»Her mit dem schönen Leben!«
Von Sophie Voigtmann
Deutschland sei bekannt dafür, dass »diejenigen bekommen, die eh schon haben, während an denen gespart wird, die sich nicht wehren können«, schrieb Carolina Schwarz am 1. Dezember 2024 in der Taz. Unter dem Titel »Her mit dem schönen Leben!« kritisierte sie die weitverbreitete Angst vor Umverteilungsmaßnahmen wie Enteignungen und Erbschaftssteuer, obwohl die meisten Menschen davon profitieren würden – schließlich besitzt das reichste Prozent der Menschen in Deutschland 35 Prozent des gesamten Vermögens. Schwarz fragt, ob nicht diese wenigen auf ihren Luxus verzichten könnten, »damit alle den Zugang zu einem schönen Leben haben«. Diese Forderung ist heute allgemein aus linksradikalen Kontexten bekannt. Der Slogan »Her mit dem schönen Leben« hatte ursprünglich jedoch eine andere Bedeutung, als diejenigen, die ihn heute verwenden, vermuten würden: Die Aussage wurde Ende der 1920er Jahre von dem sowjetischen Dichter Wladimir Majakowski geprägt.¹
Um die Ästhetik ringen
Der 1893 geborene Majakowski wurde nach der Oktoberrevolution zum führenden Vertreter der literarischen Avantgarde – er selbst bezeichnete seine Arbeit als kommunistischen Futurismus. Er betätigte sich im Künstler- und Schriftstellerverband LEF und gab ab Frühjahr 1923 eine gleichnamige Zeitschrift heraus. Sie sollte durch den Kampf »gegen die Dekadenz, gegen den ästhetischen Mystizismus, gegen den autarken Formalismus, gegen den gleichgültigen Naturalismus« und gegen »alte, abgenutzte Phrasen über absolute Werte und ewige Schönheiten« zur kommunistischen Wegfindung für alle Kunstgattungen beitragen, schrieb er im Januar 1923 in seinem Antrag an die Agitationsabteilung der kommunistischen Partei. In Majakowskis LEF wurde um eine neue Ästhetik gerungen, die die revolutionären Umwälzungen vorantreiben und frei von reaktionären Tendenzen sein sollte.
Nach Lenins Tod kommentierte Majakowski in seinem einführenden Gedicht zur Januarausgabe 1924 die massenhafte Produktion von Kommerzartikeln mit Lenins Konterfei – auf neudeutsch: Lenin-Merch. Er kritisierte diese Entwicklung, da Lenin dadurch seine Menschlichkeit und Lebendigkeit genommen würde, so der Soziologe Sezgin Boynik in dem Sammelband »Coiled Verbal Spring« (2018). Majakowski forderte: »Lernt von Lenin, aber sprecht ihn nicht heilig. / Schafft keinen Kult um einen Menschen, der sein ganzes Leben lang gegen alle Arten von Kulten gekämpft hat. / Handelt nicht mit Gegenständen dieses Kults. / Handelt nicht mit Lenin.«
Marktwirtschaftliche Tendenzen, Reklame und Konsumkultur wurden in dieser Zeit, bedingt durch die teilweise Zulassung von Marktmechanismen im Zuge der sogenannten Neuen Ökonomischen Politik (NÖP, russisch NEP) zum Problem. 