Nicht die ganze Wahrheit
Von Marc Hieronimus
Bei aller »Anemoia«, der Sehnsucht nach einer Zeit, die wir nicht erlebt haben: Früher wollten wir besser nicht krank geworden sein. Mehr als ein Drittel der Neugeborenen erlebte die Kindheit nicht. Ganze Landstriche wurden durch Epidemien entvölkert, die heute mit Antibiotika innerhalb weniger Wochen besiegt würden. Sie wachen morgens auf und haben die Pest, die Geißel der Menschheit? Zehn Tage Ciprofloxacin – und Sie stehen wieder produktiv an der Werkbank oder sitzen auf dem Bürostuhl. Da ist heute manche Zahnbehandlung langwieriger und gefährlicher.
Wenn es keine Seuchen gab, starb man an den dümmsten Krebsarten oder Vergiftungen. Bei Verletzungen war Heilung oft nur durch Amputation zu haben, und zwar ohne Betäubung. Um, wie man heute sagen würde, die Vitalfunktionen zu überprüfen, die natürlich auch quasi erst gestern definiert wurden, steckte der Feldarzt dem verletzten Soldaten, während er ihm die betroffenen Gliedmaßen absägte, eine Pfeife in den Mund. Wenn der vor Schmerzen oder wegen Blutverlust das Zeitliche segnete, fiel das Ding aus dem Mund und in Stücke, weshalb »casser sa pipe«, also seine Pfeife zerbrechen, im Französischen heute Synonym für abnippeln, abkratzen, hopsgehen ist.
In vielen Bereichen haben die großen Kriege den medizinischen Fortschritt beschleunigt. Napoleon war der erste Feldherr, der seine Armeen impfen ließ. Im Ersten Weltkrieg wurde die Bluttransfusion standardisiert und angesichts der vielen Versehrten, insbesondere der »Gueules cassées« (zerbrochenen Fressen), die Prothesentechnik perfektioniert. Ebenso zahlreich wie die Errungenschaften waren die Irrwege. António Egas Moniz erhielt 1949 den Medizinnobelpreis für die Weiterentwicklung der Lobotomie. Ihnen geht es nicht gut? Wir schnippeln Ihr Gehirn auseinander! Oder Hygiene: Zwischen Pathologie und Geburtshilfe die Hände waschen? Herr Semmelweis, Sie gehören ins Irrenhaus (wo der kluge Ignaz S. tatsächlich endete)! Viele Entdeckungen wie die Mendelschen Gesetze mussten zwei- oder dreimal gemacht werden, oft verzögerte sich der Fortschritt, weil die verschiedenen Bereiche nicht zueinanderfanden. Anfang des 20. Jahrhunderts gingen gleich drei Nobelpreise an die Erforscher von Immunabwehrreaktionen, aber es dauerte Jahrzehnte, bis ihre Erkenntnisse in der Transplantationsmedizin wahrgenommen wurden, obwohl deren größte Herausforderung die Abstoßung des transplantierten Gewebes ist.
Jetzt erzählt ein umfangreicher Comic entlang der miteinander verwobenen chronologischen, personalen und sachlichen Stränge »Die unglaubliche Geschichte der Medizin«. Der erfahrene Zeichner Philippe Bercovici illustriert mit einer bekömmlichen, durch die Übersetzung leicht herabgesetzten Dosis Humor die vom dekorierten Mediziner und Medizinhistoriker Jean-Noël Fabiani-Salmon ganz im schulmedizinisch-Popperschen Duktus erzählte Entwicklung: Die Wissenschaft wurde schon immer immer besser. Wenn es noch Krankheiten gibt, dann nur, weil wir noch nicht alle Zusammenhänge im Körper entschlüsselt haben. Aber Humanmedizin ist keine harte Wissenschaft, sondern die Schnittstelle aus der Beobachtung von Realität und ihrem Erschaffen. Wirksame Placebos und psychosomatische Krankheiten dürfte es vom kartesischen Standpunkt überhaupt nicht geben.
Der Comic verliert kein Wort und kein Bild über alternative Behandlungsmethoden, die ja doch in einigen Bereichen (Akkupunktur, Osteopathie, Feldenkrais u. v. m.) als so erfolgreich angesehen werden, dass die Krankenkassen die Sitzungen finanzieren. Nichts über die Kehrseiten der modernen Medizin, über die Ivan Illich in »Die Nemesis der Medizin« geschrieben hat, darunter iatrogene Krankheiten, die es ohne sie gar nicht gäbe, oder die Verwandlung gesunder Menschen in ängstliche Patienten durch die Vorsorgeuntersuchung. Keine ethischen Bedenken wegen millionenfacher qualvoller Versuche an Tieren, die das im Comic noch mit grummeligem Humor nehmen, aber gewiss nicht in der Wirklichkeit. Mit anderen Worten: »unglaublich« lehrreich und unterhaltsam, aber nicht die ganze Wahrheit.
Jean-Noël Fabiani-Salmon (Text), Philippe Bercovici (Zeichnungen): Die unglaubliche Geschichte der Medizin. Aus dem Französischen von Marisa Kröpfl. Verlag Bahoe Books, Wien 2025, 328 Seiten, 32 Euro
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Mehr aus: Feuilleton
-
Quirlige Dreifaltigkeit
vom 01.12.2025 -
Klänge fürs All
vom 01.12.2025 -
Auf den Punkt
vom 01.12.2025 -
Nachschlag: Mimimetal
vom 01.12.2025 -
Vorschlag
vom 01.12.2025 -
Veranstaltungen
vom 01.12.2025 -
Das wahre Ganze
vom 01.12.2025