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Aus: Ausgabe vom 17.12.2025, Seite 11 / Feuilleton
Landlust

Weihnachtsmarktpropädeutik

Aus der Provinz
Von Jürgen Roth
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Hier gilt das Konzept »Nette Toilette«: Christkindlesmarkt

Heuer habe ich mich auf den Weihnachtsmarkt insgesamt »intensivst« (F. Merz) vorbereitet. Im Sommer zunächst die Kirchweih, die gemäß Genosse Sokolowsky aber endlich »Diversity Church Awareness Fair« heißen müsste. Silvio vom Bauhof, ein unbeugsam eigensinniger Thüringer, hatte mich informiert, dass man die Veranstaltung unter Fort-Knox-Bedingungen abwickeln werde: Straßensperrungen, Schranken und Betonzierelemente in jeder denkbaren Form, plus »Sicherheitsdienst«, der »ein wachsames Auge auf die Besucher wirft« und Rucksäcke kontrolliert.

Das Gerammel verteilte sich hernach über den halben abgeriegelten Ort. Dany, der Spengler ist, aus Potsdam stammt und sich sprachlich tipptopp assimiliert hat, brummte: »Für mich is’ des kaa Kerwa mehr. Der aane hockt bei der ›Linde‹, der ander’ hockt beim ›Jeepster‹, und der nächste hockt beim Keim. Ohne Bierzelt is’ des kaa Kerwa mehr. Des is’ a Scheiß. Da musst die ganze Zeit rumlatschen, des’ is’ kaa G’meinschaft mehr. Des is’ für mich kaa Kerwa mehr.«

Ich sparte mir den Zirkus an der oberen Haupt- und der Heilsbronner Straße und konzentrierte mich auf mein engstes Umfeld. Statt des Schlachtschüsselessens am Donnerstag abend rockten wir freitags im »Seven Bistro« einen Frühschoppen mit selbstgebauten Weißwürsten runter, die EU und ihr Hygienewahn konnten uns mal.

Ich mag ungezwungene Geselligkeiten seit meiner Kindheit, als unsere Eltern regelmäßig zum Umtrunk luden (in den Siebzigern überall Usus), diese Stunden erzeugten ein Gefühl des Aufgehobenseins und waren Urlaub vom Ich.

Auf dem Rummelplatz hantierten an den Zapfhähnen ausnahmslos Stümper und verschütteten jedes zweite Glas Bier. Stampfmusik zu Spanferkel, es trugen tatsächlich alle Turnschuhe, und Tattoos sind offenbar Musts. Warum wurden die Kinder immer noch nicht tätowiert?

In der Aufwärmphase solcher Sozialereignisse sind die Formierungsformen das Gebummel und das luftige Gewimmel (die Hauereien verlegt man sittengemäß in die späten Abendstunden). An der Hauff-Partyinsel saugte ein Rentner ein Weizen nach dem anderen in sich hinein. Die graubräunlichen Steinblöcke von St. Nikolai schauten zufrieden zu, Pfarrer Stahl radelte vorbei und grüßte mich lächelnd, jemand mit einer Regenbogenfahnenarmmanschette dackelte den Gehsteig hinunter, das muss anscheinend so sein, ich habe es aufgegeben, die Mitmachermenschen mit ihren »Werten« und Ambitionen verstehen zu wollen, zumeist sollte man sie sich vom Hals halten, sofern es die Möglichkeit gibt oder man – als Privilegierter – einen Garten hat, in den ich mich vorerst zurückzog.

Was denken wohl die Tiere des Ortes gerade?, dachte ich unterm Zwetschgenbaum. Ein Admiralsfalter gaukelte des Weges, der Sommerwind wanderte durch die Wiese, aus der nahen Ferne das Bimmeln des Karussells. Ein Marienkäfer umrundete den Tisch, ich hatte rotlackierte Frauenfußnägel vor Augen (Assoziation, yo!). Der Käfer setzte sich auf meinen Unterarm und krabbelte auf ihm umher. Die Mehlschwalben schwankten trunken am Himmel, die Ringeltauben hockten auf dem First und sinnierten, und bald läuteten die Glocken von St. Nikolai warm und friedsam, als hätten nie Feldgeistliche Schande auf sich geladen.

Ich weiß nicht, welcher – laut Sat.1-»Frühstücksfernsehen« – »Kirmestyp« ich bin, jedenfalls nicht der »Autoscooter-Poser«, der »Snacksucher« oder der Typ »Ich-hab’-’nen-Penis-auf-dem-Kopf«. Mir gefielen beim sonntäglichen Kirchweihumzug die Trachtengruppen und die ollen Trecker (Porsche-Diesel, Hanomag, McCormick) entschieden. Bürgermeister Schmoll stiefelte mit Bierpulle vorneweg, und als die alkoholisch optimal präparierten Kerwa-Buben herbeirollten, begann die höllische Wasserschlacht, und Ali, unser Gyrosfachmann, thronte rasch klitschnass wie ein Superstar auf dem Vordach des »Seven Bistro« und feuerte Hunderte selbstgebastelte Ballonbomben hinab, gegen die sich die mit Pumpguns hochgerüsteten Rotzkerle zu verteidigen versuchten.

Exakt zwischen Kirchweih und Weihnachtsmarkt war das TSC-Oktoberfest auf dem Parkplatz vom Besenbeck anberaumt, das ich ebenfalls absolvierte, weil mich der Dirk und der Josef durch Sturmklingeln zum Mitkommen genötigt hatten, obschon mir nach einer Pause zumute gewesen war.

Die Unerbittlichkeit der beiden war die größte, und so konnte ich mir ein paar Dirndldamen anschauen und einige Halbe zu 4,50 zwicken, ja, das Leben auf dem Lande ist kein Abiball, und nun fiebere ich wohlvorbereitet dem Weihnachtsmarkt im »geputzten Hüttenensemble« auf dem Sternplatz entgegen, o süße Schriftstellerexistenz, und bei der Gelegenheit weisen wir darauf hin, »dass es in Neuendettelsau das Konzept ›Nette Toilette‹ gibt«, und bitte beachten Sie die aus dem festlichen Anlass im Mitteilungsblatt geschaltete Anzeige des Reitvereins: »Rüstiger Rentner gesucht! Hast du Lust, dich an frischer Luft zu beschäftigen? Wir freuen uns über Unterstützung auf unserer Reitanlage! Leider keine Bezahlung möglich.«

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