1921 war aufgrund der Erkenntnis, dass die Voraussetzungen fehlten, um im Rahmen einer reinen Planwirtschaft die Versorgungslage und die Industrieproduktion zu verbessern, eine Dezentralisierung und Liberalisierung in der Landwirtschaft, im Handel und in der Industrie beschlossen worden. Die NÖP wurde als notwendiger vorübergehender Rückschritt auf dem Weg zur Vergesellschaftung und demokratischen Kontrolle der Produktion betrachtet. Sie behielt zwar die staatliche Kontrolle der Schlüsselindustrien bei, legalisierte jedoch die gewinnorientierte Arbeit, das Privateigentum in der Konsumgüterproduktion und den Erwerb von Reichtum. Das führte zur Entstehung eines neuen Bürgertums: Die sogenannten Nepmänner (russisch нэпманы, abgeleitet von der Abkürzung NEP) stellten ihren Wohlstand demonstrativ zur Schau. Majakowski kritisierte die kleinbürgerliche Spießigkeit, die sich in Teilen der Gesellschaft verbreitete: »Ein Geschlecht animalischer Egoisten ist aufgekommen, das von unaufhaltsamem Streben nach Komfort und persönlichem Wohlergehen erfüllt ist.«²
Mit Knopf, ohne Kopf
Das Eindringen eines Stils, der der revolutionären Kultur widerspricht, griff Majakowski in einem seiner Gedichte von 1927 unter dem Titel »Her mit dem schönen Leben« (russisch: Даёшь изячную жизнь) auf. Es richtet sich gegen den Ruf nach einer angenehmen, dem feinen Geschmack gemäßen Lebensweise und gegen den Unwillen, sich arbeitend und kämpfend am Aufbau einer neuen Gesellschaft zu beteiligen. Zunächst stellte Majakowski fest, dass jede soziale Klasse ihre eigenen Auffassungen, ihre besonderen Gepflogenheiten und auch ihre eigentümliche Kleidung besitzt. Die kulturellen Merkmale der alten Klassen – Fracks und Reifröcke – hätten eigentlich mit dem Zaren und den bürgerlichen Politikern wie Kerenski und Miljukow, Vorsitzender der Partei der Konstitutionellen Demokraten, verschwinden sollen. Er schrieb: »Aber im Alltag bewegen sich viele / im Krebsgang zurück in Richtung eines Fracklebens. / Ich öffne poetische Lippen, / um so einen Niedergang zu beschreiben.« Diesen Niedergang las der Dichter an den Frisuren, dem Schuhwerk und der Kleidung mit den zahlreichen Knöpfen ab: »In der Mode verhält es sich in jedem Fall so, / dass man nicht ohne Knopf auskommen kann, wohl aber ohne Kopf.«
Majakowski beobachtete die neue alte Kultur und stellte fest, dass zum Naseputzen die Finger verwendet wurden, während das Taschentuch mit Spitzenecke nur zur Dekoration aus der Tasche herausschaute. Auch am Beispiel der Enge einer vollgestopften Wohnung kritisierte er einen Lebensstil, der unnütze und überflüssige Produkte als angenehm und schön inszeniert. Er wollte eine neue Ästhetik entwickeln, die dem sozialistischen Ideal entspricht, anstatt in bürgerlichen Modegeschmack und Konsumgewohnheiten zurückzufallen. Das »изящно« aus dem Gedichttitel kann mit »schön«, aber auch mit »fein«, »elegant« oder »anmutig« übersetzt werden. Majakowski kritisierte damit das Verlangen nach einem derartigen Lebensstil sowie das Einrichten in Verhältnissen, die dem gesellschaftlichen Fortschritt entgegenstehen.
Das Gedicht entstand im Zusammenhang mit einer Kampagne der Jugendorganisation Komsomol gegen spießbürgerliche Ideale und die blinde Nachahmung alles Fremden. Majakowski unterstützte eifrig diese »Kampagne gegen verzerrte Vorstellungen von der Schönheit des Lebens«, da er »die soziale Gefahr des Phänomens« erkannte und »zutiefst besorgt über die ungesunde Begeisterung bei jungen Menschen« war, wie Alexander Michailow 1988 in dem Magazin Molodaja Gwardija schrieb. Anfang März 1927 wurde Majakowskis Gedicht in einer Sonderausgabe der satirischen Zeitschrift Busotjor abgedruckt.
