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Aus: Ausgabe vom 22.12.2025, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Spritzer an der Wand

Florian Kirner ist Prinz Chaos II. – und plötzlich Schlossbesitzer in Thüringen. Was das an Verwicklungen brachte, beschreibt er in einem Roman
Von Hagen Bonn
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So schön sind die Schlösser und Burgen Thüringens (Leuchtenburg bei Kahla)

Eine Buchbesprechung ist keine einfache Sache. Zuvor muss man das Corpus delicti nämlich lesen. Und auch das reicht nicht. Man muss als Kritiker die Verse des Verfassers auch verstehen, gedanklich verarbeiten, analysieren und zum Schluss eine schriftliche Bewertung abgeben. Zudem eine Bewertung, die den Leser unterhält, ihn bildet und eben auch informiert. Also über das Buch, über den Autor und den Zustand der Welt.

Okay, den Zustand der Welt lesen Sie bitte auf Seite eins selbst nach, ich habe da heute keine Zeit dafür. Denn ich habe soeben einen großen Schluck Kaffee an die Wand geprustet. Mir ist beim Lesen das Lachen im Hals stecken geblieben, und da gehört es ja nicht hin. Also raus damit. Samt Kaffee, an die weiße Wand. Feuchtes Tuch her, nun ist wieder alles paletti. Außer, dass der Leser noch kein Wort über dieses Buch erfahren hat. Obwohl, eine braungesprenkelte Küchenwand ist ja auch eine Aussage, oder?

Der autobiographische Roman »Freies Land« von Florian Kirner, auch bekannt als »Prinz Chaos II.«, beginnt in Thüringen, wo sich der Protagonist als westdeutscher Kolonialsiedler niederlässt. Da ist er aber schon groß. Vorher logierte er in Tokio, Berlin, Dachau (Oberbayern). Der Autor bekennt: »Das Ende meines Studiums machte meine Entwurzelung allerdings komplett. Ich hatte keinerlei Idee, was ich mit meiner neuen Freiheit anfangen und wohin ich mich wenden sollte.« Ein Satz wie ein Naturgesetz. Kennen wir alle, so oder so ähnlich. Da droht auch schon Rettung: »In der Redaktion der jungen Welt (…) fand ich einige richtig gute Leute.« Und die Leser dieser Zeitung fanden unseren Mann, der damals als »Commander Shree Stardust« schrieb, auch richtig dufte. Aber dann, wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe!

Seine Pläne gehen nicht auf. Dafür eine Internetseite für Immobilien. Raus aus dem urbanen Irrsinn, rein in … äh, ein Schloss im verträumten (also vom Westen gründlich verheerten) Süd­thüringen. Ich muss den Lesern dieser Zeitung nicht erklären, wie sich die Eingeborenen da gefreut haben müssen. Ein Westdeutscher, zudem ein Bayer, also ein Wessi hoch zwei, reißt sich 2007 das inzwischen marode Schloss unter den Nagel. Im übrigen bin ich dafür, dass den feinen Leuten von Weitersroda nachträglich ein Orden verliehen gehört. Nennen wir ihn irgendwas mit »Toleranz«. Denn in dem Teil Thüringens, aus dem ich stamme, hätte wir den jungen Schlossherrn binnen Tagesfrist geteert, gefedert und ihm die Ohren getackert.

Aber es kam ganz anders: Es kam das mit meinem Kaffee. Denn wer fährt kurz darauf vor dem herrschaftlichen Sitz vor? Der Nazi. In Rudelgröße. Die Faschisten wollen nicht etwa in der Schlossschenke einen Kamillentee schlürfen, nein, die stehen draußen, bereit zum High Noon: »Eine Gruppe von sechs Typen stand im Kreis, und ich sah hackende Bewegungen – Fußtritte auf einen leblosen Körper, der in der Mitte der Gruppe auf dem Boden lag. Ich stieß einen Schrei aus …« Man soll aufhören, wenn es am spannendsten ist, Sie wissen schon. Jedenfalls hält unser Held ein Holzschwert in der Hand, soviel sei verraten.

Falls Sie es sich jetzt noch nicht gedacht haben: Das Buch über »Prinz Chaos II., die Thüringer und ein Schloss«, so der Untertitel, ist eine fulminante wie charmante reale Satire zwischen Westklischee und Ostalgie, transformiert in einen Lebenstraum mitten am Rande »der innerdeutschen ­Fremde«.

Florian Kirner: Freies Land! Prinz Chaos, die Thüringer und ein Schloss. Fifty-Fifty-Verlag, Köln 2025, 304 Seiten, 25 Euro

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