Geschenke
Von Jürgen Roth
Rund um den Akt des Schenkens ließe sich ein ziemlich gütiges Bild des Menschen weben. In ihm finden die Anlagen zu Altruismus, Dankbarkeit, Gastfreundschaft und Wohltätigkeit Ausdruck. Die Gabe ist idealiter ein den Zwängen der Tauschgesellschaft entgegenstehendes Ritual, und sie pazifiziert.
Ich schenke gern, aber nicht zu Weihnachten. Ich möchte zu Weihnachten auch nicht beschenkt werden. In der Familie haben wir das Schenken zu Weihnachten vor ungefähr dreißig Jahren abgeschafft. Ich besitze, was ich brauche, und ab und zu benötige ich eine neue Hose, und die muss ich mir selber kaufen, eine passende Hose kann man sich nicht schenken lassen.
Am Freitag, beim Stammtisch, schenkte mir aber der Ludwig zu Weihnachten zwei Bücher, diese Schenkung konnte ich nicht ablehnen. Er löst sein Haus auf (ich habe hier über Ludwigs Domizil bereits geschrieben), weil er im Frühjahr nach Norwegen übersiedelt, und dann werden sie die uralte Hütte, vermute ich, niederreißen – wie alles, was im Wege steht, da es Geschichte in sich trägt.
Das eine ist ein Bändchen mit Prosa, Dramoletten und Gedichten von Schorsch Heidingsfelder, ein rarer Privatdruck von 1966: »Gutt dutt die Anschbacher Werm«. In Europa gibt es kein Territorium, auf dem annähernd so viele Mundarten wie in Franken gesprochen werden, linguistische Atlanten illustrieren das. Du fährst zwei Kilometer, und schon reden sie anders. Ein Exempel: Bei uns heißt der Kartoffelsalat »Ebbirnsalad« (Erdbirnensalat), Richtung Nürnberg indes »Gardoffelsalood« (und ähnlich).
Ich verstehe das Fränkische, dessen bekannteste Dichtervertreter Fitzgerald Kusz und Matthias Egersdörfer sind, als jemand, der streng hochdeutsch erzogen wurde, gut. Bei Heidingsfelders Ansbacher Schnack stieß ich jedoch an Grenzen. Gut, die damenbezüglichen Poeme gingen mir ein: »Dass alla Maadli amol zu die aldn Schachtln khärrn, / Des is des Miserawlste af dera Wält! / Es Gude ower is: Es hilft ka Gäld, / Dass nit as junga Kärl aa alda Debbm wärrn!« Oder: »Mir freia uns afs Winderbood / Weeng Ingrid und weeng Lini! / Is des denn nit scho lang gnuch schood; / Sicht mer ner bloß in Summer grood / Die Maadli in Bikini?«
Das zweite Druckwerk stammt aus dem Orla-Verlag Leipzig, Hans Alexanders epochales Traktat »Vom Baume der Erkenntnis«. Das undatierte Opus, das aus der Zeit des Jugendstils sein muss, schmückt eine nackte Eva, um deren Beine sich eine Schlange windet, deren Kopf die Scham verdeckt.
Herr Alexander hat außerdem die Megaseller »Das Schicksalsbuch der Jungfrau« und »Ein Opfer der Liebe – Der Aufsehen erregende Detektiv-Roman« verfasst.
Ludwig, ein stämmiger Bursche, krachte vor Lachen beinahe zusammen, als er mir vor dem Akt der Schenkung am Stammtisch eine Seite vorlas: »Alle in den vorhergehenden Kapiteln gestreifte Themata hängen mehr oder weniger mit dem Geschlechtstrieb zusammen. Dieser ist bei reifen Menschen beiderlei Geschlechts eine durchaus normale Erscheinung und seine Befriedigung daher ebenfalls etwas durchaus Normales und Selbstverständliches, ja im Interesse der Erhaltung der Gattung und ihrer Fortpflanzung unbedingt erforderlich. Letztere kann aber nur erfolgen, wenn Mann und Weib sich dem natürlichen und gemeinsamen Gebrauch ihrer Geschlechtsorgane hingeben. In abschreckender und abstoßender Weise begegnen wir aber auf dem Gebiete des Geschlechtsverkehrs bezw. (sic!) der Befriedigung des Geschlechtstriebs einer ganzen Reihe von Verwirrungen. An erster Stelle steht die Onanie oder Masturbation, auch Selbstbefriedung oder Selbstbefleckung genannt. Unter allen Perversitäten, wie man die unnatürliche Befriedigung des Geschlechtstriebes bezeichnet, ist sie die menschlich immerhin noch zu verstehende. Sie besteht darin, dass durch Reibung an den Geschlechtsteilen ein Wollustgefühl ausgelöst wird, dem dann, wie beim natürlichen Geschlechtsakt, die Erschlaffung folgt. (…) Für Erwachsene ist sie am wenigsten gefährlich, da durch die abgeschlossene Geschlechtsreife eine fast dem normalen Geschlechtsakt gleichkommende Wirkung (Samenerguss) erzielt wird. Widerwärtig bleibt die Onanie für jeden sittlich normal denkenden Menschen immer.«
Wichser und Wichserinnen dieser wahnsinnigen Welt! Wer weiter aufgeklärt werden will, dem schenke ich postkoital, Quatsch: postweihnachtlich eine Kopie von »Vom Baume der Erkenntnis«. Sütterlin muss man allerdings lesen können. Ich gewärtige Gesuche.
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