Falsche Schönheit
Am 14. Januar 1927 hielt Majakowski im überfüllten Großen Saal des Polytechnischen Museums in Moskau einen Vortrag mit dem ironischen Titel »Her mit dem schönen Leben«, den er in den folgenden zwei Jahren in zahlreichen Varianten wiederholte. Am folgenden Tag berichtete die Komsomolskaja Prawda, wie Majakowski mit erhobener Faust das »schöne Leben« als Überbleibsel der alten bürgerlichen Kultur angegriffen habe. Mit der Verbesserung der Versorgung in der Zeit der NÖP habe man angefangen, »fett zu werden« und »ein ›schönes Leben‹ zu führen« – doch Majakowski war überzeugt, dass man sich nicht an der alten Kultur und ihrem überholten Konzept des schönen Lebens orientieren sollte: »Das Proletariat selbst wird das Elegante und Schöne für sich finden.« Diese Forderung nach einem neuen Ideal betonte er auch bei seinem Vortrag in Leningrad, wie der Schauspieler und Schriftsteller Pawel Lawut in dem Buch »Majakowski reist durch die Union« (Маяковский едет по Союзу, 1963) festhielt. Lawut, der zahlreiche Aufführungen des Dichters organisierte, erinnerte sich an den Vortrag im Leningrader Pressehaus: Majakowski kritisierte, dass das schöne Leben und die schöne Literatur der bürgerlichen Schriftsteller, Künstler und Dichter aus dem Westen übernommen würden, und endete mit dem Satz: »Der Proletarier selbst weiß, was für ihn elegant und was schön ist!«
Weitere Stationen der Vortragsreihe »Her mit dem schönen Leben« waren Charkow, Kiew und Tbilissi. In der Zeitung Charkowski Proletari hieß es am 24. Februar 1927: »Diesmal sprach Majakowski über das elegante Leben. Nach der Definition des Dichters haben wir gegenwärtig Fett angesetzt – das Fett der Zeit und das Fett der materiellen Ressourcen. Dieses Fett führt oft dazu, dass der Alltag in die schlechte Alltäglichkeit übergeht. Was ist Alltäglichkeit? – Der Siegeszug der alten Form, die versucht, sich an den neuen Inhalt anzupassen. (…) Alltäglichkeit ist ein gewaltiges Übel, die größte Gefahr. Majakowski verspottet all dies talentiert und scharf.«
Am 13. Dezember 1927 erschien in der Zeitung Rabotschaja Prawda ein Bericht über Majakowskis Vortrag im Rustaweli-Theater in Tbilissi: »Ausländische ›Mode‹ dringt in hässlichen Rinnsalen in das sowjetische Leben ein und schafft es an manchen Stellen, die starken Grundlagen der Ideologie unserer Jugend zu untergraben.« Dies sei Ausdruck des Antagonismus zwischen dem Teil der Welt, in dem das revolutionäre Proletariat an der Macht sei, und dem, in dem die bürgerliche Klasse noch herrsche, und als solcher konsequent zu bekämpfen, da es den kommunistischen Aufbau gefährde. Die eindringende Mode gaukle eine falsche, oberflächliche und nur individuelle Schönheit des Lebens vor und widerspreche damit der disziplinierten Mitarbeit am gemeinsamen Aufbau einer sicheren Lebensgrundlage für alle.
Am Alltag zerschellt
Die Zeitschrift LEF war 1925 eingestellt worden, ab 1927 erschien die Nachfolgepublikation Nowy LEF, die auch Walter Benjamin und Bertolt Brecht beeinflusste. Doch Majakowski verließ im August 1928 desillusioniert die Zeitschrift und den Verband LEF. Sein Versuch, die »Revolutionäre Front« (REF) zu gründen, scheiterte. Daraufhin schloss er sich 1930 der Russischen Assoziation proletarischer Schriftsteller (RAPP) an. Sie teilte Majakowskis Vorbehalte gegenüber der Nepmann-Bourgeoisie und setzte sich gegen bürgerliche Positionen in Kultur und Literatur ein.
In ihrer Zeitschrift Na literaturnom postu, an der auch Upton Sinclair und Johannes R. Becher mitarbeiteten, hatte 1928 das Karikaturistentrio Kukryniksy eine Karikatur über Majakowski veröffentlicht. Sie zeigt ihn schick gekleidet, mit Hemd, Jackett, Hut und Fingerring – doch die Aufmachung wirkt übertrieben und lächerlich, ganz besonders durch die überdimensionierten Fliegen, von denen er gleich drei Stück umgebunden hat. Im Hintergrund ist eine Kopie der von Majakowski herausgegebenen Zeitschrift Nowy LEF zu sehen, in der auch Kukryniksy veröffentlichten, sowie ein Bild, das die Beine einer Balletttänzerin zeigt – möglicherweise seine Muse Lilja Brik. Zahlreiche Gerüchte ranken sich um die Beziehung zwischen Majakowski und der Regisseurin und Künstlerin Brik sowie ihrem Ehemann Ossip Brik, die beide großen Einfluss auf sein literarisches Schaffen hatten. Ab Sommer 1918 lebten die drei zusammen und zogen im darauffolgenden Jahr von Petrograd (später Leningrad) nach Moskau.
