Prucnal, Tucholsky
Von Jegor Jublimov
Die Warschauer Schauspielerin Anna Prucnal spielte 1974 in dem Film »Sweet Movie« neben Pierre Clementi eine der Hauptrollen. Es war eine internationale Produktion des Serben Dušan Makavejev, sie sollte Prucnals Leben radikal verändern. Mit einem Boot, dessen Galionsfigur ein Pappmachékopf von Karl Marx ist, fährt sie durch Amsterdamer Grachten und nimmt einen Sowjetmatrosen mit, der ihr die (nicht vorhandene) Unschuld nimmt. Neben Pornographie wurde dem Film Antikommunismus vorgeworfen und Prucnal der polnische Reisepass entzogen. Fortan baute sie sich in Frankreich eine neue Karriere auf. Sie spielte u. a. in »Fellinis Stadt der Frauen« (1980) und reüssierte als Chansonniere, auch mit Brecht-Liedern.
Nicht vergessen ist, dass sie nach dem polnischen Komödienerfolg »Backfisch« (1963) mehrfach in der DDR filmte, bei der Defa stand sie als Senta in »Der fliegende Holländer« (1964) und für »Reise ins Ehebett« (1965/66, mit Frank Schöbel) vor der Kamera. Im DFF folgten die Mehrteiler »Wege übers Land« und »Jede Stunde deines Lebens« (1968 u. 1969), die Titelrolle im Fernsehspiel »Dame Kobold« (1969) und die Antifaserie »Salut Germain« (1971). Ab 1989 kehrte Anna Prucnal, die zu ihren Ahnen den polnischen König Stanislaus I. zählt, für zahlreiche Auftritte nach Polen zurück. Am heutigen Mittwoch wird sie 85 Jahre alt.
Kommunist oder linker Sozialist? Gar im Herzen unpolitisch? Die Haltung von Kurt Tucholsky wird unterschiedlich interpretiert, wie man es gerade braucht. Das Leben des Autors, der heute zu den Meistzitierten zählt, war voller Widersprüche. Geboren in ein großbürgerliches, jüdisches Elternhaus in Berlin-Moabit, hat er das Großbürgertum immer wieder der Lächerlichkeit preisgegeben und auch jüdische Geschäftemacher nicht davon ausgenommen. Seine geliebte Heimatstadt sah er schon im Ersten Weltkrieg als moralisch verlottert an. Nach der Novemberrevolution engagierte sich Tucholsky in der USPD, liebäugelte nach deren Auflösung auch schon mal mit der KPD, deren Parteidisziplin er sich allerdings nicht unterwerfen wollte. Er schrieb für den Vorwärts und die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung, kurz: AIZ, politisch prononcierte Glossen und für die Weltbühne hellsichtige antimilitaristische Artikel, für die er mitunter juristisch belangt werden sollte. Daneben verfasste Tucholsky unter verschiedenen Pseudonymen Gedichte, Satiren, Reiseberichte, Erzählungen und Kabaretttexte, die ihn zu einem der damals am besten verdienenden deutschen Schriftsteller machten. Die zunehmend reaktionäre Stimmung in Deutschland veranlasste ihn, ab Mitte der 20er Jahre überwiegend im Ausland zu verbringen. Er lebte als Korrespondent in Frankreich, in der Schweiz und in Schweden. Nachdem ihn die Nazis als einen der ersten ihrer Gegner 1933 ausgebürgert hatten, blieb Tucholsky im schwedischen Exil und fasste 1935 neuen Mut, sich politisch zu engagieren. Sein Tod in Göteborg am 21. Dezember vor 90 Jahren wirft Fragen auf. Es gibt Indizien für ein Unglück oder für Mord. Suizid wird als wahrscheinlich angenommen, aber Zweifel bleiben.
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