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Aus: Ausgabe vom 16.12.2025, Seite 1 / Ansichten

Faschistische Konsolidierung

Stichwahl in Chile
Von Volker Hermsdorf
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Nach der Wahl des bekennenden Pinochet-Anhängers José Antonio Kast zum künftigen Präsidenten Chiles knallten in Washington, Tel Aviv und Buenos Aires die Sektkorken. Mit über 58 Prozent der Stimmen gegenüber 41 Prozent für die progressive Kandidatin Jeannette Jara reiht sich Kast, der sein Amt am 11. März antreten wird, in die Phalanx ultrarechter Politiker ein, die in Lateinamerika auf dem Vormarsch sind.

Vor der Wahl hatte der US-Botschafter, Brandon Judd, noch vor einer Regierung gewarnt, die nicht mit US-Interessen übereinstimme. Am Sonntag schrieb US-Außenminister Marco Rubio dann, er freue sich nun auf die Zusammenarbeit, »um die regionale Sicherheit zu stärken«. Argentiniens Staatschef Javier Milei kündigte an, »dass wir uns gemeinsam vom unterdrückenden Joch des Sozialismus des 21. Jahrhunderts befreien«. Und die Jerusalem Post begrüßte, dass Kast – obschon Sohn eines ehemaligen Nazifunktionärs – die Regierung von Gabriel Boric ablöst, der ein »lautstarker Kritiker« der Netanjahu-Regierung sei. Kasts Sieg ist ein weiterer Schritt zur Konsolidierung neofaschistischer Kräfte, die innenpolitisch Bürgerrechte bedrohen und geopolitisch die imperialistischen Kreuzzüge der Trump-Regierung unterstützen.

Das Ergebnis ist auch eine Folge der Enttäuschung vieler Chilenen über die reformistische Politik von Boric, der vor vier Jahren noch auf der Welle einer Protestbewegung gegen das neoliberale Modell gewählt worden war. Nach seiner Wahl vernachlässigte der Sozialdemokrat die Kämpfe für Arbeiterrechte und soziale Gerechtigkeit zugunsten einer »Politik der Mitte« und trieb Arbeiter und die prekarisierte Mittelschicht damit in die Arme der extremen Rechten. In Lateinamerika distanzierte er sich von den antiimperialistischen Regierungen Kubas, Venezuelas und Nicaraguas. Als ehemalige Arbeitsministerin in Borics Kabinett bekam Jeannette Jara dafür nun die Quittung. Ob die Linke sich dadurch von der Niederlage erholen kann, dass Jara nun offenbar über ihre Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei nachdenkt, dürfte fraglich sein.

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  • Leserbrief von Mitter Albert aus Gmunden (15. Dezember 2025 um 21:08 Uhr)
    Wieder benennt eure Kommentierung der sich häufenden Wahlniederlagen der Linken in Lateinamerika nicht deren tieferen Grund. Sieht nicht, dass die Niederlagen dort und anderswo in der Selbstfesselung der Linken in den Grenzen der bürgerlichen Demokratie und damit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung liegen, die die Rede von Sozialismus zur bloßen Rhetorik macht. Die gravierendste, nachhaltigste Folge der Niederlagen des sowjetischen Sozialismusmodells im erste Kalten Krieg ist, dass weltweit (außerhalb der real existierenden sozialistischen Staaten und einiger weniger sozialistisch orientierter) es seither die Linke nicht mehr wagt, die bürgerliche Demokratie, eine Herrschaftsform der Kapitalistenklasse, und somit diese zu stürzen. Bleibt freiwillig auf einem politischen Spielfeld, auf dem sie letztlich nicht gewinnen kann. Weil auf ihm die ökonomische und ideologische Überlegenheit (Besitz der materiellen und geistigen/Meinungs/Produktionsmittel) zwangsläufig die politische Macht des Kapitals bedingt. Deshalb war für Marx wie Lenin klar, dass die politischen Institutionen des kapitalistischen Staats beseitigt und durch sozialistische ersetzt werden müssen. Selbst wenn der Wunsch großer Teile der Bevölkerung nach revolutionären Veränderungen der Gesellschaft Parteien, deren Programm eine solche verspricht, zu großen Mehrheiten verhilft, wie z. B. in Nepal oder Sri Lanka. In lateinamerikanischen Staaten werden diese überhaupt nicht den Erwartungen entsprechend zur Überschreitung der Grenzen der bürgerlichen Demokratie und damit der Macht von Kapitalisten und Großgrundbesitzern, also für eine revolutionäre Politik der Veränderung der Gesellschaftsordnung, genutzt. An der Regierung ist ihre Politik eine in den Grenzen des Systems. Ihre Umverteilung zugunsten der Ärmsten ist eine zu Lasten der arbeitenden Bevölkerung. Und das Kapital hat alle Möglichkeiten der Manipulation der Wirtschaft ebenso wie der Meinungen. So werden die Massen enttäuscht.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marian R. (16. Dezember 2025 um 23:16 Uhr)
      Ich kann mich Ihrer Meinung nur anschließen. Sie treffen den Kern der Sache ausgezeichnet: Die Quadratur des Kreises gelingt nicht – und kann nie gelingen!
    • Leserbrief von Hans Hermann Kindervater aus Bergisch Gladbach (16. Dezember 2025 um 12:07 Uhr)
      Die bisherigen Umsetzungsversuche waren ja auch so erfolgreich.

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