Auch in anderen Texten wie dem Stück »Die Wanze« übte Majakowski Kritik an der kleinbürgerlichen Spießigkeit. Dafür steht exemplarisch die Hauptfigur, ein »früherer Arbeiter, früheres Parteimitglied, zur Zeit Bräutigam«, der im Zeichen der NÖP seine Klasse verrät und verkündet: »Wofür hab’ ich gekämpft? Fürs schönere Leben hab’ ich gekämpft. Nun halt ich’s zwischen den Pratzen, ein Weib, ein Haus, echte Umgangsformen. Wer im Krieg gewesen ist, hat das Recht, am stillen Ufer auszuruhen. Jawohl! Gar nicht ausgeschlossen, dass ich mit meinem Wohlstandsglück vielleicht den Standard meiner ganzen Klasse hinaufhebe.« Doch »Die Wanze« hatte keinen Erfolg, wurde von der Kritik verrissen und bald nicht mehr aufgeführt.
Im Jahr 1930 erkrankte Majakowski und geriet in eine persönliche Krise: Er litt unter Misserfolgen; Freunde und Literaturkritiker wandten sich öffentlich von ihm ab. Im Februar verreisten Lilja und Ossip Brik. Im März floppte Majakowskis satirisches Schauspiel »Das Schwitzbad«. Hinzu kamen Enttäuschung und Streit im Privaten, sein psychischer Zustand wurde zunehmend instabil. Er war nie eine Ehe eingegangen, hatte aber zahlreiche Liebschaften und auch daraus hervorgegangene Kinder. Die Schauspielerin Weronika Polonskaja war seine letzte Geliebte und die einzige Zeugin seines Selbstmordes. Als sie ihn nach einem Treffen am Morgen des 14. April in seinem kleinen Atelier verließ, hörte sie hinter sich einen Schuss. Er hatte sich im Alter von 36 Jahren mit einer Pistole ins Herz geschossen. In einem zwei Tage zuvor verfassten Abschiedsbrief heißt es: »Wie man so sagt, der Fall ist erledigt; das Boot meiner Liebe ist am Alltag zerschellt. Bin quitt mit dem Leben. Gebt niemandem die Schuld, dass ich sterbe, und bitte kein Gerede. Der Verstorbene hat das ganz und gar nicht gemocht.« Zehntausende Menschen folgten dem futuristischen Eisensarg, in dem der tote Dichter zum Friedhof gebracht wurde, und sangen die Internationale.
Linkes Wunschdenken
In Deutschland wurde der Spruch »Her mit dem schönen Leben« durch ein monumentales Graffito an der Kaimauer von Prora auf Rügen bekannt, das in den frühen 1990er Jahren entstand. Es ist mittlerweile übermalt, doch Anfang der 2000er Jahre fanden dort noch Strandpartys statt, die den Slogan übernahmen und sich in den folgenden Jahren zu einem Technofestival mit dem Namen »Her mit dem schönen Leben« entwickelten.
Eine explizit politische Bedeutung gewann der Spruch, als anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahlen im September 2002 Gewerkschaften und ATTAC zu einem Aktionstag gegen die neoliberale Globalisierungspolitik aufriefen. Unter dem Motto »Her mit dem schönen Leben – eine andere Welt ist möglich« kritisierten sie die Illusion, dass sich durch die Stimmabgabe allein die nötigen Veränderungen erreichen ließen. Und tatsächlich erfüllte die »rot-grüne« Regierungskoalition die Hoffnungen auf eine soziale und nachhaltige Politik nicht – im Gegenteil. Der Aktionsaufruf wurde am 18. September 2002 in der Taz von dem Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen kommentiert, der den Fokus auf die Lebensweise befremdlich und eher ungewöhnlich für eine »globalisierungskritische, früher hätte man gesagt, internationalistische Gruppierung« fand und bemerkte, »diejenigen, die heute jenseits der etablierten Parteien eine andere Politik verlangen«, würden »Slogans entwerfen, die rhetorisch eher den Versprechen der Werbung ähneln«. Der Fokus der klassischen Linken habe mehr auf den ökonomischen Verhältnissen gelegen, doch es lasse sich zunehmend eine Abkehr vom Bereich der Arbeit und Produktion hin zur Lebensweise beobachten.
