Uhr)
      ich war bei der GLS aus ökologischen usw. Gründen und habe nach etlichen schriftwechseln hin und her schon seit langem gekündigt--- nach ihrem debanking von kenFM. leider leider scheinen manchen linken das debanking anderer oppositioneller kräfte am hintern vorbeizugehen und erst jetzt, da es auch von DKP linkswärts organisationen erwischt, ist das geheule groß. diese (sogenannten?) linken hätten sich gerne auch schon gegen staatsgewalt und zensur positionieren können, welche ja seit plandemiebeginn gegen maßnahmenkritiker schon exorbitante ausmaße erreichte. anstatt mit omas gegen alles was als rechts geframed wird, anzuheulen..... wär schön, wenn mehr über ihren eigenen tellerrand zu blicken bereit wären. war ja schon mal so: erst die kommunisten, dann juden und sozis, dann der demokratische rest zur »arbeit macht frei«. die GLS und die anderen mauern natürlich über die gründe ihrer faschistoiden ausgrenzerei&existenzvernichtung. ob - wie im artikel vermutet - US-impis und SWIFT-keule hinreichend ursache sein könnte und welcher spielraum debanking-unwilligen bankern bleibt: diese fragen hätte ich gernstens von kompetenten leuten erörtert. ich bin zu doof. gemeinsam sind/wären wir stärker. in diesem sinne: venceremos
  • Leserbrief von Overbeck (28. Dezember 2025 um 12:24 Uhr)
    Neben der politisch begründeten Kontokündigung gibt es noch andere. So sind in Deutschland ca. 500 000 Menschen ohne Bankkonto, nach Auffassung der Verbraucherzentralen. In England sollen es 2,2 Millionen sein. Möglichkeiten, damit umzugehen, gibt es einige. Bei Konto.org werden einige aufgezeigt, wie auch bei Monito, MoneyTransfers.com u.a.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marc Pilz aus Cottbus (27. Dezember 2025 um 16:56 Uhr)
    »Die ökonomische Krise führt zu einem zunehmend autoritären Staat.« Hinter diesen Satz müsste man ein Ausrufezeichen setzen. Die sich aktuell deutlich intensivierende juristische, politische, mediale und ökonomische Repression gegenüber politisch anders als der bürgerliche (immer schwächer werdende) Mainstream Denkenden erinnert an die Zeit zwischen 1929 und 1933 und die verschärfte staatliche Repression gegen die Linke, damals. Und in gewisser Weise auch an das Ende der sogenannten Tauwetterperiode in einigen RGW-Staaten Mitte der 1970er, einer Phase politischer Liberalisierung, als im Zuge der Weltwirtschaftskrise, ausgelöst durch den Ölpreisschock, eine wirtschaftliche Stagnation einsetzte und mit ihr das Ende dieser politischen Liberalisierung. Sie könnten also aus der Geschichte lernen, unsere »Eliten«. Aber sie tun es wieder einmal nicht. Auch darin äußert sich eine tiefgreifende gesellschaftliche Krise: in der Unfähigkeit der Herrschenden, adäquat darauf zu reagieren.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Peter Jung aus Staffordshire, U,K. (26. Dezember 2025 um 20:42 Uhr)
    Unglaublich, dass progressive Organisationen überhaupt ein Konto bei Anthroposophenspinnern (GLS-Bank) in Betracht gezogen haben, von deren hohen Kontoführungsgebühren ganz abgesehen. Die ethische Evangelische Bank war bis 2022 die billigste, zumindest für Privatpersonen gebührenfrei! Und nach einer Kosteneinführung immer noch wesentlich billiger als die GLS.

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