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Aus: Ausgabe vom 27.12.2025, Seite 1 / Titel
Ukraine-Krieg

Diplomatische Mühlen mahlen

Selenskij legt 20-Punkte-Plan für ein Kriegsende vor. Russland »studiert« ihn und fordert die USA auf, keine Einmischung der EU zuzulassen
Von Reinhard Lauterbach
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Ganz nach Trumps Geschmack: Die neueste Idee für das umkämpfte AKW Saporischschja ist, damit Kryptowährungen zu »schaffen«

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij hat am Mittwoch seinen 20-Punkte-Plan für eine Beendigung des Kriegs mit Russland veröffentlicht. Er sieht nach dem, was bisher bekanntgeworden ist, vor, dass die Ukraine und Russland einen gegenseitigen Nichtangriffspakt schließen und die Kriegshandlungen im Donbass entlang der aktuellen Frontlinie eingestellt werden. Gleichzeitig verlangt er aber von Russland, sich bedingungslos aus allen den Teilen der Ukraine zurückzuziehen, die außerhalb der Gebiete Lugansk und Donezk liegen. Weiter soll die ukrainische Armee auch nach einem Friedensschluss 800.000 Soldaten umfassen und damit die – neben Russland – stärkste in Europa bleiben. Die Ukraine will ihren Anspruch auf EU-Mitgliedschaft festschreiben, jedoch atomwaffenfrei bleiben. Von einem NATO-Beitritt ist keine Rede, wohl aber von NATO-ähnlichen »Sicherheitsgarantien«. Laut Axios stehe am Sonntag ein Treffen zwischen Selenskij und US-Präsident Donald Trump an. Das US-Nachrichtenportal beruft sich dabei auf ukrainische Quellen.

Kiews Vorschlag wurde offenbar inzwischen über die USA der russischen Seite zugestellt. Diese ist laut dem Außenministerium dabei, ihn zu »studieren«. Ministeriumssprecherin Marija Sacharowa forderte Washington am Donnerstag auf, sich nicht von der Ukraine oder der EU in seine Verhandlungen mit Russland hereinreden zu lassen. Einer der sensiblen Punkte dürfte dabei die künftige Kontrolle über das auf dem russisch besetzten Ufer des Dnipro liegende AKW Saporischschja werden. Sowohl die Ukraine als auch Russland scheinen bereit zu sein, die USA am künftigen Betrieb der einst größten Atomanlage Europas zu beteiligen.

War ursprünglich bei Trump davon die Rede, die Stromproduktion je zur Hälfte in die Ukraine und nach Russland zu leiten, kursieren jetzt von russischer Seite Vorschläge, mit dem Strom aus dem AKW eine Anlage zur »Schaffung« von Kryptowährungen zu betreiben; dies ist ein besonderes Steckenpferd Trumps. Er will, wie bereits im November die FAZ berichtete, den US-Dollar als Weltwährung mittelfristig durch eine neue Kryptowährung ersetzen und damit alle derzeitigen Dollar-Gläubiger der USA auf ihren Forderungen sitzenlassen. Alle diese Pläne sind jedoch Zukunftsmusik, weil für einen Betrieb des AKW zunächst der Stausee von Kachowka wieder aufgebaut werden muss, damit die Reaktoren gekühlt werden können. Das würde Jahre dauern.