Auch Robert Misik beschreibt in seinem Buch »Genial dagegen« (2005) die »Her mit dem schönen Leben«-Kampagne von ATTAC als Ausdruck der Hinwendung zur eigenen Existenz bei Linksradikalen. Leitend sei dabei die Vorstellung, dass man das gute Leben und die bessere Gesellschaft »antizipieren«, also vorwegnehmen könne und müsse. Dieses linke Wunschdenken, das mit der Illusion »gigantischer Effektivität des eigenen Tuns« einhergeht, wird ebenfalls von dem Philosophen Wolfgang Harich in »Zur Kritik der revolutionären Ungeduld« (1971) thematisiert. Die revolutionäre Ungeduld erhebt den Anspruch des sofortigen Umsturzes aller gesellschaftlichen Bereiche zugleich, »nur weil in ihnen allen in der Tat die inhumanen Auswirkungen von Ausbeutung, Unterdrückung und Manipulation« zum Ausdruck kommen. Dabei fehlen die Erkenntnis der wesentlichen Triebkräfte und Hebel gesellschaftlicher Veränderung und die Geduld, eine entsprechende politische Strategie zu erarbeiten und umzusetzen.
Mit der Vorstellung, schon im Jetzt das gute Leben verwirklichen zu können, begann laut Misik »die große Zeit der Kommunen, Selbsterfahrungsgruppen, (…) Hausbesetzer und der Alternativbewegung, später die von Feminismus, Gender, sexueller Identität, Antirassismus und Autonomen«. Linke Theorie und Praxis orientierten sich zunehmend auf persönliche Selbstverwirklichung, »den eigenen Leib und die eigene Seele«. Werte wie Authentizität, Autonomie und Anerkennung entsprachen dem Aufbau alternativer Lebensgemeinschaften und Selbsthilfegruppen. Es ist kein Zufall, dass zugleich die fordistische standardisierte Massenproduktion von einem ökonomischen Paradigma abgelöst wurde, das auf Flexibilität und Entbürokratisierung setzte und von den Arbeitskräften mehr Kreativität, Individualität und Eigeninitiative forderte. Die gesamte von Individualisierung und Privatisierung geprägte Produktionsweise erscheint als Gipfel der Demokratie, Gleichberechtigung und Freiheit.
Matthias Rude beschreibt unter dem Stichwort »Regenbogenkapitalismus« im Magazin für Gegenkultur Melodie & Rhythmus (September 2021) beispielhaft die Tendenz der Kommerzialisierung der Queerbewegung, die zumindest in ihren Anfängen auch einen linken revolutionären Anspruch vertrat. Dieser sei inzwischen jedoch kaum mehr wahrnehmbar, die auf den meisten Christopher-Street-Day-Demonstrationen vertretenen Forderungen erwiesen sich als kompatibel mit den Marketingstrategien großer internationaler Konzerne, die sich mit Hilfe der Regenbogenfarben ein progressives Image verschafften. Mittlerweile zeigt sich, dass es sich dabei um eine Werbetaktik handelt, die ausschließlich dann angewandt wird, wenn es den Gewinnaussichten zuträglich ist.
Immer mehr Unternehmen wie Google, Walmart oder Ford streichen gegenwärtig ihre Programme für Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion wieder. Dass diese Konzerne sich überhaupt mit der Regenbogenfahne schmücken konnten, hängt laut Rude damit zusammen, dass die Individualisierung und Spaltung des Kampfes gegen Unterdrückung und Ausbeutung durch die Queer Theory eine Verschleierung und »Neutralisierung der Klassenfrage« zur Folge hatte. So wurde der Widerspruch zwischen der Steigerung der Profite dieser Unternehmen zu Lasten von Mensch sowie Natur und der Forderung nach Gleichheit sowie einem selbstbestimmten Leben in einer solidarischen Gesellschaft kaum mehr bemerkt.
Lippenbekenntnisse
Im Sommer 2017 veranstaltete die Jugendorganisation der Linkspartei im Bremer Stadtteil Gröpelingen das Festival »Her mit dem schönen Leben!« Bei den Workshops, Konzerten und Partys sollte kein Platz für Rassismus, Sexismus und jegliche Form von Diskriminierung sein. Dazu erklärte Anna Fischer als »MitorganisatorIn des Festivals« am 17. Juni 2017 in der Taz, einen Raum »frei von diesen Dingen« zu schaffen sei »an sich schon ein politisches Statement«. Janine Wissler, zu diesem Zeitpunkt Vorsitzende der Linken, gab gegenüber dem DGB-Bundesfrauenausschuss im Mai 2021 an, das Wahlprogramm ihrer Partei sei mit dem alten Motto »Her mit dem schönen Leben« treffend überschrieben. Diese Forderung im Hier und Jetzt zu stellen sei nicht radikal, sondern nur gerecht. Tatsächlich ist die Linkspartei weit entfernt von einem tatsächlichen Plan zur Überwindung kapitalistischer Ausbeutung, sie begnügt sich mit Reformforderungen und bemäntelt das mit utopistischen Floskeln über die »Vision einer sozialen, gerechten und demokratischeren Gesellschaft«.
