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Aus: Ausgabe vom 04.12.2025, Seite 6 / Ausland
Genozid in Gaza

Jeder Stein erzählt eine Geschichte

Palästinenser versuchen mit einfachsten Mitteln, von Israel zerstörte Kulturstätten in Gaza zu retten
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Arbeiter bei Arbeiten in den Ruinen des Paschapalasts in Gaza-Stadt (13.11.2025)

Mit 70.000 Toten, unzähligen Verletzten, Hunderttausenden Obdachlosen und ganzen Stadtteilen, die von der israelischen Armee in Schutt und Asche gelegt worden, ist die Aufgabe des Wiederaufbaus im Gazastreifen fast unvorstellbar groß. Aber an einigen wenigen Orten, an denen die wertvollsten historischen Denkmäler der palästinensischen Enklave schwer beschädigt wurden, versuchen Arbeiter bereits mit Schaufeln, die wenigen erhaltenen Überreste der Vergangenheit auszugraben. Dazu gehört auch die wichtigste Kulturstätte Gazas, die Große Omari-Moschee in der Altstadt von Gaza. Sie wurde von israelischen Streitkräften angegriffen, um einen Tunnel unter ihrem Gelände zu zerstören, der angeblich von Kämpfern genutzt wurde.

»Wenn die Besatzungsmacht (Israel) glaubt, dass sie durch die Zerstörung dieser Gebäude die Geschichte dieses Volkes auslöschen kann, irrt sie sich«, erklärte Hamuda Al-Dahdar gegenüber Reuters, wie die Agentur am Mittwoch berichtete. Der Architekt und Experte für Kulturerbe am Zentrum für Kulturerhaltung mit Sitz in Bethlehem arbeitet derzeit daran, die im Krieg zerstörten Stätten zu retten. »Diese Gebäude repräsentieren das kollektive Gedächtnis einer alten Nation, das bewahrt werden muss, und wir müssen uns gemeinsam dafür einsetzen, es zu schützen.«

In einer Enklave, in der die meisten Einwohner Flüchtlinge aus Städten und Dörfern des heutigen Israels sind – und die meisten Bezirke in den vergangenen Jahrzehnten hastig gebaut wurden, um sie unterzubringen –, war die Omari-Moschee für die Bewohner Gazas die wichtigste Verbindung zu ihrem eigenen kulturellen Erbe und dem reichen architektonischen historischen Erbe des gesamten Nahen Ostens. Der Ort, an dem laut lokaler Überlieferung der biblische Samson einen Tempel auf seine philistinischen Unterdrücker stürzte, beherbergte eine byzantinische Kirche, bevor der Kalif Omar im siebten Jahrhundert den Islam ins Mittelmeergebiet brachte und sie als Moschee neu weihte.

In den folgenden Jahrhunderten wurde sie unzählige Male von Mamelucken, Kreuzrittern und Osmanen verschönert und restauriert und war im Mittelalter als architektonisches Wunderwerk der Region bekannt. Ihr Minarett war das Wahrzeichen der Skyline von Gaza-Stadt. Gläubige drängten sich in der Basilika mit ihren Gewölbedecken und kühlen glasierten Fliesenböden und strömten nach dem Gebet durch den gewölbten Steinhof und die Tore des Geländes in die umliegenden Marktstraßen der Altstadt.

Der nahe gelegene Goldmarkt Al-Kaisarija war voller Geschäfte, deren Besitzer und Nachbarn dafür bekannt waren, zeitlose Legenden über den Hochzeitsschmuck unglücklicher Liebhaber und eifersüchtiger Schwiegermütter zu erzählen. Davon ist nur noch wenig übrig. Ebenfalls in Trümmern liegt der Paschapalast, ein Wahrzeichen, das teilweise aus dem 13. Jahrhundert stammt und ein Museum beherbergte, dessen Schätze nun verschwunden sind. »Wenn wir über Kulturerbe und Kultur sprechen, sprechen wir nicht nur über ein altes Gebäude oder alte Steine. Jeder Stein erzählt eine Geschichte«, sagte Dahdar.

Palästinensische Beamte und die UNESCO bereiten einen dreistufigen Wiederaufbauplan mit anfänglichen Kosten von 133 Millionen US-Dollar für historische Stätten vor, sagte Dschehad Jasin, stellvertretender Minister im palästinensischen Ministerium für Tourismus und Altertümer mit Sitz im besetzten Westjordanland. Oberste Priorität habe die schnelle Stützung von Bauwerken, die sonst einstürzen könnten. Allerdings mangele es an weißem Zement und Gips. Die Ressourcen in Gaza sind begrenzt, und die Preise für Ausgrabungs- und Restaurierungsmaterialien sind in die Höhe geschossen, sagte er.

In Gaza verursacht der Verlust kultureller Wahrzeichen nach wie vor besonderen Schmerz, selbst in Familien, die Angehörige, Häuser und Lebensgrundlagen verloren haben. Munsir Abu Assi berichtete, dass er seine Tochter trösten musste, nachdem sie erfahren hatte, dass die Große Omari-Moschee beschädigt worden war. »Sie ist sehr traurig. Als wir hörten, dass die Moschee getroffen wurde, waren wir überrascht und fragten uns: Warum?«, sagte Abu Assi. »Und als sie auch den Paschapalast trafen, waren wir uns sicher, dass diese Besatzungsmacht (Israel) die palästinensische Identität auslöschen und alle palästinensischen Denkmäler zerstören will.« (Reuters/jW)

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