Nach einem Bericht der Moskauer Tageszeitung Kommersant soll Wladimir Putin vergangene Woche gegenüber Geschäftsleuten einen teilweisen Gebietsaustausch für möglich erklärt haben. Eine interessante Nuance dazu liefert das aktuelle Kampfgeschehen. Im Mittelabschnitt der Front stoßen russische Truppen derzeit offenbar von Osten auf Slowjansk vor und haben dort nach eigenen Angaben inzwischen bei der Ortschaft Dronowka den Flusslauf des Siwerskij Donez erreicht. Aus diesem Fluss wird seit Jahrzehnten das Trinkwasser für den Donbass gewonnen, und dieses ist für die Region lebenswichtig. Putin hatte in seinem Fernsehauftritt vergangene Woche dieses Thema angesprochen und gesagt, die Wasserfrage müsse geregelt werden, idealerweise durch die Eroberung von Slowjansk. Aber Russlands Präsident ließ sich eine Hintertür offen: Eine Wiederherstellung der alten – nördlich von Slowjansk abzweigenden – Kanäle nach Donezk würde genauso teuer werden wie ein kompletter Neubau an anderer Stelle. Das eröffnet theoretisch die Möglichkeit, diesen neuen Kanal kurz hinter der Front, aber östlich von Slowjansk, abzweigen zu lassen, also Slowjansk eventuell doch der Ukraine zu überlassen – ohne dass dies allzu offen als Rückfall hinter die Kriegsziele erkennbar wird.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf Gerkan aus Hannover (28. Dezember 2025 um 11:32 Uhr)
    Soweit RT am 24.12. Selenskijs 20-Punkte-Plan veröffentlicht hat, sieht dieser in Punkt 14 ein Einfrieren der aktuellen Frontlinien in den Gebieten Donezk, Lugansk, Saporoschje und Cherson vor, während ein russischer Abzug konkret lediglich aus den Gebieten Dnjepropetrowsk, Nikolajew, Sumy und Charkow gefordert wird. Es wird dann nur noch die Einrichtung potenzieller freier Wirtschaftszonen in nicht näher spezifizierten Gebieten angedacht, aus denen Russland abziehen solle. In solche unspezifischen Formulierungen kann man viel hineinlesen. Russland wird sich auf Halbheiten nicht einlassen, sondern nach den schlechten Erfahrungen mit den Minsker Vereinbarungen rundum Nägel mit Köpfen fordern. Auch eine Truppenstärke von 800.000 Soldaten für die Ukraine dürfte für Russland unvereinbar mit dem Ziel der Entmilitarisierung sein. Ein Regime, das die Ermordung von Russen juristisch nicht verfolgt, sondern ganz im Gegenteil den Hass auf Russen hegt und pflegt, muss so lange ohne militärische Macht sein, wie der Hass regiert. Wenn man den viel stärker von israelischer Gewalt betroffenen Palästinensern eine komplette Entmilitarisierung zumuten kann, dann doch wohl erst recht den deutlich weniger leidenden Ukrainern, zumal diese – anders als die Palästinenser – längst ihren Staat bekommen haben. Worauf man sich am Ende auch immer einigen wird – eines ist unerlässlich, nämlich die Position der Gegenseite zur Kenntnis zu nehmen. Während es zur Zeit des Kalten Krieges östlich der innerdeutschen Grenze ein Tal der Ahnungslosen gab, wo keine Westsender empfangen werden konnten, so igelt sich der Westen derzeit westlich der neuen innereuropäischen Grenze mittels Medienverboten in einem Tal der Ahnungslosen ein. Wer Ahnungslosigkeit zur Pflicht macht, kann kein ernstzunehmender Gesprächspartner sein, sondern er ist eine ernstzunehmende Gefahr für ein friedliches Miteinander der Nationen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas Scharmann aus Berlin (27. Dezember 2025 um 01:54 Uhr)
    Zwei formale Fehler: Wer bezahlt eine Armee von 800.ooo Personen unter Waffen und dazu den Staatshaushalt und sämtliche Nebeneinkünfte Richtung Kiew? Denn nun lief es auf 90.000.ooo für zwo Jahre hinaus. Punkt zwo: 90.000.ooo durch zwo macht 45.000.ooo durch 800.ooo macht 450 durch acht pro Monat pro Person samt Nahrung, Kaserne, Ausrüstung/Bekleidung, Bewaffnung, Aufrüstung, Entschädigungen, Veteranerversorgung, - pflege, - betreuung und Hilfe für die Witwen, die Kinder und die Kriegsopfer mit körperlichen und psychischen und Hirnschäden. - Zweite Frage: Den Rest der Finanzierung dieses bekanntermaßen zweifelhaften Staatshaushalts der Regierung der Ukraine wird von wem abgesegnet? Und dann in welcher Höhe? Noch einmal 90 Milliarden Euro für zwo Jahre? 900 Milliarden Euro klingen realistischer. Fragen Sie mal bei der EZB nach, ob das überhaupt reicht

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