Schon Bertolt Brecht beschrieb, wie wortradikaler Protest in ungefährliche Bahnen gelenkt werden und sogar als systemstabilisierender Faktor wirken kann: »Das gegen ihn gespritzte Gift verwandelt der Kapitalismus sogleich und laufend in Rauschgift und genießt dieses.« Herbert Marcuse erklärte in seinem Essay »Repressive Toleranz« (1965), wie in formal demokratischen bürgerlichen Staaten abweichende politische Stimmen geduldet und ignoriert werden, solange sie sich innerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegen. Darüber hinausgehender Widerstand, der den Status quo in Frage stellt, wird mit Gewalt unterdrückt. Dennoch warnte Marcuse vor der Selbstbeschränkung auf legale Mittel, denn es »drohen in einer repressiven Gesellschaft selbst fortschrittliche Bewegungen in dem Maße in ihr Gegenteil umzuschlagen, wie sie die Spielregeln hinnehmen«. Er setzte große Hoffnungen in die neuen sozialen Bewegungen, die jedoch schließlich vor den von ihm beschriebenen integrierenden Tendenzen kapitulierten.
Trotz des radikalen Potentials richten sich Protestbewegungen immer wieder mehr oder weniger freiwillig in den bestehenden Verhältnissen ein: Klimaschutzaktivisten begnügen sich mit »grünen« Parteien, Tierschützer freuen sich über vegane Industrieprodukte von Fleischkonzernen, Feministinnen geben sich mit Frauenquoten und Sprachregelungen zufrieden und übersehen dabei die materielle Grundlage der Benachteiligung von Frauen. Die schmutzigsten Geschäfte und verbrecherischsten Kriege werden mit Regenbogenfahnen getarnt, und auch Antirassismus und Antifaschismus verkommen zur Farce, wenn die »Brandmauer gegen rechts« zu einem antiextremistischen Bollwerk der globalen Ausbeutungsverhältnisse mutiert. Friedensbewegte lassen sich wahlweise vor den Karren der einen oder anderen Kriegsprofiteure spannen, anstatt die internationale Solidarität mit dem Kanonenfutter aller Länder hochzuhalten und die strukturellen Ursachen der Kriege anzugreifen. Unter dem Stichwort des Klassismus wird die Diskriminierung der Armen angeprangert – und nicht die Existenz der Armut selbst. Die Möglichkeit einer anderen Wirtschaftsweise und Staatlichkeit verschwindet aus dem Blickfeld; statt dessen beschränkt sich die Perspektive auf Lippenbekenntnisse, Veränderungen des Lebensstils und der Konsumgewohnheiten.
Mittlerweile ziert der Spruch »Her mit dem schönen Leben« Wandbilder und Postkarten; mit seiner Hilfe werden Weine und Geschenksets vermarktet. Auch als Titel für Romane über turbulente Liebesgeschichten (Uwe Bogen) oder Coming-of-Age-Storys mit Happyend (Steffi von Wolff) muss er herhalten. Das »schöne Leben« wird in vielerlei Gestalt zum Kauf angeboten, als Heimtextilien, Kreativ- und Dekoartikel – oder als Wohnplatz im Luxusaltenheim: Die »Schönes Leben Gruppe GmbH«, Tochter der Investmentgesellschaft Waterland, ist einer der größten privaten Anbieter im Bereich der Altenpflege in Deutschland.
