Aus Bethlehem in Palästina
Von Ina Sembdner
Seit dem 6. Dezember erstrahlt die Geburtskirche in Bethlehem nach zwei Jahren wieder im Glanz eines Weihnachtsbaums – allerdings nicht ungetrübt. Alles sei »wunderschön geschmückt und der Baum ist beleuchtet, aber in jedem Palästinenser herrscht tiefe Trauer«, beschrieb der Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Weihnachtskirche, Munther Isaac, die Stimmung in der von Israel besetzten Stadt gegenüber Al-Dschasira: »Mit diesen Feierlichkeiten senden die Palästinenser eine Botschaft der Standhaftigkeit –, um zu sagen, dass wir immer noch hier sind, entschlossen zu leben, Bethlehem als Hauptstadt von Weihnachten zu erhalten und weiterhin seine Geschichte zu erzählen.«
Das treibt auch Johannes Zang an. Der studierte Musiktherapeut, der in Bethlehem und Jerusalem lebte und unterichtete, engagiert sich als Pilgerführer und vermittelt auf unterschiedlichen Wegen »Informationen zu Israel und Palästina sowie zum Heiligen Land, die man in der Tagespresse nicht finden kann«, wie auf seiner Webseite nachzulesen ist. Zangs aktuelles Buch lässt jene ihre Geschichten erzählen, die in der Berichterstattung über den laufenden Genozid kaum zu Wort kommen. Etwa 140.000 palästinensische Christen leben in Israel, 50.000 in den besetzten Gebieten Ostjerusalem, Westbank und im Gazastreifen. Und es werden immer weniger – vor allem Familien versuchen, der alltäglichen Gewalt und Repression durch den israelischen Staat zu entkommen. Zang will diese »Stimmen einfangen, bevor man sie nicht mehr in Jerusalem, Bethlehem oder Taibeh vernehmen kann, in Bethanien, Sababdeh oder Jericho«.
Er schafft es mit Kenntnis der Materie und der Menschen, die unterschiedlichen Protagonisten ins Gespräch zu bekommen – mal lockerer, mal streng den Leitfragen folgend. Er nimmt die Lesenden mit in die jeweiligen Lebenssituationen, eingebettet in prägnante Einführungen zu den in der Karwoche besuchten Städten und führt in die Geschichte und Gegenwart der palästinensischen Christen ein. Aber Zang wollte auch wissen, wie Christen hierzulande, in Österreich und der Schweiz auf die Lage ihrer »Glaubensgeschwister zwischen Mittelmeer und Jordanflüsschen« und den offiziellen Standpunkt ihrer Kirche blicken. Das vom Autor gewählte Zitat als Titel des Expertengesprächs – »Es gibt so etwas wie einen Christozid« – weist darauf hin, wie ernst die Situation wahrgenommen wird.
Dabei ist die Repression vielfältig und trifft unterschiedlich hart. So erzählt Hagop – »Armenier und Palästinenser«, wie er sich vorstellt –, dass er als Geschäftsinhaber in Jerusalem zwar volle Rechte genieße, es aber an Karsamstag mehr Polizei als betende Menschen in seiner Straße gebe. Von Willkür können alle berichten, etwa die in die USA ausgewanderte Tochter einer 98jährigen Jerusalemerin, die mit ihrem jordanischen Pass an der Grenze nach Jordanien eben diesen Aufenthaltsstatus verlor und als US-Bürgerin ausreisen musste. Zentrales Moment aller Lebens- und Alltagsgeschichten: Erholung, etwa am nahegelegenen Meer oder See, Familienbesuche, kurz der Besatzung entfliehen – nahezu unmöglich. Checkpoints an jeder Straße, Passierscheine, deren Ausgabe der Willkür und der eigenen Logik israelischer Behörden unterliegt, unterbinden allzu oft den Versuch. Aber auch, »was da und dort aufschien: Misstrauen gegenüber Muslimen; vielleicht sogar Neid angesichts ihrer finanziellen Möglichkeiten«, wie Zang seine Gesprächsbegegnungen resümiert.
Natürlich hält die palästinensischen Christen ihr Glaube an diesem Ort, die Gemeinschaft, die für die zu Wort kommenden Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichen Kirchen eine zentrale Rolle spielt. Und sie wollen nicht gehen, fordern statt dessen wie Tamara für ihren Heimatort: »Kommt und unterstützt Christen in Bethlehem. Damit wir hierbleiben können.« Die Evangelische Kirche in Deutschland hängt sich aber lieber an die Staatsräson und diskutiert aktuell einen »Vorfall«, der »das antisemitische Muster der Täter-Opfer-Umkehr« zeige. Das meint etwa die Antisemitismusbeauftragte in Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann von den Grünen. Sie bezieht sich auf eine Äußerung des Oberhaupts der einzigen lutherischen Kirche im Heiligen Land, des palästinensische Theologen und Bischofs Ibrahim Azar. Er hatte in seiner Predigt am Reformationstag von »zwei Jahren Völkermord« in Gaza gesprochen und der internationalen Gemeinschaft vorgeworfen, das Leiden der Palästinenser zu ignorieren.
Bei dieser Rede war auch eine Delegation aus NRW anwesend, unter anderem der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer. Er verließ die Erlöserkirche unter Protest: »Der Vorwurf, Israel habe seit dem 8. Oktober die Absicht verfolgt, das palästinensische Volk auszulöschen, ist völlig inakzeptabel! Das Leid des bestialischen Angriffs der Hamas auszublenden, schafft zudem eine perfide Täter-Opfer-Umkehr. Das war Antisemitismus in Reinform«, zitierte ihn die Rheinische Post. Zum nachweislichen Massenmord an Zehntausenden palästinensischen Zivilisten sagte er nichts. Alle Christen, die einen zionistischen Staat als Repräsentanten ausschließlich einer Religion anerkennen, erinnert die 18jähige Joyce daran: »Jesus ist nicht aus Israel, sondern aus Bethlehem in Palästina.«
Johannes Zang: »Und am Kontrollpunkt wartet die Erniedrigung.« 33 Christen aus Palästina reden Klartext. Messidor-Verlag 2025, 288 Seiten, 19,90 Euro
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