Majakowskis leidenschaftliche Kritik eines von privatem Konsum und Profitgier getriebenen »Her mit dem schönen Leben« ist heute nicht einmal mehr bei Linksradikalen angesagt. Während die einen im Namen des »schönen Lebens« Profite einstreichen, proklamieren die anderen das private kleine Glück im Hier und Jetzt. Sie geben sich damit nicht nur zufrieden, sondern verkaufen das Streben nach etwas höheren Löhnen und Sozialleistungen, Zugang zu Konsummöglichkeiten für alle und die bequeme Einrichtung in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen als fortschrittlich und emanzipatorisch, nur dürftig bemäntelt durch scheinbare Radikalität und Unangepasstheit in Rhetorik und Ästhetik. Ironischerweise brandmarkte die Formulierung »Her mit dem schönen Leben« selbst ursprünglich Tendenzen, die den mühsamen Prozess der Revolution verrieten und sich im Sumpf des Opportunismus gemütlich einrichteten.
Anmerkungen
1 Für den vorliegenden Artikel wurden einige Texte von und über Majakowski aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt.
2 Zit. nach Spiegel, 1.5.1962
Sophie Voigtmann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 13.10.2025 über den Maler Friedrich Zundel: »Porträtist seiner Klasse«
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Leserbrief von Franz Siklosi aus Einhausen (2. Januar 2026 um 10:57 Uhr)Robert Kurz hat ein Buch unter dem Titel »Die Welt als Wille und Design, Postmoderne, Lifestyle – Linke und die Ästhetisierung der Krise« geschrieben, der die ideologische Begründungen von der Abwendung vom Klassenkampf hin zur Verinnerlichung des Neoliberalismus beschreibt. Die Realität der seit dem Ende des sozialdemokratischen Kapitalismusmodells hin zur neoliberalen Abschaffung der scheinbaren sozialen Sicherheit, verbunden mit der Verelendung von Millionen Menschen, wird nicht mehr als relevant angesehen. Die materialistische Erkenntnistheorie wird durch subjektiven Idealismus ersetzt. Subjektiver Idealismus bedeutet – Anything goes – die Leugnung der Praxis und der Realität. Diese wird ersetzt von Werbung und Filme. Die prekären Arbeitsverhältnisse werden ausgeblendet und durch filmische Erzählungen ersetzt. Aus dieser Realitätsverleugnung entstand ab den neunziger Jahren ein postmoderner Charakter als quasi gesellschaftliches Über-Ich. Ein Charakterzug, der bei den Grünen und Linkspartei seine politische Heimat gefunden hat. Die postmoderne Ideologie, die ihren politischen Höhenflug mit dem Ende der Geschichte, sprich Marx und Freud, begonnen hat, ist beim Imperialismus zu sich gekommen.
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Leserbrief von Peter Nowak aus Berlin (2. Januar 2026 um 10:25 Uhr)Es ist interessant, in welch unterschiedlichen Zusammenhängen die Formulierung »Her mit dem schönen Leben« schon aufgetaucht ist. Das spricht aber nicht dagegen, sie auch in unseren Kämpfen zu verwenden, wenn klar gemacht wird, dass das schöne Leben im Kapitalismus nicht möglich ist, sondern gegen ihn erkämpft werden muss. Man kann auch sagen: »Her mit dem ganzen Leben«, wie es die streikenden Textilarbeiterinnen in den USA 1912 in ihren Song »Brot und Rosen« formuliert haben. Peter Nowak
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Leserbrief von Onlineabonnent/in André M. aus Berlin (2. Januar 2026 um 08:28 Uhr)Analytische Schärfe trifft historisch fundierten Verstand. Hervorragender Text! Er tritt sehr vielen eingebildeten Linken auf den Schlips, was unbedingt notwendig ist. Wie der Text es selbst beweist. Die Hauptkrux des real existierenden Sozialismus war, dass er keine eigene fundierte ökonomische Praxis entwickelt hat, die über neue Reproduktionsformen und dem Ausprobieren von kombinierten politischen/ökonomischen/sozialen Theorien einen kulturellen Wandel bei den Trägern des sozialistischen Experiments hätten bewirken können. Das Konsumtionsmodell der soz. Länder z. B. unterschied sich nur punktuell von dem der entwickelten kapitalistischen Länder (Hauseigentum, Privat-Pkw etc.). Wie auch das Produktionsmodell oft auf eine rücksichtslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen gerichtet war. Dieser Mangel an einem neuen Produktions-/Reproduktionsmodell erweist sich als schwerste Hypothek der politischen Linken. Deren etablierte Strömungen sind deswegen ohne jede politische Durchschlagskraft. Es wird ja nur im Blauen herumfabuliert, ohne jeden Bezug zu den Notwendigkeiten.
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